Author Topic: Hans Carossa: Eine Kindheit; Verwandlungen einer Jugend  (Read 2675 times)

Offline orzifar

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Hans Carossa: Eine Kindheit; Verwandlungen einer Jugend
« on: 10. Juli 2014, 21.00 Uhr »
Hallo!

Hans Carossa ist einer von jenen Deutschen, die man auch nach dem Kriege noch lesen durfte, deren Verwicklung in den Nationalsozialismus als wenig kompromittierend und also noch erträglich angesehen wurde. Wobei das durchaus nicht alle so sahen, wurde Carossa doch 1941 zum Präsidenten der nationalsozialistischen „Europäischen Schriftsteller-Vereinigung“ ernannt und auch - allerdings ohne sein bewusstes Zutun - in die sogenannte "Gottbegnadeten-Liste" aufgenommen, die sich aus all jenen Personen zusammensetzte, die den Herrschenden des Dritten Reiches als besonders wichtig erschienen.

Die beiden Erinnerungsbücher (eigentlich eine Trilogie: Ob ich aber den letzten Band noch lesen werde, will ich bezweifeln) sind in der Zwischenkriegszeit entstanden und behandeln Kindheit und Jugend Carossas in Niederbayern. In betulicher, altbackener Form wird hier das Aufwachsen gegen Ende des 19. Jahrhunderts dargestellt, oft klischeehaft, weitgehend unkritisch und für den heutigen Leser bestenfalls von mentalitätsgeschichtlichem Interesse. Die Sprache lehnt sich an die großen deutschen Vorbilder an, hat aber was Oberstudienrätliches, langweilt durch Triviallitäten und zeigt einen Menschen, von dem man sich sehr gut vorstellen kann, dass ihm auch im nationalsozialistischen Deutschland nicht nach Auflehnung war.

Während des Lesens war ich oft an Franz Buggle und seine These von der allesüberformenden frühkindlichen Indoktrination durch religiös-kirchliche Strukturen erinnert. So wird hier die Religion als etwas per se Positives dargestellt (obschon - unabsichtlich - im Erzählen der moralisch zweifelhafte Einfluss - etwa in Bezug auf die permanente Sündhaftigkeit des Menschen, vor allem des Kindes, erkennbar wird), demgegenüber Kritik undenkbar ist und dessen Anforderungen als etwas "Gottgegebenes" (und damit Unhinterfragbares) hingenommen werden. Selbst wenn einzelne Vertreter der Kirche als ungalubwürdig empfunden werden, bleiben die Grunddogmen der aufoktroyierten Religion tabu: "Jesus, die große Sonne, kommt keinem abhanden, den sein Strahl einmal durcheuchtet hat. Man kann ihn vergessen, man kann ihm abschwören, das ändert nichts; er ist vergraben im umwölktesten Herzen und es kann stündlich geschehen, daß er aufersteht." Wobei der zweite Teil des Satzes unfreiwillig jene Indoktrinierung dokumentiert, der Kinder in Europa immer noch ausgesetzt sind - assoziiert mit dem ach so lieben Jesukindlein, das in späteren Jahren nicht müde wurde mit ewigen Höllenstrafen zu drohen und - bis auf wenige Ausnahmen - der Intoleranz und dem Fanatismus das Wort geredet hat.

Carossa war nun aber diesen Einflüssen sogar weniger ausgesetzt als viele andere: War sein Vater doch naturwissenschaftlich gebildet und durchaus kirchenkritisch eingestellt (seine Mutter hingegen frömmlerisch). Offenkundig scheint es äußerst schwierig, sich diesem auf das Kind ausgeübten Einfluss zu entziehen, wenngleich das möglich ist. Niels Bohr (ähnliche Generation wie Carossa, allerdings in einem wohl weniger bigotten Umfeld in Dänemark aufgewachsen) gesteht als 16jähriger seinem Vater: "Ich kann nicht verstehen, wie ich auf all das so habe reinfallen können, es [das Glauben an religiöse Inhalte] bedeutet mir gar nichts." Allerdings scheint es zu einfach, den aufgeklärten Naturwissenschaftler dem Schriftsteller (und Schwärmer?) gegenüberzustellen: Pierre Duhem, weltweit anerkannter Physiker, hat etwa seine wissenschaftstheoretischen Ansichten dergestalt verändert, dass sie mit seinem christlichen Glauben übereinstimmten. Intelligenz und Rationalität allein scheinen nicht ausreichend für die Überrwindung solcher Indoktrination, umso wichtiger wäre es, den Einfluss der Kirche (vor allem auf Kinder und Jugendliche) einzuschränken.

Abgesehen von der Anregung zu solchen "Sekundärüberlegungen" sind die beiden Bücher aber eine kaum empfehlenswerte Kost: Langweilig, stilistisches Epigonentum, gedankliche Banalitäten. Obschon in solchen Dingen zumeist konsequent verspüre ich wenig Lust auf den dritten Teil (aber ob es wirklich klüger ist, die dadurch erübrigte Zeit Fichte zu widmen??).

lg

orzifar
Derzeitige Lektüre:

Herbert Schnädelbach: Philosophie in Deutschland 1831 - 1933
Hans Albert: Kritik des theologischen Denkens
John Irving: Owen Meany

Offline sandhofer

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Re: Hans Carossa: Eine Kindheit; Verwandlungen einer Jugend
« Reply #1 on: 11. Juli 2014, 07.12 Uhr »
Hallo!

Obschon in solchen Dingen zumeist konsequent verspüre ich wenig Lust auf den dritten Teil (aber ob es wirklich klüger ist, die dadurch erübrigte Zeit Fichte zu widmen??).

Nun ja: Zumindest geistes- oder ideengeschichtlich (oder wie immer man das nennen will) ist Fichte der interessantere Autor.  >:D

Grüsse

sandhofer
Wo nehme ich nur all die Zeit her, so viel nicht zu lesen? - Karl Kraus