Author Topic: Erhart Kästner: Zeltbuch von Tumilad  (Read 2547 times)

Offline orzifar

  • Administrator
  • *****
  • Posts: 2 942
Erhart Kästner: Zeltbuch von Tumilad
« on: 08. Juli 2014, 00.58 Uhr »
Hallo!

Kästner berichtet in diesem Buch über seine zweijährige Lagerhaft in der Wüste nach dem Zweiten Weltkrieg. Es ist ein über weite Strecken eindrucksvolles Erinnerungsbuch (schon allein das Kapitel über Gerhart Hauptmann ist äußerst lesenswert: Mynheer Peeperkorn in realiter). Daneben viele genaue Beobachtungen über ein Leben in permanentem Ausnahmezustand, über die Unmöglichkeit des Privaten, über sich auch in der Gefangenschaft nicht ändernde Charaktere, über jene, die noch immer die Schlachten eines vergangenen Krieges, eines gescheiterten Regimes analysieren. Einzelne Charaktere werden vorgestellt, der umtriebige Paul, Kunstfanatiker, Sammler selbst noch im Straflager oder der Dirigent Haffner (in Wirklichkeit Hans Hörner), der genau diese Umtriebigkeit als Ursache für all das Unglück ausmacht. Aber es gibt auch humanistisch Einfältiges wie etwa das Beklagen der Tatsache, dass man in den Sternen am Nachthimmel nicht mehr die Figuren der griechischen Mythologie erkennen, sondern immer schon ihre naturwissenschaftliche Existenz mit-denken würde, etwas, das nur einem beschränkten Geist als eine Reduzierung des Wunderbaren eines solchen Sternenhimmels erscheinen kann.

Und - wie fast überall bei Kästner - kein Wort der Selbstkritik, kein Gedanke an Auseinandersetzung mit dem Vergangenen, keine Kritik des Ungeheuren, das da geschehen ist. Kästner war Kriegsfreiwilliger, NSDAP-Mitglied und schrieb für das dritte Reich Propagandawerke, indem er - einer Tradition des 19. Jahrhunderts folgend - die alte griechische Kultur mit dem Deutschtum vermählte. Diese "griechischen" Werke wurden nach dem Krieg einer antifaschistischen Bearbeitung unterzogen, behübscht und als ein immer aktueller Hymnus an das Griechentum herausgegeben. So wurde Kästner zum Inbegriff des stillen, harmlosen Nachkriegsdeutschen, der verschweigt, vergisst, verdrängt, der plötzlich vom ignoranten Mitläufer zum gebildeten Humanisten wird, ohne je ein wirkliches Wort des Bedauerns für die gerade in Griechenland während seiner Anwesenheit geschehenen Gräuel zu finden.

lg

orzifar

So nebenher - Verwechslungsgefahr: Erhart Kästner ≠ Erich Kästner
« Last Edit: 08. Juli 2014, 16.28 Uhr by orzifar »
Derzeitige Lektüre:

Herbert Schnädelbach: Philosophie in Deutschland 1831 - 1933
Hans Albert: Kritik des theologischen Denkens
John Irving: Owen Meany

Offline sandhofer

  • Administrator
  • *****
  • Posts: 6 764
Re: Erhart Kästner: Zeltbuch von Tumilad
« Reply #1 on: 08. Juli 2014, 07.26 Uhr »
So nebenher - Verwechslungsgefahr: Erhart Kästner ≠ Erich Kästner

Schon klar.  ;D

Ich habe vor Jahrzehnten mal was von ihm gelesen, ohne seine Biografie näher zu kennen. Ich fand's harmlos und unbewegend, weshalb ich Erhart K. dann links liegen liess. Er war (oder ist?) aber mit seinen Griechenland-Werken äusserst gefragt.
Wo nehme ich nur all die Zeit her, so viel nicht zu lesen? - Karl Kraus