Author Topic: Peter Henisch: Eine sehr kleine Frau  (Read 1439 times)

Offline orzifar

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Peter Henisch: Eine sehr kleine Frau
« on: 03. Juli 2014, 04.02 Uhr »
Hallo!

Der Autor erinnert mit diesem Buch an seinen erfolgreichen, ebenfalls semi-autobiographischen Roman "Die kleine Figur meines Vaters". Hier ist es ihm nun um die Erinnerungen an die Großmutter zu tun, einer Frau mit jüdischen Eltern (aber mit einem gefälschten - für die Nazizeit überlebenswichtigen - katholisch-arischen Stammbaum ausgestattet), der von ihrer ersten großen Liebe ein Kind (Vater des Autors) und nur die Erinnerung an einen alsbald verschwundener Kavalier zurückbleibt, die sich im ersten Weltkrieg als Krankenschwester verdingt und dort ihren zweiten Mann kennenlernt (der sich als großdeutscher Nationalsozialist entpuppt, aber die jüdische Frau "trotzdem", der Ordnung wegen, zu heiraten sich herbeilässt).

1943 wird der hier erzählende Protagonist namens Spielmann geboren, das offenkundige alter ego des Autors. Und das, was seine Großmutter ihrem eigenen Sohn versagt hat (oder versagen musste?), versucht sie später an ihrem Enkel nachzuholen. Spielmann, der von Amerika nach Österreich "heimkehrt" (einer medizinischen Untersuchung wegen, die aber offenbar die wahren Beweggründe (welche??) kaschiert), stößt hier auf Spuren seiner eigenen Vergangenheit - und auf die seiner Großmutter. Und erzählt nun deren Leben, betroffen, einfühlsam, nostalgisch - aus der Sicht des selbst nun alt gewordenen, den ein möglicherweise fatales medizinisches Verdikt erwartet.

Henisch versucht nicht (wie etwa Kehlmann) mit Anlauf und großem Bemühen Weltliteratur zu schaffen, sondern erzählt, was ihn bewegt, beschreibt seine Nachkriegsvergangenheit und das Leben einer Frau, deren vielleicht einzige wirklich große Liebe ihr Enkel war. Und weil da nicht auf mögliche Resonanz geschielt wird, auf Erfolg und Eindruck machen - weil da ganz einfach nur erzählt wird, was den Autor berührt und beschäftigt, ist dieses Buch so viel lesbarer und empfehlenswerter als die Bücher des vorgenannten Autors (mit Ausnahmen). Eine wunderbar stille, angenehme Lektüre.

lg

orzifar
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