Hallo!
Der vorläufig letzte Kehlmann - und das aus gutem Grund. Dieser 2013 erschienene Roman versammelt noch einmal alle Unzulänglichkeiten des Autors (bei allem Talent, wobei: Talentiert sein heißt auch, solche Bücher nicht zu schreiben) und wirkt phasenweise wie eine Parodie auf sich selbst. Hat er in "Ruhm" noch zurecht den unaussprechlichen, esoterischen Brasilianer persifliert, so strotzt dieses Buch nun von ähnlich dümmlichen Einsprengseln, da treten Hypnotiseure auf, die stante pede das Leben verändern, allerlei wundersame Zukunftsbilder und übernatürliche Erscheinungen werden den Protagonisten zuteil und was es dergleichen mehr gibt. So etwas kann man machen, aber nur mit dem entsprechenden Feingefühl, nicht so platt metaphorisch und peinlich durchschaubar, wie dies hier geschieht.
Kehlmann scheint eines ganz und gar nicht zu beherrschen: Seine - teilweise geistreichen - Einfälle in ein Gesamtkonzept zu integrieren, eine Geschichte daraus zu machen, ein konsistentes Erzählwerk. Und weil er das offenbar nicht beherrscht, nimmt er Zuflucht zum Phantastischen, zu postmodernen Beliebigkeitsübergängen und hofft, dass der geneigte Kritiker in dieser Unfähigkeit Genialität erblicken möge. Was es mitnichten ist, dafür sind die allegorisch-metaphorischen Anspielungen viel zu platt, die ganzen Konstruktionen viel zu dürftig. Der Autor schreibt zu viel, er wirkt banal, manchmal hilflos, verwurstet jeden Einfall und verkauft schließlich eine Sammlung von Fragmenten als Roman - in der verqueren (viellicht berechtigten) Hoffnung, dass sich dazu schon was Geistreiches bemerken lasse.
Zum Roman selbst ist nicht viel zu sagen: Arthur Friedland, Vater von drei Söhnen (u. a. Zwillingen), wird durch die Sitzung bei einem Hypnotiseur zum Schriftstellerstar, eine Entwicklung, die sich schon seitenlang zuvor ankündigt (und ich hatte noch gehofft, dass mir der Autor diese Trivialität ersparen würde). Von den Zwillingen wird einer zum Börsenhai, der andere zum Maler (und Fälscher), was Anlass zu allerlei Plattheiten über den Bereich der Kunst und die Gier der Investmentbanker ist, der dritte zum ungläubigen Priester. Die Zwillinge sind einander auf fast übersinnliche Weise verbunden, sehen - teilweise - ihr Schicksal (= Ermordung) voraus, das schließlich den Künstler der beiden tatsächlich einholt. Dazu einiges Sentenzenhafte, dem man aber mit eingehenden Interpretationen zu viel der Ehre antun würde. Manchmal, selten ein witziger Dialog, ansonsten Allerweltsprosa mit großem Anspruch, der aber nirgendwo eingelöst wird. Eine wirkliche Enttäuschung.
lg
orzifar