Author Topic: Iwan S. Turgenjew: Väter und Söhne  (Read 2589 times)

Offline mombour

  • Hero Member
  • *****
  • Posts: 593
    • Martin Stauder  Prosa & Lyrik
Iwan S. Turgenjew: Väter und Söhne
« on: 15. Juli 2009, 20.39 Uhr »
Hallo,

im Roman geht es um den Kontrast von Weltanschauungen zwischen der jüngeren Generation gegenüber der Generation ihrer Väter, eine Auseinandersetzung zwischen den westlich orientierten Nihilismus gegenüber der Traditionen des russischen Landadels. Der Medizinstudent und Nihilist Basarow verbringt einige Tage auf dem Gut von Arkadijs Vater Nikolai Petrowisch Kirsanow. Arkadij ist Anhänger von Basarows Anschauungen. Auf dem Gut lebt auch Pawel Petrowisch, Nikolaijs Bruder. Zwischen ihm und Basarov entwickelt sich ein erbitterter Disput.

„Ein Nihilist ist ein Mensch, der sich von keiner Autorität verbeugt, der kein einziges Prinzip auf Treu und Glauben gelten läßt, gleichgültig, welchen Ansehens sich dieses Prinzip auch erfreuen möge.“

Von Pawel wird zu anfangs gelassen eine Frage aufgworfen, ob die Deutschen bessere Gelehrte haben als die Russen. Allerdings fühlt er sich von kaltschneuzigen Antworten Basarows gereizt. Basarow erkennt keine Autoritäten, auch keine wissenschaftlichen Autoritäten an. Basarow erkennt nur Tatsachen an, mit denen er sich dann einverstanden erklärt. Dass ein „ordentlicher Chemiker zwanzigmal nützlicher ist als jeder Dichter,“ darin stimme ich ihm sogar zu, den Kunst hat keinen praktischen Nutzen. Pawel ist ein Gefühlsmensch, ein Romantiker (war unglücklich verliebt usw). Mit so einem kann Basarow nichts anfangen. Basarow könen wir als ziemlich cool und abgebrüht umschreiben (auch sein Vorhaben , einen Frosch zu sezieren, deutet auf sein materialistisches Denken hin).

In Kap 7 fällt der interessante Satz Basarows: „Jeder Mensch muß sich selber erziehen.“ Man muss nur an sich selber glauben, nicht an irgendwelche Autoritäten oder Glaubensvorstellungen. Das erinnert mich an den Existentialismus.

Die Liebe zwischen Mann und Frau seziert Basarow völlig antiromantisch:

"Und was sind das für geheimnisvolle Beziehungen zwischen Mann und Frau. Wir Physiologen kennen diese Beziehungen. Studiere doch die Anatomie ds Auges: woher soll, wie du sagst, einrätselhafter Blick kommen? Das ist alles Romantik, Unsinn, Fäulnis, Künstlertum. Gehen wir lieber den Käfer ansehen."

Na, hier gebe ich Basarow nicht recht, denn ein Gefühl spiegelt sich auch immer im Ausdruck des Körpers wieder. Der Disput ist so lebensecht erzählt, dass ich in Versuchung gerate, mit den Protagonisten diskutieren zu wollen, sodass an dieser Stelle meine persönliche Meinung durchbricht. Eiskalt ist Basarow gewiss, weil er jegliches Gefühl abspricht. Kein Wunder, wenn Pawel ihn nicht mag und gereizter wird. Der Konflikt geht so weit, dass Pawel Basarow jegliches Russentum abschreibt, weil er jegliche Traditionen und religiöses Dasein ableugnet.

Durch die Begegnung Basarows mit Anna Sergejewna Odinzowa erweist sich im Roman erstmals der lebenspraktische Unsinn des Nihilismus.

„Basarow war ein großer Liebhaber von Frauen und Frauenschönheit , nannte aber die Liebe im idealen oder – wie er sich ausdrückte – romantischen Sinn blödes Zeug, eine unverzeihliche Dummheit, hielt ritterliche Gefühle für eine Abnormität oder eine Krankheit...“

In seinem praktischen Leben kann aber selbst der hartgesottene Nihilist und Naturwissenschaftler seinen Worten nicht folgen. Er er verliebt ich in Odinzowa. Diese Liebe wird zum Prüfstein zur Tauglichkeit seiner nihilistischen Thesen oder ob es sich nur um leeres Geschwafel handelt, nach denen ein Mensch nicht leben kann. Da auch Odinzowa in ihn verliebt ist, erzeugt Turgenjew eine wunderbar herrliche Spannnung zwischen den Liebenden, die ihre Verliebtheit aussprechen wollen, aber es noch zurückhalten. Ich finde, literarisch gesehen ein Höhepunkt des Romans. Turgenjew ist es in wunderbarer Weise gelungen, dem Leser das Unaussprechbare fühlbar zu machen. Herrlich das zu lesen.

In Turgenjews Roman erscheinen alle Gestalten, auch Nebenfiguren, sehr lebensnah und echt. Turgenjew ist ein wunderbarer Charakterzeichner und erzeugt auch zwischen den Zeilen Spannung.

Ich kann nur feststellen, dass die Umsetzbarkeit des Nihilismus fur das Leben gescheitert ist. Basarow selbst sagt zu Arkadij:

„Und nun heirate möglichst schnell und richte dir dein eigenes Nest ein und mache recht viele Kinder. Kluge Menschen werden es deswegen schon sein, weil sie zur rechten Zeit geboren werden, nicht so wie du und ich.“

Arina Wlasjewna, Basarows Mutter, wird uns als „eine echte russische Adlige der alten Zeit“ vorgestellt, die sehr fromm und gefühlvoll war, glaubte an okkulte Dinge wie Hausgeister, Hexen und allerlei. Über sie verkündet das erzählerisch Ich (Turgenjew selbst?):

„Derartige Frauen sterben jetzt aus. Gott weiß, ob man sich darüber freuen soll.“

Hier wird die Existenz Gottes nicht abgestritten, worüber Basarow sicher herlästern würde. Und Turgenjew selbst? Meine Überlegungen zielen darauf hin, nachzudenken, ob Turgenjew selbst ein Atheist, bzw. ein Nihilist gewesen sei. Vielleicht nicht unbedingt, weil der Nihilismus im Roman keine Zukunft hat. Oder darf man hier wieder nicht Romaninhalte und Weltbild des Autors durcheinandermengen? Es gibt aber durchaus noch andere Hinweise. Turgenjew schrieb die tiefreligiöse Erzählung „Die lebende Reliquie“. Schließlich endet das Bekenntnis des Erzählers auch nicht im Geiste Basarows, wenn er über Katjas Tränen wie folgt schreibt:

„Wer nicht solche Tränen in den Augen eines geliebten Wesens gesehen, hat noch nicht empfunden, in welchem Maße, vor Dankbarkeit und vor Scham ersterbend, ein Mensch auf dieser Erde glücklich sein kann.“

Turgenjew erzählt vom Scheitern des Nihilismus in der Welt. Die nihilistischen Thesen erhält Basarow u.a. aus den Schriften des deutschen Vulgärmaterialisten Ludwig Büchner. Arkadij gibt seinem Vater Büchners Werk „Kraft und Stoff“ und nimmt ihm dafür Puschkin aus den Händen.

Der Roman kann als vorbereitende Lektüre zu Dostojewskijs „Dämonen“ empfohlen werden, weil sich Dostojewskij in diesem Roman ebenfalls mit dem Nihilismus auseinandersetzt und sogar Turgenjew selbst auftreten lässt.

Liebe Grüße
mombour
Thomas Hardy: Herzen in Aufruhr
Fernando Pessoa: Buch der Unruhe

Offline sandhofer

  • Administrator
  • *****
  • Posts: 6 765
Re:Iwan S. Turgenjew: Väter und Söhne
« Reply #1 on: 16. Juli 2009, 06.20 Uhr »
„Ein Nihilist ist ein Mensch, der sich von keiner Autorität verbeugt, der kein einziges Prinzip auf Treu und Glauben gelten läßt, gleichgültig, welchen Ansehens sich dieses Prinzip auch erfreuen möge.“

M.W. das erste Mal, dass dieser Begriff auftaucht in der Literatur.

Der Roman kann als vorbereitende Lektüre zu Dostojewskijs „Dämonen“ empfohlen werden, weil sich Dostojewskij in diesem Roman ebenfalls mit dem Nihilismus auseinandersetzt und sogar Turgenjew selbst auftreten lässt.

Wobei er auch durchaus eigenständig gelesen werden kann /muss. Die Rolle des Nihilismus und Turgenjews in den Dämonen finde ich eher marginal. Bzw.: Was bei Dostojewskij unter diesem Namen auftritt, ist nicht dasselbe, was Turgenjew beschreibt, finde ich.
Wo nehme ich nur all die Zeit her, so viel nicht zu lesen? - Karl Kraus

Offline orzifar

  • Administrator
  • *****
  • Posts: 2 942
Re:Iwan S. Turgenjew: Väter und Söhne
« Reply #2 on: 18. Juli 2009, 14.50 Uhr »
Dass ein „ordentlicher Chemiker zwanzigmal nützlicher ist als jeder Dichter,“ darin stimme ich ihm sogar zu, den Kunst hat keinen praktischen Nutzen.

Das halte ich für eine verkürzte Darstellung und setzt eine Definition von Nutzen (bzw. eines Dichters) voraus, die einem gängigen Klischee entspricht. So nebenher impliziert diese Feststellung auch den immer wieder vorgetragenen Antagonismus zwischen Natur- und Geisteswissenschaft, der m. E. vernünftigerweise nicht aufrecht erhalten werden kann. Ich persönlich unterhalte mich am liebsten mit Menschen, denen sowohl die Vorsokratiker als auch Shakespeare ein Begriff sind, die aber ebenso mit dem zweiten Hauptsatz der Thermodynamik kein Satzgefüge verbinden.

Was ist Nutzen? Wem nützt was - und was schadet? Ich halte die als nützlich und tüchtig apostrophierten Zeitgenossen in meiner Umgebung häufig für die Schädlichsten, ich kenne einen sogenannten (Bernhard!) tüchtigen Chemiker, dessen Talent darin besteht, ungestraft möglichst viel Dreck in Flüsse zu leiten und mit einem Riesengeländewagen durch die Stadt zu fahren. Und ich kenne Schriftsteller, deren Werke mir mehr schöne Stunden beschert haben als die gesamte Pharmaindustrie es je zuwege bringen wird. Um nicht missverstanden zu werden: Ich bin kein Technikfeind, zweifle aber, ob das, was gemeinhin als Fortschritt (und nützlich) verstanden wird, auch mit meinem Begriff von Nutzen übereinstimmt.

Die Trennung in pragmatisch-ökonomischen Nutzen und nutzloser Kunst ist selbst ein Kunstprodukt. Beides, Kunst wie Naturwissenschaft erfordern Geist und Kreativität und sie verlangen den "moralischen" Menschen, der mit den jeweiligen Errungenschaften umzugehen versteht. (Ein beliebtes Vorurteil besteht darin, Kreativität mit Kunst, logische Intelligenz mit Physik, Mathematik, Informatik in Verbindung zu bringen. Kreativität ist aber für die Letztgenannten ebenso konstituierend wie für den Künstler - und Schönheit und Eleganz können sowohl in mathematischen Formeln als auch in Programmierlösungen liegen.)

Dieser "praktische Nutzen" entzieht sich m. E. einer allgemein gültigen Definition. So wie er in unserer Welt üblicherweise aufgefasst zu werden pflegt, sehe ich mich als Apologet des Nutzlosen, als einen Verteidiger der Brotlosigkeit. (Ich weiß, wovon ich rede  :)).

Liebe Grüße

orzifar
Derzeitige Lektüre:

Herbert Schnädelbach: Philosophie in Deutschland 1831 - 1933
Hans Albert: Kritik des theologischen Denkens
John Irving: Owen Meany