Author Topic: Bernulf Kanitscheider: Von der mechanistischen Welt zum kreativen Universum  (Read 1387 times)

Offline orzifar

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Hallo!

Ein anregendes, interessantes und intelligentes Buch, das sowohl in philosophischen als auch naturwissenschaftlichen Bibliotheken nicht fehlen sollte. (Mit Blick auf dieses Buch sind Aussagen wie jene von D. de Sauvage in dem von mir gerade gelesenen Buch "Krise der Philosophie", dass es eben in diesem Bereich nur noch akademisches Gewäsch gäbe (im übrigen ein Fall von "Selbstähnlichkeit", da auf Sauvages Elaborat der Vorwurf des Geschwätzes hervorragend passen würde), nur dann verständlich, wenn man ihre eigene Literaturliste sich ansieht: Adorno, Anders, Apel, Foucault, Freud, Gehlen, Habermas, Hegel, Horkheimer, Lyotard usf. Ein wenig über den philosophischen Tellerrand hinaus zu gucken würde nicht schaden ...)

Kanitscheider analysiert vom naturwissenschaftlich-philosophischen Standpunkt aus die Entwicklung von einer als determiniert geltenden Welt zu einem dynamisch-kreativen Kosmos anhand von System- und Chaostheorie. Wobei er nicht zu den vielen gehört, die sich aus modischen Gründen mit Fraktalen meinen beschäftigen zu müssen, sondern wirklich prägnante physikalische Analysen liefert zur Frage der Weltbetrachtung aus naturwissenschaftlicher Sicht. Sowohl seine historischen Ausführungen (er setzt sich etwa mit den "Paradigmenwechseln" von ptolemäischer zu kopernikanischer Weltauffassung bzw. von Newton zu Einstein auseinander, wobei er - zu Recht - das vorgeblich Revolutionäre dieser Übergänge nach Kuhn kritisiert und der kontinuierlichen Entwicklung das Wort redet) als auch seine physikalischen Erklärungen sind von großer Klarheit und zeugen von tiefer Einsicht in diese Materie. Kanitscheider streift fast alle relevanten philosophisch-wissenschaftlichen Fragen: Die der Redukion bzw. Separierbarkeit von Phänomenen, jene nach dem thermodynamischen Gleichgewicht, der entropischen Entwicklung und dem Zeitpfeil bzw. die damit verbundenen Implikationen in Bezug auf die kosmischen Modelle, Fragen der Willensfreiheit unter Berücksichtigung quantenmechanischer Effekte (Effekte, die immer nur die Unmöglichkeit von Prognosen, nie aber Willensfreiheit erzeugen können), das Problem der Algorithmisierung der Welt bzw. der Grenzen einer solchen Berechenbarkeit, die Notwendigkeit von Kausalität (in ihrer starken und schwachen Variante) für das Leben an sich (und - auch - die Willensfreiheit) oder die philosophische Bedeutung von Quantenmechanik und Relativitätstheorie. Das zu lesen ist in jedem Fall ein Genuss, unabhängig davon, ob man den Ausführungen Kanitscheiders immer zuzustimmen vermag oder nicht, denn: Intelligent ist es allemal, was er da schreibt.

Dass seine systemtheoretische "Gläubigkeit" manchmal zu weit geht, lässt sich am ehesten im Kapitel über Entropie, Ökonomie und Ökologie feststellen. Kanitscheider ist ein Anhänger Milton Friedmans, einem der wichtigsten Vertreter einer extrem freiheitlichen, neoliberalen Wirtschaftsform. Und er argumentiert - systemtheoretisch zu Recht - dass so komplizierte System wie etwa die Ökonomie oder die Ökologie auf Eingriffe äußerst sensibel reagieren und man außerdem die Folgen dieser Eingriffe kaum (oder gar nicht) berechnen könne. Daraus aber zu schließen, dass daher Regelungen weitgehend zu unterlassen seien, verkennt die Problemlage, die einer rein physikalisch-kosmologischen nicht vergleichbar ist. Denn ökonomische und ökologische Systeme haben eine (antinaturalistische?) Grundvoraussetzung, die im Grunde von jedem geteilt wird: Sie sollen - im weitesten Sinne - das gedeihliche Überleben der Menschen bewerkstelligen. Von diesem Apriori ausgehend wird man auf Eingriffe nicht verzichten können, auch wenn sie systemtheoretisch "falsch" sein mögen: Denn ich könnte mir etwa in Bezug auf die Ökologie ohne weiteres vorstellen, dass dieses System sich "natürlicherweise und sich selbst überlassen" zu einem menschlenlosen System entwickeln würde. Das mag nun für das ökologische Gleichgewicht schön sein, ist aber sicher nicht im Sinne derer, die über diese Probleme diskutieren. Ähnlich verhält es sich bei ökonomischen Maßnahmen: Vielleicht würde das Wirtschaftssystem sich am besten dann entwickeln, wenn große Teile der Menschheit aussterben würden oder auf andere humanitäre Katastrophen keine Rücksicht genommen werden würde. Das Wirtschaftssystem ist aber kein Wert an sich, sondern es hat nur jenen Wert, dem die Menschen ihm zuerkennen. Weshalb solche Implikationen (und das ist sicher auch im Sinne des Autors) durch Regelungen welcher Art auch immer verhindert werden müssen, auch auf die Gefahr hin, sensible Gleichgewichte zu stören.

lg

orzifar
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