Author Topic: Alice Munro: Tricks  (Read 1577 times)

Offline orzifar

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Alice Munro: Tricks
« on: 11. Juni 2014, 21.03 Uhr »
Hallo!

Dies ist also der dritte Band Erzählungen, den ich nun in relativ kurzer Zeit von Munro gelesen habe. Und nach dem durchwachsenen Beginn mit "Offene Geheimnisse" und einigen Zweifeln, ob ich noch weitere Werke der Autorin lesen solle, bin ich nun durchaus froh, dies getan zu haben. Dieser Band (ausschließlich Erzählungen, keine autobiographisch gefärbten Geschichten) übertrifft den der "Offenen Geheimnisse" bei weitem.

Insbesondere jene drei Erzählungen, die "Juliet" zu ihrer Hauptperson machen, sind von außergewöhnlicher Qualität. Und zwar deshalb, weil sie auf alles Außergewöhnliche, Besondere oder geschichtenspezifisch Spannende verzichten, einzig das Leben dieser Frau schildern, ihre kleinen Wünsche, Träume, Sehnsüchte, Schicksalsschläge und dabei das Bild einer Person erstehen lassen, die in ihrer psychologisch konzisen Zeichnung ihresgleichen in der Literatur sucht. Es sind die kleinen Bemerkungen, kurzen Charakteristiken, die so sehr beeindrucken und die das wirklich große Talent verraten. Sätze, die in kurzen, genauen Bildern zu beschreiben vermögen, was bei anderen Schriftstellern Seite um Seite erfordert, ohne dass damit auch nur annähernd die Prägnanz, das Plastische der hier gegebenen Darstellung erreicht wird.

Allerdings finden sich in diesem Band auch zwei Erzählungen, bei denen leider auf "literarische Aufbereitung" nicht ganz verzichtet wurde. In der Anfangsgeschichte leistet dies eine weiße Ziege, die schließlich bedeutungsschwanger wieder verschwindet (und ohne dieses Brimborium wäre "Ausreißer" ganz ausgezeichnet), in der letzten Erzählung ("Kräfte") darf die Protagonistin abschließend fünf Seiten lang vor sich hinträumen und so dem Ganzen einen "sinnigen" Abschluss verleihen. Das ist aber nun Jammern auf hohem Niveau: Insgesamt ist der Band einfach nur empfehlenswert. Und eines ist bei fast allen Erzählungen auffällig: Ich kenne kaum Literatur, in denen so häufig Frauenfiguren auf derartig beeindruckende Weise beschrieben wurden. Das mag natürlich am Geschlecht der Autorin liegen - aber nicht nur: Sie scheint sich auf ihre Protagonistinnen sehr viel stärker einzulassen als andere, hier hatte ich oft den Eindruck einer wirklich genuin weiblichen Sicht (und nicht einer vorgestellten oder aufgesetzten, der man ihre Prägung - ob positiv oder negativ - durch eine männliche Umwelt immer anmerkt).

lg

orzifar
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