Author Topic: Daniel Kehlmann: Der fernste Ort  (Read 2969 times)

Offline orzifar

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Daniel Kehlmann: Der fernste Ort
« on: 01. Juni 2014, 21.09 Uhr »
Hallo!

Nun läuft Kehlmann Gefahr, mich endgültig zu verärgern. Habe ich "Ruhm" noch ausnehmend gerne gelesen, so hat sich das Vergnügen über "Ich und Kaminski" und dann "Mahlers Zeit" (das nun wirklich schwach war) sukzesszive reduziert. Das vorliegende Buch ist aber wirklich ein mehr als fragwürdiges Elaborat, es besitzt alle Merkmale einfallsloser Jugendliteratur und auch deren Plattheiten und Peinlichkeiten.

Julian, ein frustrierter, gelangweilter Akademiker fährt zu einem Kongress für Versicherungsmathematik (oder ähnlichem) und nimmt, statt seinen Vortrag vorzubereiten, ein Bad in dem als gefährlich geltenden See. Und ertrinkt - oder aber ist wenigstens nahe daran. So nahe, dass man in Rückblenden einerseits sein Leben erfährt, andererseits aber auch mit seinem Wunsch nach Flucht in ein anderes Leben konfrontiert wird. Und so beginnt er - scheinbar, denn das Fiktive der Geschehnisse wird erst langsam sichtbar - ein neues Leben, täuscht seinen Tod vor, reist zurück in seine alte Wohnung, geht in sein verlassenes Büro, spricht mit dem Bruder (wieder eines dieser unerträglichen "Genies", die durch alle belletristischen Ergüsse hampeln), besucht den todkranken (in Wahrheit aber längst verstorbenen) Vater, erörtert den Selbstmord seiner Mutter. Das Ganze ist ein bloß billiges Klischee (erinnert an Hesses "Klein und Wagner", wobei ich diesmal Hesse den Vorzug geben würde); und die Tatsache, dass das alles ein "Traum" ist, macht es noch ein wenig unerträglicher. Sind doch Träume stets die ideale Grundlage für allerlei metaphorisches Gesülze, dessen sich der Schriftsteller unter realistischeren Bedingungen nicht bedienen dürfte. Und so schneit's durchgängig und taucht das Szenario in eine seltsame Weichzeichnerlandschaft, Züge fahren nirgendwo und überall hin, Personen tauchen auf und verschwinden - ganz nach Gutdünken des allegorisierenden Schriftstellers. Und am Ende sitzt Julian erschöpft an einem solchen Bahnhof und antwortet auf die Feststellung, dass der Zug gleich komme, mit einem tiefsinnigen "ich weiß".

Kein Ende also für Leihbibliotheken (wie das Dürrenmatt genannt hat), sondern eines für den interpretationsgeilen Literaturtheoretiker. Aber mit allzu viel Interpretation tut man dem Buch schon zuviel des Guten: Da steckt nichts drin, schon gar keine irgendwie originelle philosophische Aussage. Ein paar Beschreibungen, die geglückt sind, der Rest Literatur mit aufgesetztem Anspruch, der einem Gymnasiasten zu zweifelhafter Ehre gereichen würde.

Und nun? Der ich noch zwei Bücher von Kehlmann in der Warteschleife habe? Das war in einem Maße schwach, wie ich es normalerweise zu verzeihen nicht geneigt bin. Mal sehen ...

lg

orzifar
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