Author Topic: Fjodor M. Dostojewskij: Der Doppelgänger  (Read 2234 times)

Offline mombour

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Fjodor M. Dostojewskij: Der Doppelgänger
« on: 15. Juli 2009, 20.37 Uhr »
Im Jahre 1846, in gleichen Jahr, in dem sein erster Roman „Arme Leute“ erschienen ist, wird „Der Doppelgänger“ in der Zeitschrift „Vaterländische Notizen“ veröffentlicht. Kritiker und das Publikum waren enttäuscht. Publikumswirksam ist der kurzere Roman wirklich nicht, er fordert den Leser ziemlich heraus. Trotzdem lohnt sich hier genauer hinzuschauen. In diesem Roman geht es um eine Persönlichkeitsspaltung im medizinischen Sinne. Die Verworrenheit, die Unsicherheit, die Ahnungen, die hier verstreut werden, das irritiert, mag aber vom Autor gewollt sein. Der Geisteszustand des Protagonisten soll sich in dem Text niederschlagen. Das erschwert zwar die Lesbarkeit des Textes, es lässt sich aber interessantes entdecken.

Zu Beginn wacht der Protagonist, der Titularrat Jákoff Petrówitsch Goljädkin, aus dem Schlaf auf. Er befindet sich noch in einem Zustand, in dem er nicht von Tag und Traum unterscheiden kann. Durch diesen Trick gelingt es Dostojewskij schon, den Leser darauf vorzubereiten, was ihn erwartet; nämlich ein Blick in das Bewusstsein des Beamten, das zwischen Realität und Wahnsinn pendelt. Auch der Name Goljädkin ist ein selsamer Name, bedeutet er doch armer Schlucker, Hungerleider oder Habenichts. Der Name des Beamten weist auf das bittere Schicksal des Herren hin.

Das große Selbstbewussstsein Goljädkins, welches er ausstrahlt, wenn er sich fein einkleidet und eine Equipage bestellt, ist nur von kurzer Dauer und recht unstabil. Denn sofort knickt es ein, als er aus der Droschke blickt, und zwei Kollegen erblickt, anschließend noch seinen Vorgesetzten, den Staatsrat Andréi Filípowisch. Goljädkin will sich vor sich selbst verstecken, er will nicht gesehen werden.

'Ich...ich, bin eben gar nicht ich', dachte er unter Gefühlen, als müsse er auf der Stelle vergehen, gar nicht ich, ganz einfach, bin ein ganz Anderer – und nichts weiter.'


Auf diese Weise bereitet Dostojewskij die Pesönlichkeitsspaltung vor. Aufschlussreich ist auch Goljädkins Besuch bei dem Arzt Krestjan Iwanowitsch Rutenspitz. Man weiß gar nicht, warum er seinen Arzt besucht, er kann sich nur sehr vage ausdrücken, doch es bricht sein Verfolgungswahn zu Tage

„...ich habe gehässige Feinde, die sich verschworen haben, mich zugrunde zurichten.“.

Wer seine Feinde sind, lässt sich vermuten. Es sind Menschen aus seinem Umfeld; z.B. Wladimir Ssemjónowitsch, von dem Jákow bewusst abwertend spricht, seine Lippen wären von der Kindermilch noch nicht trocken geworden, Ssemjónowitsch nun zum Assesor aufgestiegen ist, aber nicht, und das muss man sich dazudenken, Goljädkin selbst. Alle scheinen sich gegen Jákoff Petrówitsch verschworen zu haben. Die Erniedrigung, die er erfährt, als er als Gast bei Klara Olssufjewna abgewiesen wird ist hart.

„...den größten Wunschin die Erde zu versinken oder mitsamt der Equipage un ein Mauseloch verkriechen“

wünscht sich Goljädkin. Unerträglich drückend empfindet er die Blicke aus den Fenstern, die rückwärts auf ihn einschlugen, als er das haus verließ. Warum Goljädkin von Klaras Geburtstagsfest abgewiesen wird, wird nicht gesagt, aber es lässt sich vermuten, er sei in Klara verliebt und deshalb unerwünscht. Er verschafft sich noch einmal Zugang zu dem Fest, es gelingt ihm in den Festsaal vorzudringen, wird aber wieder herausbefördert, nachdem er sich bis zu Klara vorgedrungen hatte. Auf dem Fest ist auch sein direkter Vorgesetzter, der Herr Andréi Filipowitsch. Alle Menschen verhalten sich ihm gegenüber feindlich. Der Rausschmiss aus der Gesellschaft muss Herrn Goljädkin auf ärgste gekränkt und psychisch niedergerissen haben, denn auf dem Heimweg, in dunkler Nacht, begegnet er erstmals seinen Doppelgänger. Dostojewski hat diese Szenerie sehr schon schaurig in Schauerromanmanier erzählt.

Psychologisch interessant ist doch, dass der Feind in sich selbst, in Herrn Goljädkin selber steckt. Aüßere Feinde werden introperspektiv verarbeitet. Seinen Doppelgänger stellt ihn in aller Öffentlichkeit bloß, durch ihn verliert er seine berufliche Tätigkeit. In seinem Beziehungswahn erlebt Goljädkin, wie alle Leute gegen ihn integrieren:

'Sie alle stecken miteinander unter einer Decke...einer steht für den anderen und einer hetzt den anderen gegen mich auf.'


Mit Fortschritt des Romans steigert sich Herr Goljädkins Wahn immer mehr. Das wird in einem Traum vorbereitet, in dem Jákoff Petrówitsch Doppelgänger in vielfacher Ausführung erleben muss, die ihn rücklings verfolgen.

"Und alle diese Ebenbilder begannen nun, kaum daß sie erschienen, eines dem anderen nachzulaufen. In einer langen Kette wie eine Reihe watschelnder Gänse, zogen sie hinter Herrn Goljädkin dem Älteren her, daß es ganz unmöglich war, ihnen zu entfliehen... "

Das besondere an dem Roman „ ist die oft verwendete Form des inneren Monologes. Ängste, Befürchtungen und Goljädkins Wut über seinen Doppelgänger erleben wir in den Gedanken des Protagonisten selbst. Wie er sich irrt und dreht in seinen Ängsten, äußerst sich in der Befürchtung, man werde ihn selbst mit seinen Doppelgänger verwechseln. Das betrachtet er als sein größtes Unglück, welches sein eigenes Selbst untergräbt und ihn sozusagen zu einer Nichtperson degradiert. Ich denke, sein Wahnsinn ist aus einer sehr großen Minderwertigkeit heraus entstanden, am liebsten würde er sich in ein Mauseloch verkriechen (ach ja, das hatten wir schon; s.o. im Text). Der Traum mit den unzähligen Ebenbildern Goljäkins deutet auf eine übermäßige Beschäftigung mit sich selbst hin, d.h. Übermäßige Selbstkritik, 'wie wirke ich auf andere', usw.

Aus psychologischer und psychiatrischer Sicht ist der Roman hochinteressant und gibt dem Leser genug Freiraum zum Selberdeuten. Eine große Menschenkenntnis des Autors offenbart sich schon in diesem Frühwerk, allerdings bin ich mir nicht so sicher, ob ich alles vom Handlungsablauf her verstanden habe. Einen verworrenen Eindruck hinterläßt der Text schon. Nicht immer ist es leicht, sich durch die Gedanken Goljädkins zu graben.

Liebe Grüße
mombour
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