Author Topic: Alice Munro: Wozu wollen Sie das wissen?  (Read 2301 times)

Offline orzifar

  • Administrator
  • *****
  • Posts: 2 942
Alice Munro: Wozu wollen Sie das wissen?
« on: 31. Mai 2014, 00.10 Uhr »
Hallo!

Bei diesem Buch handelt es sich um eine autobiographisch gefärbte Spurensuche mit teilweise fiktivem Charakter (der von der Autorin auch beton wird). Und der Vergleich mit dem vor kurzem gelesenen Geschichtenband fällt eindeutig zugunsten des vorliegenden Buches aus, vor allem der semifiktionale Anfangsteil ist ein wunderbar zu lesendes Stück Literatur. Munro findet die Balance zwischen Historizität und erzählerischer Kreativität, der Leser versinkt in eine vergangene Welt, die authentisch, spannend, berührend wirkt.

Aber auch der stärker autobiographisch gefärbte Teil von Munros Jugend oder dem Sterben des Vaters sind beeindruckend durch die Offenheit der Autorin (die sie mir zwar nicht unbedingt sympathisch macht, die aber von Mut und sprachlicher Begabung zeugen). Es zeigt sich (wieder im Vergleich zu den Geschichten des anderen Buches), dass Geschichten nicht von der Phantasie ihres Schöpfers, sondern von der Fähigkeit der Beobachtung und Beschreibung leben und lebendige, realistische Erzählungen keiner phantastischen Überhöhung bedürfen. Hier hat man jedenfalls das Gefühl, dass das Adjektiv "grossartig", das ich in der anderen kurzen Besprechung moniert hatte, sehr viel eher angebracht wäre. Viel psychologisches Feingefühl, ein sehr genaue Beobachtungsgabe, das Gespür für Nuancen in den Charakteren der Menschen machen dieses Buch äußerst lesenswert.

lg

orzifar
Derzeitige Lektüre:

Herbert Schnädelbach: Philosophie in Deutschland 1831 - 1933
Hans Albert: Kritik des theologischen Denkens
John Irving: Owen Meany

Offline sandhofer

  • Administrator
  • *****
  • Posts: 6 764
Re: Alice Munro: Wozu wollen Sie das wissen?
« Reply #1 on: 31. Mai 2014, 08.53 Uhr »
:D
Wo nehme ich nur all die Zeit her, so viel nicht zu lesen? - Karl Kraus

Offline Anna

  • Full Member
  • ***
  • Posts: 155
Re: Alice Munro: Wozu wollen Sie das wissen?
« Reply #2 on: 31. Mai 2014, 18.27 Uhr »
Hallo!

Ich habe das Buch neulich geschenkt bekommen, und es ist schön zu hören, dass sich das Lesen lohnt.

Viel psychologisches Feingefühl, ein sehr genaue Beobachtungsgabe, das Gespür für Nuancen in den Charakteren der Menschen machen dieses Buch äußerst lesenswert.

Ja, das gilt auch für "Tricks", dem einzigen Buch von Munro, das ich bisher kenne. Vielleicht krieg ich demnächst ja noch eine Rezension hin.

Aber auch der stärker autobiographisch gefärbte Teil von Munros Jugend oder dem Sterben des Vaters sind beeindruckend durch die Offenheit der Autorin (die sie mir zwar nicht unbedingt sympathisch macht, die aber von Mut und sprachlicher Begabung zeugen).

Was meinst Du damit, dass die Offenheit der Autorin sie Dir nicht unbedingt sympathisch macht ???

Gruß
Anna

Bodo Kirchhoff - Verlangen und Melancholie
Regina Dieterle - Theodor Fontane
Charles Dickens - David Copperfield
Traudl Bünger, Ella Berthoud, Susan Elderkin - Die Romantherapie

Offline orzifar

  • Administrator
  • *****
  • Posts: 2 942
Re: Alice Munro: Wozu wollen Sie das wissen?
« Reply #3 on: 01. Juni 2014, 01.28 Uhr »
Hallo!

Was meinst Du damit, dass die Offenheit der Autorin sie Dir nicht unbedingt sympathisch macht ???

Die junge Frau, die sich in diesem Buch mir präsentiert, ist keine Sympathieträgerin, ist ist ein wenig eitel, arrogant, selbstgefällig, wobei diese spezifisch jugendlichen Attitüden aufgrund ihrer Herkunft durchaus verständlich werden. Gerade aber dieses unverstellte Porträt hat - weil nicht geschönt - Qualität, es ist plausibel, authentisch. Aber die Frage nach der Sympathie einer realen oder aber Kunstfigur ist natürlich belanglos: Und dass die Autorin gerade bei einer autobiographischen Skizze auf Behübschung weitgehend verzichtet macht das Buch ehrlich. (Irgendwie fürchte ich jetzt missverstanden zu werden: Diese Heranwachsende ist keineswegs eine Ekelpaket, sie ist eine aus Verunsicherung ein wenig zu selbstsicher agierende Person. Aber sie ist glänzend beschrieben, auch wenn ich sie mir als Gesprächspartnerin nicht unbedingt wünschen würde. Allerdings hege ich einen solchen Wunsch ohnehin eher selten ;).)

lg

orzifar
Derzeitige Lektüre:

Herbert Schnädelbach: Philosophie in Deutschland 1831 - 1933
Hans Albert: Kritik des theologischen Denkens
John Irving: Owen Meany