Hallo!
Bei diesem Buch handelt es sich um eine autobiographisch gefärbte Spurensuche mit teilweise fiktivem Charakter (der von der Autorin auch beton wird). Und der Vergleich mit dem vor kurzem gelesenen Geschichtenband fällt eindeutig zugunsten des vorliegenden Buches aus, vor allem der semifiktionale Anfangsteil ist ein wunderbar zu lesendes Stück Literatur. Munro findet die Balance zwischen Historizität und erzählerischer Kreativität, der Leser versinkt in eine vergangene Welt, die authentisch, spannend, berührend wirkt.
Aber auch der stärker autobiographisch gefärbte Teil von Munros Jugend oder dem Sterben des Vaters sind beeindruckend durch die Offenheit der Autorin (die sie mir zwar nicht unbedingt sympathisch macht, die aber von Mut und sprachlicher Begabung zeugen). Es zeigt sich (wieder im Vergleich zu den Geschichten des anderen Buches), dass Geschichten nicht von der Phantasie ihres Schöpfers, sondern von der Fähigkeit der Beobachtung und Beschreibung leben und lebendige, realistische Erzählungen keiner phantastischen Überhöhung bedürfen. Hier hat man jedenfalls das Gefühl, dass das Adjektiv "grossartig", das ich in der anderen kurzen Besprechung moniert hatte, sehr viel eher angebracht wäre. Viel psychologisches Feingefühl, ein sehr genaue Beobachtungsgabe, das Gespür für Nuancen in den Charakteren der Menschen machen dieses Buch äußerst lesenswert.
lg
orzifar