Hallo!
Mario Bunge versucht sich hier an einem "ewigen" Thema der Philosophie, ein Problem, das streng rationale oder materialistische Lösungen erfahren hat und das nun langsam aus dem Fokus gerät. Ursache dafür ist die neurobiologische Sichtweise, eine Haltung, die die weitgehend spekulativ-metaphysischen Lösungsansätze in den Hintergrund gedrängt hat.
Bunge wendet sich sowohl gegen die dualistische Sichtweise eines Descartes als auch gegen eine rein materialistische Deutung. Der Geist sei etwas, das niemals ohne ein neurologisches Korrelat existieren könne, womit jeglicher Dualismus in die Nähe von Geistererscheinungen gerückt wird. Aber er sei auch kein auf materielle Tatsachen reduzierbares Phänomen, sondern vielmehr eine emergente Erscheinung der Ausbildung eines hochkomplexen Zentralnervensystems mit riesiger Schaltungseinheit: Dem Gehirn. Soweit kann man dieser Lösung ohne weiteres zustimmen, sie hat viel Plausibles für sich, ohne aber in platten Materialismus abzugleiten.
Allerdings kommt Bunge aus der analytischen Schule und versucht dergestalt, der verschiedenen Gehirntätigkeiten mit einem Formalismus Herr zu werden. Die Motivation ist verständlich: Können doch formale Strukturen unter entsprechenden Voraussetzungen sich als prüfbar bzw. widerlegbar erweisen. Dennoch scheint Bunge mit seinen oft skurril anmutenden Formeln weit über das Ziel hinauszuschießen, sie wirken konstruiert und scheinen oft dem bloßen Willen zum Formalismus ihre Entstehung zu verdanken; sie suggerieren eine Wissenschaftlichkeit, die im Zusammenhang mit psychischen Funktionen und Strukturen reines Wunschdenken darstellt.
Dadurch erfahren auch konkurrierende Modelle eine oft einseitige Verurteilung, die sie in dieser Form nicht verdienen. Und er schießt mit seinen Versuchen, alles und jedes auf bloß neurobiologische Funktionen zurückzuführen (wobei er selbstverständlich mit dem Diktum recht hat, dass es keine irgendwie gearteten psychischen Zustände gibt ohne die neurologischen Komponenten), denn auch über's Ziel hinaus. So schreibt er etwa, dass "wissenschaftliche Erklärung einer Eigenschaft bedeute, den entsprechenden Begriff mit einem anderen, normalerweise komplexeren gleichzusetzen." Und weiter: "Zum Beispiel bedeutet die Gleichsetzung eines bestimmten mentalen Zustandes mit der Aktivität eines gewissen plastischneuralen Systems die Erklärung des ersteren, einer psychologischen Gegebenheit, mit Hilfe der letzteren, eines zur Neurophysiologie gehörenden Sachverhaltes." Das ist nun schlicht falsch: Hier wird gar nichts erklärt, sondern bestenfalls beschrieben. Eine Beschreibung aber (etwa sämtlicher Objekte in unserem Sonnensystem) erklärt nichts, wie Bunge dann später richtig ausführt, ist dazu zumindest eine gesetzliche Vorbedingung notwendig. Ohne ein solches Gesetz wird nichts erklärt. Keinesfalls aber erklärt der neurologische Zustand eines Gehirns (wie genau der auch immer beschrieben werden kann) irgendetwas von dem, was der Träger dieses Gehirns tut, fühlt, erkennt. (Ebensowenig wie die bitweise Analyse eines Computers, seine sämtlichen aufgelisteten Spannungszustände irgendetwas über das Funktionieren dieses Computers aussagt.)
Unter diesen Verkürzungen bzw. der formalistischen Herangehensweise leidet dieses Buch, das andererseits aber äußerst kluge und geistreiche Überlegungen zu diesem Thema bietet. Wobei es vor allem die kuriosen Formeln und Definitionen sind, die einem das Lesen verleiden (beliebig herausgegriffen, wobei ich die einzelnen - zumeist griechischen Buchstaben - "übersetze": "Es sei v das Wahrnehmungssystem eines Lebewesens b, und es bezeichne die Gleichung pi quer s(v, T)= {Fv(t)|t Element aus T)} den spezifischen Prozeß oder die Funktion, durch den v während der Zeitspanne T durch einen Gegenstand x, der sich außerhalb von v befindet erregt wird; ferner sei ... usf." Ich kann einfach nicht glauben, dass derlei der Klarheit dient oder das Verständnis fördert. Dann aber wieder gibt es mehr als treffliche Analogien: "Das Primatengehirn und einige seiner Teilsysteme verfügen über geistige Fähigkeiten, was sich auch so ausdrücken läßt, es befände sich in unterschiedlichen geistigen Zuständen, doch es ist nicht imstande, 'sich selbst zu denken'. Seine Existenz ist von einem Träger nicht unabhängiger als etwa Masse von der Existenz realer Körper." (meine Hervorhebung) Summa summarum eine lohnende Lektüre, die aber einen geduldigen Leser erfordert.
lg
orzifar