Hallo!
Das Buch ist als Krimi etikettiert - aber das scheint eher eine Marketingmaßnahme zu sein. Denn wenn sich das Geschehen auch um zwei Morde entspinnt, so sind die typischen Ingredienzien eines Krimis zumeist andere (weshalb man allenthalben beim Lesen Langeweile konstatierte von seiten dieser getäuschten Klientel). Mir aber hat der Roman recht gut gefallen, nichts, das eine Zuordnung zu "großer" Literatur rechtfertigen würde, aber ein angenehm und (für den Nicht-Krimi-Leser) spannend zu lesende Letküre.
Richard kommt an ein College in Vermont - in der Absicht alte Sprachen zu studieren, was eigentümlicherweise auf Schwierigkeiten stößt: Der Professor, von den wenigen Studenten ehrfurchtsvoll verehrt, weigert sich anfangs, ihn aufzunehmen. Dann aber gelangt er doch in den elitären Kreis dieser Gruppe, deren Studenten sich vornehmen, "echte" Bacchanalien zu feiern. Und vier von ihnen gelingt es, sich in einen entsprechenden dionysischen Zustand zu versetzen: Mit der unangenehmen Folge der Ermordung eines Farmers, der sich von dem Treiben gestört fühlt. Der fünfte der Gruppe, Bunny, erfährt von der Tat, ist verstört, verunsichert, macht Anspielungen und wird so zusehends eine Gefahr für die anderen: Sodass sie beschließen, auch Bunny umzubringen, eine Tat, bei der schließlich auch Richard (der erzählende Protagonist) mehr zufällig beteiligt ist.
Das wirkliche Grauen aber setzt nach der Tat ein: Eine durch Zufälle ausufernde Suchaktion, das Begräbnis Bunnys, die zerbrechende Freundschaft der Gruppenmitglieder, die zwar aneindergeschmiedet sind, sich aber zusehends in Hass und Misstrauen ergehen. Ohne entdeckt zu werden kommt es schließlich zum Eklat, der informelle Führer der Gruppe begeht Selbstmord, der Rest - mit Ausnahme des Erzählers - zerbricht an den Ereignissen.
Tartt gelingt vor allem im zweiten Teil eine psychologisch genaue, tiefgehende Analyse, zwischen Schuldgefühlen und drogeninduziertem Studentenleben, zwischen der Angst entdeckt zu werden und der Verzweiflung über das nicht enden wollende Grauen. Die Charaktere sind durchwegs gut gezeichnet: Der arrogante, wohlwollende, aber eigentlich feige Professor, der nietzscheanische Henry (dessen Selbstmord aber ein wenig konstruiert wirkt) oder der blasierte, wohlhabende Francis, der seinen eigenen Attitüden zum Opfer fällt. Und eine subtile Skizzierung des Leben am College mit ihren Drogenparties, Saufgelagen, One-Night-Stands, äußerst realistisch, aber bar aller effekthascherischer Szenen. Gute, ansprechende Unterhaltung seitens einer Autorin, deren Talent nicht zu verkennen ist, die aber möglicherweise Gefahr läuft, sich allzu sehr in äußere Handlungen zu verlieren. Andererseits aber ein ungleich größeres Lesevergnügen als etwa Paul Austers "Buch der Illusionen", ein Roman, der immerhin der Anspruch auf hohe Literatur erhebt.
lg
orzifar