Hallo!
David Mahler, ehemaliges Wunderkind, nun Physiker an der Universität, wird eines Nachts eine Erkenntnis zuteil: Dass nämlich der zweite thermodynamische Hauptsatz umgangen werden kann, was eine Umkehrung der Zeitrichtung (oder auch ein perpetuum mobile) möglich macht. Begleitet wird diese Erleuchtung von allen möglichen Seltsamkeiten: Todesfällen, Katastrophen, seltsam "warnenden" Träumen und dergleichen mehr. Mahler sucht nun den Nobelpreisträger Valentinov, erlebt weitere Sonderbarlichkeiten und stirbt schließlich, bevor er ihm die entscheidende Mitteilung machen kann. Sein Freund, der ihn bei dieser Suche begleitet, erfährt im Gespräch mit dem Nobelpreisträger, dass Mahlers Entdeckung (er hat ihm seine Berechnungen zugesandt) keineswegs jene wissenschaftliche Revolution sei, für die es ihr Schöpfer gehalten hat. Aber es bleibt unklar, ob nicht auch Valentinov zu einer Art kosmischer Verschwörung gegen eine solche Entdeckung gehört, sich schlicht in seiner Einschätzung irrt oder aber mit seiner Beurteilung recht hat.
Von allen bisher von mir gelesenen Kehlmann-Büchern ist dies das mit Abstand schwächste. Die infantile Darstellung eines hochbegabten Physikers inklusive allerlei phantastisch-esoterischer Einsprengsel ist ein einziges Ärgernis: So stellt sich Klein-Maxi die Wissenschaft, Philosophie und Physik vor, nachdem er erstmals mit einschlägiger Lektüre in Kontakt gekommen ist. Ein Klischee um das andere wird bemüht, der Geniestreich des Findens der Weltformel ist die Sache einer Nacht begleitet von außergewöhnlichen Erscheinungen, die jedem religiösen Propheten zur Ehre gereichen würden. Diese mehr als kindische Darstellung einer Wissenschaftswelt nebst verkanntem Genie ist peinlich, aber ein äußerst beliebtes Sujet der Literatur: Nichts wird von der Leserschaft so sehr geschätzt wie genau das verkannte Wunderkind, für das sich jeder nur zu gerne selbst hält. Warum nun Schriftsteller solche Einfaltspinseleien begehen kann entweder auf ökonomische Interesse oder auf veritable, intellektuelle Kurzsichtigkeit zurückgeführt werden. (Es erinnert mich ein wenig an die schier ungeheure Naivität Arno Schmidts, der mit ein wenig Oberstufenmathematik das Fermatsche Problem zu lösen sich anschickte. Solches zeugt von bodenloser Naivität aber auch von größter Unkenntnis des Wissenschaftsbetriebs und einer völligen Unterschätzung jener Leistungen, die dort erbracht werden.)
Kehlmann scheint für den Typus "wissenschaftliches Genie" ein gewisses Faible zu haben: Auch in der "Vermessung der Welt" krankt die Darstellung an der simplifizierten Figur des Mathematikers Gauß, der mit all jenen Eigenschaften überreichlich ausgestattet wird, die man Mathematiker zuzuschreiben pflegt. Was dort ein bloßes geringes Ärgernis darstellt gerät hier zur Katastrophe: Denn es sind eben genau jene Eigenschaften, die die Hauptfigur Mahler konstituieren. Die esoterische Begleitmusik des Wundersamen, der allegoriehaft-prophetischen Träume macht das Ganze zu einem mehr als zweifelhaften Elaborat.
lg
orzifar