Author Topic: Michael Schmidt-Salomon: Manifest des evolutionären Humanismus  (Read 1751 times)

Offline orzifar

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Hallo!

Ein Manifest der Aufklärung, ein Votum für wissenschaftlich-rationales Denken und gegen religiösen Obskurantismus oder relativistische Beliebigkeit. Natürlich kann ein Manifest keine wissenschaftlich-philosophisch fundierte Analyse aller dieser mit der Aufklärung verknüpften Bereiche liefern, obschon es Schmidt-Salomon auf ansprechende Weise gelingt, seine Vorstellungen einer schöneren Welt darzulegen. Der Duktus dieser Schrift ist für meinen Eindruck ein wenig zu kämpferisch, zu engagiert; andererseits bewundere ich die Energie dieses Engagements, das ich selbst aufzubringen mit zunehmenden Alter immer weniger imstande bin.

Der Autor streift alle relevanten Themen bzw. Vorurteile: Etwa, dass unsere demokratisch-freiheitliche Gesellschaft auf christlichen Grundlagen basieren würde (das genaue Gegenteil ist der Fall: Alle Gleichberechtigung, Demokratie (als Staatsform von der kath. Kirche erst 1961 anerkannt), freie Meinungsäußerung wurde gegen den Willen und die Macht der Kirche durchgesetzt), er kritisiert den Einfluss der Religionen auf die Bildung in schulischem und universitärem Bereich, die per definitionem intolerante Haltung der Religionen, die sich gegen Kritik immunisiert und damit Vorurteile tradiert oder auch die häufig vertretene Einstellung, dass Religion gerade im ethisch-moralischen Bereich unverzichtbar wäre. Auch hier würde man den Bock zum Gärtner machen: Gott war nur sehr selten der Grund für humanes Verhalten, hat aber im Gegenteil sehr häufig als Ausrede für Kriege und Morde herhalten müssen: Eine intolerant-perverse Haltung, wie sie bereits in der Bibel festgeschrieben wurde. Und Schmidt-Salomon nimmt auch die politischen Religionen von seiner Kritik nicht aus: So gab es sowohl im Nationalsozialismus als auch im Marxismus jene Immunisierungstendenzen gegenüber der Kritik, wie sie für Religionen typisch sind. Überall, wo Autoritäten, Bücher, Lehren für sakrosankt und damit unkritisierbar erklärt werden, wird eine sich als frei verstehende Gesellschaft verhindert. Rationaler Diskurs muss immer möglich sein: Und es gibt keine Instanz, keine Macht (auch nicht die einer sich humanistisch verstehenden Aufklärung), die von diesem Diskurs ausgenommen werden darf.

Manches im Buch wird nur gestreift, bedürfte einer genaueren Ausarbeitung: Aber ein Manifest ist keine Habilitationsschrift. Insofern kann man das Werk als durchaus gelungen betrachten, dem man inhaltlich in allen Belangen nur zustimmen kann. Ob sich die Zukunftshoffnungen der Giordano-Bruno-Stiftung für einen aufgeklärten, evolutionären Humanismus erfüllen werden, bleibt zu hoffen: Allerdings mischt sich bei mir ein Gutteil Skepsis darein. Zu wünschen wäre es.

lg

orzifar
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