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Der Roman beschreibt kaleidoskopartige einen Tag des Jahres 1975 in Spanien: Jenen Tag, an dem der Langzeitdiktator Franco stirbt. Das Leben höchst unterschiedlicher Personen und Familien an diesem schicksalhaften Tag wird dargestellt: Mit Rückblicken, Zukunftsvisionen, aus der Sicht marxistischer Studenten oder der der Geheimpolizei, aus der Perspektive des untergeordneten Befehlsempfängers und aus der Position des Mächtigen, der von Zukunftsängsten geplagt wird, wenn der allmächtige Diktator bald nicht mehr sein sollte und der ängstlich ins nachbarliche Portugal blickt.
Wie schon im "Langen Marsch" gelingt es Chirbes auch hier auf eindrucksvolle Art, diese so verschiedenen Charaktere auf subtile Weise zu zeichnen, ihre ganz privaten Ängste, ihre Feigheit oder ihren Mut, ihre Abhängigkeit vom Regime, das in positiver oder negativer Weise die einzelnen Leben beeinflusste. Der blasierte, reiche Student mit klassenkämpferischen Allüren, der abends bei der Geburtstagsvater seines regimetreuen Großvaters mit dem Geheimdienstchef speist, der Widerstandskämpfer, der halb gegen seinen Willen in revolutionäre Aktionen verstrickt wird und nun auf der Flucht ist, Olga, Mutter des vorerwähnten Studenten, die ihre Zeit mit dem Sammeln zeitgenössischer Kunst verbringt oder die Malerin Ada, die ihre anarchistisch anmutende Kunst auch unter den rigiden Verhältnissen einer Diktatur an den Mann zu bringen versteht. Dazu die vielen kleinen, harmlos-hilflos anmutenden privaten Anekdoten der Figuren, die sie - unabhängig von ihrer Position - in ihrer ganz persönlichen Nichtigkeit und Kleinheit zeigen, ängstlich, verschämt, verunsichert.
Natürlich ist das Buch auch ein politisches Buch, dessen Stärke vor allem darin besteht, dass Chirbes keine Opfer-Täter-Klischees beschreibt. Das Böse ist hier so banal wie die klassenkämpferischen Parolen unbeholfener Studenten, geteilt in jene Gruppe, deren Armut wohl auch nach dem Niedergang des Regimes Bestand hat und den Privilegierten, für die das marxistische Engagement bloße elitäre Spielerei ist. Chirbes beschönigt nicht, verteufelt nicht. Sondern zeigt die Menschen in all ihrer Armseligkeit - ob sie nun Nutznießer der Franco-Diktatur sind oder aber ihre Gegner. Seine genaue, akribische Sprache verleiht dieser Darstellung ein Maß an Authentizität, die das Buch zu einem Genuss werden lässt.
lg
orzifar