Author Topic: Bo-Hyun Kim: Kritik des Strukturalismus  (Read 2109 times)

Offline orzifar

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Bo-Hyun Kim: Kritik des Strukturalismus
« on: 02. April 2014, 23.06 Uhr »
Hallo!

Kim analysiert in diesem Buch Kuhns Paradigmenthese im Zusammenhang mit dem von Sneed und Stegmüller entwickelten, strukturalistischen Ansatz eines empirisch unwiderlegbaren Theoriekerns, der, weil eine (die) Theorie immer schon Voraussetzung für die Beurteilung ist, niemals falsifiziert werden kann. Das ursprüngliche Konzept einer solchen Theorieimmunität stammt aus dem Konventionalismus: Da jede Theorie bei ihrer Überprüfung bereits andere Theorien voraussetzt, kann - im Falle des Scheiterns - nicht festgestellt werden, ob die in Frage stehende Theorie oder eine der vielen für die Überprüfung notwendigen Hilfshypothesen bzw. grundlegenden Theorien für dieses Scheitern verantwortlich sind.

Ähnliches behaupten nun auch Kuhn bzw. die Vertreter der strukturalistischen Theorien (nicht zu verwechseln mit den Sprachstrukturalisten wie Saussure). Für Kuhn impliziert die Falsifikation immer auch einen Theorien- und also Paradigmenwechsel, ein solcher aber kann aus dem bereits bestehenden Paradigma heraus nicht erfolgen, da die "Normalwissenschaft nach Kuhn" immer nur innerhalb der benutzten Theoriestruktur agiert und verschiedene Paradigmen inkommensurabel sind. Ähnlich argumentieren auch Sneed und Stegmüller (weshalb sich dieser ihr Ansatz zur Verteidigung des Kuhnschen Progammes hervorragend eignet): Die Theoriebeladenheit des Falsifizierungsversuches, die immer schon die Theorie, die man falsifizieren möchte, voraussetzt, verhindert eine solche Vorgehensweise. Zusätzlich verwendet der strukturalistische Ansatz noch den Begriff der "intendierten Anwendungen" einer Theorie, ein Bereich, der nicht von vornherein klar abgegrenzt werden kann. Dadurch kann jedes empirische Datum, das der Theorie widerspricht, als ein Teil von nicht intendierten Anwendungen betrachtet werden (oder aber die betreffenden Anwendungen werden aus der Theorie ausgeschieden). Hier haben Popper und Andersson zurecht darauf hingewiesen, dass eine Theorie nicht unabhängig von den intendierten Anwendungen betrachtet werden kann: Eine Änderung der Anwendung bedeutet auch eine Änderung der Theorie.

Ho-Hyun Kim widerspricht nun diesen ganzen Einwänden schlicht dadurch, dass sie alle von einem absoluten Rechtfertigungsanspruch ausgehen und die Fallibilität der Falsifikation vernachlässigen würden. Tatsächlich sind die Argumente nur dann haltbar, wenn man die entsprechende Beobachtung selbst als nicht fallibel ansieht. Sobald aber weder die zu falsifizierende Theorie noch das Beobachtungsdatum als endgültig wahr vorausgesetzt werden, wird dem Argument der "theoriebeladenen" Beobachtung der Boden entzogen. Ansonsten entspricht die Argumentationsweise dem Zirkularitätsvorwurf jeder Erkenntnistheorie, die auf empirische Daten zurückgreift: Wenn auf Beobachtungsdaten nicht völlig Verzicht geleistet werden soll, ist ein bestimmtes Maß an Zirkularität (im Sinne eines Rückkoppelungseffektes) unumgänglich.

Das Buch erschien in der "Schriftenreihe zur Philosophie Karl. R. Poppers und des Kritischen Rationalismus" und wendet sich ausschließlich an ein Fachpublikum. Aber selbst für ein solches sind die Kapitel über den strukturalistischen Ansatz von Sneed und Stegmüller harter Tobak: Seitenlange Darstellungen von Formalstrukturen stellen den Leser auf eine harte Probe. Insgesamt aber eine sehr gelungene Beschreibung - vor allem des Zusammenhangs zwischen den Thesen Kuhns und dem strukturalistischen Ansatz des "Theoriekerns", der außerhalb der formalen Begründungen auch für den interessierten Laien lesenswert ist.

lg

orzifar
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