Lieber Bartlebooth!
Das hat weniger mit Frustration oder Einengung zu tun - die österreichischen Verhältnisse sind eben jene, die ich - ein wenig - besser kenne. Über deutsches, schweizerisches, anderes Treiben kann ich aufgrund rudimentärer Kenntnisse noch weniger sagen.
Wie's mit dem Talent bestellt ist, wage ich kaum zu beurteilen. Festhalten kann man (ich) eine Art Nivellierung, ein wenig originelles, geschichtenorientiertes Schreiben. Der kürzlich weggelegte Köhlmeier als Beispiel, ein zu Besonderheiten neigendes Personal, Mordfälle, Außergewöhnliches, da und dort ein Genie oder eine Heilige. Meines Erachtens nicht zu Unrecht verglichen mit amerikanischen Schriftstellern a la Irving oder Auster, handwerklich geschicktes Verknüpfen von Erzählsträngen, "creative writing" - wie gehabt. Schlink wäre auch ein Beispiel, Mercier, ganz sicher auch Suter, mit Abstrichen Markus Werner (dem ich Talent konzedieren würde, der aber aus welchen Gründen auch immer sein Erzählen geschichtenmäßig verpacken zu müssen glaubt und insofern auch beispielhaft ist). Kehlmann hat ziemlich sicher Talent, produziert aber brav vor sich hin, gefällig, verkäuflich. Darf er nicht anders, will er nicht anders? Nun, er dürfte längst, man würde ihn ob seiner Bekanntheit in jedem Fall verlegen, er könnte sich 15 Jahre Zeit lassen mit seinem nächsten Buch. Aber es dürfte denn doch auch höchst verführerisch sein, sich im Jahrestakt feiern zu lassen, im Mittelpunkt zu stehen - und es dürfte im Gegenzug sehr schwer sein, darauf freiwillig zu verzichten und statt Ruhm und Schulterklopfen still an seinem Schreibtisch zu sitzen und zu arbeiten.
"Geschichtenorientiert" schrieb ich weiter oben, aber das ist natürlich unscharf, verwaschen. Nichts gegen Geschichten, nichts gegen welches Konzept auch immer, wenn's denn gut und ansprechend gemacht wird. (Das Geschichtenerfinden scheint aber eher ein Privileg der Lateinamerikaner zu sein, oder Rushdies - wenngleich es der manchmal übertreibt. (Nicht in den Mitternachtskindern, die ich sehr genossen habe.)) Das Geschichtenerzählen, wie es von den obengenannten Autoren betrieben wird, langweilt mich jedoch, weil es entweder bloße Unterhaltung bietet oder aber der philosophische Hintergrund mit Anlauf und Vorankündigung präsentiert wird (gedankenschwangere Metaphorik bei Mercier).
Was eine Ursache für diese sterile Künstlichkeit, das glatt Polierte und handwerklich ansprechend Gemachte zu sein scheint, ist das Fehlen von Erlebtem, Persönlichem. Erfindungsreichtum ist keineswegs ein unbedingt notwendiges Ingrediens (kann, muss aber nicht). Das stark autobiographisch Eingefärbte war nicht das Schlechteste, was Autoren produzierten - im Gegenteil: Handkes "Wunschloses Unglück", Bernhards autobiographische Erzählungen gehören zum Besten ihres Werks. Ebenfalls erwähnenswert: Wolfgruber, Innerhofer, Schwaiger, Mitgutsch. Wobei hier die Gefahr besteht, dass man sich sehr früh "ausgeschrieben" hat, Innerhofer wäre hier zu nennen: Seine ersten beiden Bücher tief beeindruckend, das Späte eklatanter Mist. Er hatte schlicht nichts mehr zu erzählen, hat dies wohl auch gespürt, gewusst. Sein späteres Leben, der Selbstmord sind von dieser Erkenntnis ganz sicher nicht zu trennen. Für Deutschland fällt mir Uwe Timm ein: Auch bei ihm ist Authentizität immer spürbar, kein mühseliges Ausdenken, Konstruieren, keine bemühte Originalität. (Aber was macht das "ausgeschrieben" schon: Wenn jeder Schriftsteller auch nur ein gutes Buch schreiben würde, in welch wundervoller literarischer Welt würden wir leben.)
Arbeit und Talent sind im übrigen ganz sicher nicht zu trennen, eins ergibt ohne das andere höchst mittelmäßige Werke. Ein gutes Beispiel scheint Th. Mann zu sein, der das Schreiben wie ein Schichtarbeiter betrieb: Ohne diesen ungeheuren Fleiß, die Qual, Ausdauer sind seine Werke nicht denkbar, es gibt unzählige Berichte darüber, dass er sich mit wenigen Sätzen ganze Vormittage quälte. Oder auch keinen einzigen zustande brachte. Dazu gehört auch das entsprechende Quellenstudium, Kenntnis der Philosophie, Geschichte (oder beim Faustus der Musiktheorie, obschon er dabei kompetente Helfer hatte "o du schöner Wiesengrund" ;-)), auch das sicherlich nicht immer angenehm, sondern einfach Knochenarbeit. (Naja, die meisten waren Arbeitstiere: Proust, Musil, Kafka, haben gestrichen, gefeilt, verbessert, verworfen). Wenn jemand unbeleckt von allem philosophischen Grundwissen seine Figuren über dies und jenes nachgrübeln lässt, wird dann rechtschaffene Gymnasialliteratur daraus.
Vielleicht ist's gerade das. Man fabuliert in einigermaßen wohlgeformten Sätzen vor sich hin wie weiland Hesse, mit einem mehr-minder trivialen phil. Hintergrund (wie etwa H. Hallers Gedanken über Selbstmord jeder Brigitte-Leserin wenig Ehre einbringen würden), verpackt das in ein Geschichtchen mit einem gewissen Spannungsmoment und gewinnt alsobald ein großes Publikum. (Hesse hat sich ja hauptsächlich eines Motivs bedient, dass auch schon bei J. Londons Seewolf zu finden ist: Jugendfreunde trennen sich und treffen irgendwann wieder aufeinander. Oder das Hans im Glück Motiv von jenem der auszieht und irgendwann wieder heimfindet.) Schlink und Mercier bedienen die rezente Hesse-Klientel. Das, was du bei Glavinic beanstandet hast, trifft auf sehr viele Autoren zu: Ihr geistiger Hintergrund ist der eines Abiturienten. Man kennt Zitate einzelner Philosophen, verwurstet sämtliche Versatzstückchen und hat Erfolg genau bei jenen, die auf einem ebensolchen geistigen Fundament stehen. Wobei: Mehr Schwemmsand denn Fundament. Möglicherweise speist sich mein Unbehagen an der zeitgenösssichen Literatur der letzten Jahre daraus, dass man mir ständig Bücher in die Hand drückt, deren Gedankenreichtum über eine Wald- und Wiesenphilosophie a la Hesse nicht hinausgekommen ist.
Liebe Grüße
orzifar