Author Topic: Helmut Seiffert: Einführung in die Wissenschaftstheorie 1  (Read 1392 times)

Offline orzifar

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Hallo!

Seiffert kommt aus dem Konstruktivismus der Erlanger Schule und orientiert seine Darstellung an dieser seiner Herkunft (was etwa durch das häufige Zitieren der Werke von Lorenzen und Kamlah offenbar wird). Interessant ist dabei, dass er sich der Prinzipien dieses Konstruktivismus auch für den Aufbau dieses Buches bedient: Denn zum einen eignet sich diese Form des Konstruktivismus, die aus einer Art "Lebenswirklichkeit" alle grundlegenden Begriffe herzuleiten bemüht ist, für eine propädeutische Darstellung ganz ausgezeichnet, zum anderen erhält man dadurch nicht nur eine wissenschaftstheoretische, sondern auch eine konstruktivistische Einführung. Diese beiden Merkmale haben diese Einführung für mich interessant gemacht - und ich habe den ersten Band (es gibt noch zwei weitere als auch eine Art philosophisches Lexikon) mit viel Vergnügen gelesen.

Für besonders tiefschürfende Analysen ist selbstverständlich kein Platz: Aber die Darstellung ist beispielhaft in ihrer Klarheit und Verständlichkeit (unabhängig davon, ob man den Ausführungen nun immer zuzustimmen geneigt ist) und gibt einen gelungenen Überblick über die einzelnen Bereiche. Seiffert beginnt mit der analytischen bzw. der Sprachphilosophie, achtet penibel auf die korrekte Einführung von Termini (etwas ganz Seltenes in solchen Werken), geht dann - nach Behandlung von Induktionsproblem und einer kurzen Analyse der deduktiven Methode über zum (damals aktuellen) Bereich der Methodologie der Sozialwissenschaften. Hier bekommt das Buch auch eine wissenschaftshistorische Note: So wurde erstmals seit sehr vielen Jahren meine Aufmerksamkeit wieder auf den Streit über Ralf Dahrendorfs antiempiristische Grundhaltung in der Soziologie gelenkt, eine Auseinandersetzung, die Seiffert mit großer Bravour dem Leser präsentiert und verständlich macht. Und zum Teil ist dieser philosophischgeschichtliche Abschnitt auch Anlass zum Schmunzeln: Denn man sieht, wie wenig Fortschritte bezüglich sozialwissenschaftlicher Methodologie im Grunde gemacht wurden, dass alle aufgelisteten Probleme - mutatis mutandis - auch heute noch bestehen.

Im zweiten Band werden Hermeneutik, Dialektik, Phänomenologie und historische Methode behandelt. Der erste Teil ist jedenfalls aus den oben genannten Gründen eine Empfehlung wert.

lg

orzifar
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