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Fuchs versucht sich in einer Analyse des Todesbegriffs der säkularisierten Gesellschaft des 20. Jahrhunderts (das Buch erschien 1969). Eine Analyse, die auch heute noch Aktualität besitzt, wenngleich sich manches 40 Jahre später anders darstellt (Fuchs' Herkunft aus dem linken Spektrum der Philosophie ist spürbar, sowohl inhaltlich als auch in der Diktion, aber in kaum störender Weise.)
Der Ausgangspunkt für seine Überlegungen ist der Begriff des "natürlichen Todes", eines Todes, der im Gegensatz zu archaischen (aber auch christlichen) Vorstellungen durch die Natur bedingt ist, nicht durch außerweltliche Kräfte, die ein etwaiges Fehlverhalten der Person mit dem Tode strafen. Durch die Ausklammerung des transzendenten Aspektes wird der Tod lebensimmanent, seine "Natürlichkeit" wird in einer Form begriffen, dass der Tod als ein langsames Verlöschen eines Menschen erscheint, der den Endpunkt seines Lebens erreicht hat. Medizin und Wissenschaft leisten dieser Form des Todes jene Dienste, die ein verfrühtes, unzeitgemäßes Sterben verhindern sollen. (Hier stellt sich allerdings die Frage nach dem, was man unter "natürlich" zu verstehen hat: Denn auch Krankheiten sind nichts Unnatürliches, weshalb auch solchen Faktoren prinzipiell "Natürlichkeit" zugesprochen werden müsste.)
Fuchs wendet sich gegen - auch heute noch häufig vertretene - Ansichten, dass "dem Tod seine Funktion zurückgegeben werden müsse" und seine Verdrängung (durch Forschung, Wissenschaft) ein vergeblicher Kampf gegen das Unausweichliche wäre. Hier wird der Tod als Argument instrumentalisiert: Man verweist mit einer gewissen zynischen Genugtuung darauf, dass es den Menschen noch nicht gelungen ist, ihn zu beherrschen, stellt froh die Ohnmacht der Wissenschaft gegenüber dem Sterben zur Schau und nimmt diese Ohnmacht zum Anlass, gegen den gesamten wissenschaftlichen Fortschritt zu Felde zu ziehen. Und von seiten der Kirchen wird natürlich die zunehmend verschwindende transzendente Haltung kritisiert: Wer erst in einem Leben nach dem Tode sein eigentliches Leben sieht, wird dem Irdischen wenig oder keine Bedeutung zumessen. Allerdings verliert sich diese Haltung auch unter gläubigen Christen zusehends: Und sie war bei den meisten Vertretern der christlichen Hierarchie nie wirklich angesehen, wie die Prunkentfaltung und durchaus weltliche Machtgier der führenden Köpfe über die Jahrhunderte beweist, sondern vielmehr als Sedativum für das christliche Fußvolk gedacht.
Entsprechend der skizzierten philosophischen Herkunft des Autors wird auf die Problematik von Herrschaft bzw. Gewalt und Tod besonderes Augenmerk gelegt. Während das Recht auf Leben durch das Grundgesetz geschützt wird, verfügt das staatliche Monopol - im Zweifelsfall - dennoch über Leben (und Tod): So in der Rechtsprechung (wenn dort in den meisten westlichen Staaten auch die "körperliche" Todesstrafe in einen lebenslangen sozialen Tod umgewandelt wurde) - oder aber auch im Kriegsfall. Hier wird vom Individuum das Opfer für die Gemeinschaft gefordert: Nirgendwo auf der Welt sind etwa Wehrdienstverweigerer hoch angesehen. Ähnlich ist auch die Haltung der Gesellschaft zum Selbstmord zu begründen: Man verurteilt den Suizid, weil damit dem Staat das letzte, ultimative Mittel zur Durchsetzung seiner Recht genommen wird. Dem Selbstmörder die Todesdrohung gegenüber zu stellen entbehrt nicht einer gewissen Ironie. Wie wichtig aber der Obrigkeit dieses Recht ist, geht daraus hervor, dass die zum Tode Verurteilten etwa streng bewacht werden, um ihrem Urteil nicht zuvor zu kommen*.
Dies sind nur einige im Buch behandelte Bereiche: Fuchs analysiert auch Friedhofsbräuche, Bestattungsriten, das Formelhafte der Todesanzeigen oder die kindlichen Vorstellungen des Todes. Ein insgesamt sehr anregendes, interessantes Buch, dass allerdings durch den Soziologenjargon nicht eben an Lesbarkeit gewinnt. Beispiel: "Mit der Depotenzierung des Toten zur Leiche, enthalten im Konzept des natürlichen Todes, erübrigten sich - tendenziell wieder - die bisher mehr oder weniger instituitionalisierten Wege der Kommunikation mit dem Toten, wird das Verhältnis zwischen Lebenden und Toten frei von qualifizierenden Beziehungen." Semantisch habe ich keinen Einwand, sprachlich halte ich eine solche Ausdrucksweise für ein Desaster.
lg
orzifar
*) Beispielhaft ein von Alvarez in "Der grausame Gott" beschriebener Vorfall, bei dem ein Selbstmörder gerettet, dann (Selbstmord war ein schweres Delikt) zum Tode durch Erhängen verurteilt wurde. Da er sich - um seinen Zweck zu erreichen - die Kehle durchschneiden wollte (was ihm eben nur teilweise gelang), gab es beim Erhängen ein Problem: Die Wunde öffnete sich und der Delinquent konnte nicht ersticken. Also musste man ihn gesundpflegen und anschließend ums Leben bringen.