Author Topic: John Leslie Mackie: Das Wunder des Theismus  (Read 3546 times)

Offline orzifar

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John Leslie Mackie: Das Wunder des Theismus
« on: 22. Februar 2014, 06.07 Uhr »
Hallo!

Ein Buch, das vor allem die philosophische Seite der Gottesbeweise beleuchtet - in einer nicht immer leicht fasslichen Sprache. Nicht nur, dass Mackie einiges an philosophischen Grundwissen voraussetzt, er pflegt auch eine manchmal etwas kompliziert anmutende Ausdrucksweise, die das Verständnis unnötig erschwert. So etwa resmümiert er Humes Hinweis darauf, dass Wunder immer unglaubwürdiger seien als die Vermutung, dass der Zeuge lügt oder sich getäuscht hat, folgendermaßen: "Die Unwahrscheinlichkeit, daß das zugunsten eines Wunders angeführte Zeugnis falsch ist, ist praktisch immer äußerst gering, immer geringer als die Unwahrscheinlichkeit, daß das Wunder tatsächlich geschehen ist." (M. E. hätte man diesen Satz einfacher über die Wahrscheinlichkeit darstellen können.)

Trotzdem - teilweise sind die Analysen Mackies wirklich brilliant. Ich habe noch nichts ähnlich Prägnantes und Durchdachtes gelesen wie seine Anmerkungen zum ontologischen Gottesbeweis (sowohl in der Anselmschen als auch in der Descartesschen Version), auch die Kapitel über Hume und Berkeley sind hervorragend. Aber - wie erwähnt - manchmal etwas mühsam.

Amüsant war für mich die Darstellung einer Version des ontologischen Gottesbeweises von Plantinga (von dem ich zuvor noch nicht gehört hatte): Dieser beruft sich für seinen Beweis auf modallogische Überlegungen (Mackie setzt so etwas als bekannt voraus, weshalb der mit dieser Logik nicht Vertraute bei diesen Ausführungen außen vor bleibt - eine etwas blauäugige Vorgehensweise, da ich auch Philosophen zu kennen glaube, denen so etwas fremd ist): Im modallogischen System S5 wird von der Möglichkeit auf ein "notwendigerweise möglich" geschlossen. Das bedeutet (so ungefähr), dass das, was in irgendeiner möglichen Welt (einer "denkbaren" Welt) möglich ist, in allen Welten möglich ist (bzw. bei Unmöglichkeit unmöglich ist). Aus diesem Ansatz wird unter Einsatz von S5 die Notwendigkeit eines Wesens maximaler Größe abgeleitet, das eben dann in allen Welten exemplifiziert ist.

Mir geht es nun weniger um den Beweis als solchen (den Mackie als ungültig nachweist), sondern um die Herangehensweise an sich, um den konkreten Gläubigen, der da in einer katholischen Kirche während der Fürbitten auf die Knie sinkt und an das Wesen maximaler Größe, das in jeder möglichen Welt exemplifiziert ist (S5 vorausgesetzt), seine Gebete richtet und sich von diesem (modallogisch?) verstanden fühlt. Diesbezüglich scheint mir Pascal vollkommen richtig zu liegen: Wenn schon gläubig, dann im "alten", tröstenden Sinne eines mich umsorgenden Gottes. Und wenn ich's nicht recht glauben kann, dann üben, immer wieder: Pascal empfiehlt den häufigen Kirchgang und die Teilnahme an Gottesdiensten, wodurch sich dann irgendwann der Glaube schon einstellen würde (bei Eintreten der Altersdemenz?). Das erscheint mir aber immer noch anziehender als dieser ontologische Gott, antiseptisch abgeleitet aus einem modallogischen Kalkül auf axiomatischer Basis. Dagegen dürften PVC-Püppchen aus dem Hause Beate Uhse noch ausnehmend herzerwärmend sein.

lg

orzifar
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Offline orzifar

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Re: John Leslie Mackie: Das Wunder des Theismus
« Reply #1 on: 05. April 2014, 16.02 Uhr »
Hallo!

Eine konzise, fundamentale Analyse des Theismus, die ihresgleichen sucht, allerdings philosophisch sehr anspruchsvoll ist. Es ist dies keines der in diesen Zusammenhang häufig schnell fabrizierten Elaborate, die mit "Gott" oder "Atheismus" auf dem Buchtitel hohe Verkaufszahlen zu erzielen hoffen. Mackie verlangt vom Leser (teilweise, wie beim oben zitierten "modallogischen" Beweisgang) philosophisches Vorwissen, in jedem Fall aber die Bereitschaft, sich auf längere Argumentationsketten einzulassen und penibel durchzudenken. Unter dieser Voraussetzung erwartet den Leser eine brilliante Darstellung aller Gottesbeweise (und deren Widerlegung). Dadurch wird das Buch zu einem historischen Abriss dieses Fragenkomplexes, der philosophiegeschichtlich Interessantes birgt. Und es werden auch Versuche theistischer Konzeptionen neueren Datums präsentiert, etwa Küngs Rekurrieren auf ein Vertrauen in die Wirklichkeit, dass seine Berechtigung (angeblich) nur durch Gott erlangen kann.

Küng ist - so nebenbei - auch der Inbegriff des metaphysischen Schwaflers, seine Charakteristik Gottes ist typisch für das entrückte Wortgeklingel, mit dem - angesichts der Unmöglichkeit, den wundertätigen Wolkengott des Alten Testamentes weiterhin zu vertreten - versucht wird, aus einem blutrünstigen Stammesgott einen metaphysischen Begriff zu erzeugen: "Gott ist nicht nur als Teil der Wirklichkeit ein (höchstes) Endliches neben Endlichem, die Transzendenz in der Immanenz, das Absolute im Relativen. Gerade als der Absolute kann Gott zu Welt und Mensch in Beziehung treten. [...] So ist Gott der Absolute, der die Relativität einschließt und schafft, der gerade als der Freie Beziehung ermöglicht und Beziehung verwirklicht: Gott als die absolut-relative, diesseitig-jenseitige, transzendent-immanente, allesumgreifend-allesdurchwaltende wirklichste Wirklichkeit im Herzen der Dinge, im Menschen, in der Menschheitsgeschichte, in der Welt. [...] Für Sein und Handeln des Menschen bedeutet dies: Gott ist der nah-ferne, weltlich-unweltliche Gott, der gerade als Tragende, Haltende, Geleitende uns in allem Leben und Bewegen, Scheitern und Fallen schon immer gegenwärtig ist und uns umfängt." Usw. Wollte man derartige Umschreibungen parodieren, man müsste angesichts dessen, was Küng hier produziert, einsehen, dass ein solches Unternehmen zum Scheitern verurteilt ist. Es ist - für mich - nur immer wieder erstaunlich, dass man dergleichen tatsächlich ernsthaft vertreten kann.

Einzelne Kapitel in Mackies Buch verdienen besonderes Lob (ihrer Klarheit wegen): Der Teil über Kierkegaard, die Analyse der Determination bzw. Willensfreiheit oder die abschließende Zusammenfassung über die moralischen Implikationen des Gottesglaubens. Wobei Mackie in jeder Hinsicht sich um Objektivität bemüht und nirgendwo in Polemik verfällt, wodurch aber das Lesen manchmal ein wenig mühsam und trocken sich gestaltet. Aber für jemanden, der sich mit diesem Thema philosophisch auseinandersetzen will, gibt es wohl kaum besseres als dieses Buch.

lg

orzifar
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