Hallo!
Davis und Hersh sind bekannt als Verfasser des Buches "Erfahrung Mathematik", einem ansprechenden (und anspruchsvollen) Werk über die Mathematik und ihre Entwicklungen. In diesem Buch versuchen sie nun die philosophischen, politischen und soziologischen Implikationen einer zusehends mathematisierten (= computerisierten) Welt zu beschreiben.
Und das liest sich über weite Strecken sehr angenehm, u. a. deshalb, weil die Autoren eine profundere Kenntnis der Philosophie ihr eigen nennen als das bei Mathematikern (oder Naturwissenschaftlern) ansonsten der Fall zu sein pflegt. Über all den Kapiteln (vielleicht wäre Essaysammlung der treffende Ausdruck) schwebt - vor allem was die Computerisierung anbelangt - das Erscheinungsdatum: 1986. Ein deutliches Wetterleuchten des Computerzeitalters, das vor 30 Jahren dennoch in seinem Ausmaß kaum vorstellbar gewesen ist: Und die Autoren (und ein mehrfach in Interviews auftretender Informatiker namens Charles Strauss) beweisen einiges an Voraussicht diese Entwicklung betreffend. In diesem Zusammenhang kann man das Buch auch als ein historisches Dokument bezeichnen, das von Visionen berichtet, die nun längst Wirklichkeit geworden sind oder Entwicklungen beschreibt, von denen nichts geblieben ist (die Analyse der Programmiersprachen etwa: Von den erwähnten Cobol, Pascal und ADA sind bestenfalls exotische Reste vorhanden).
Hauptthema ist die Gefahr einer absoluten Mathematisierung unserer Welt, auch der sozialen. Die Reduktion des Menschen auf Daten, Wahrscheinlichkeiten, seine Entindividualisierung als ein Problem der Entmenschlichung, die formale, mathematische Betrachtungsweise als eine im individuellen Bereich vollkommen unzulängliche Methode, Schwierigkeiten in den Griff zu bekommen. (Und so nebenher sind die Autoren natürlich auch noch vom Ost-West-Konflikt und dem Kalten Krieg geprägt, was ihre Skepsis der naturwissenschaftlichen Forschung gegenüber anlangt.) Dennoch verfallen sie nirgends einem semi-esoterischen Gebrabbel, einem verqueren "Zurück zu den Ursprüngen", sondern versuchen einzig die entstehende Problemlage zu analysieren. Eine Analyse, die heute zum Teil obsolet ist: Weil die Prophezeihungen teilweise gar nicht eingetreten sind ober aber übererfüllt wurden. Trotzdem sind die Analysen ein Schwachpunkt in diesem Buch: Weil es ihnen an Genauigkeit, an Stringenz fehlt, oft nur die Problematik aufgezeigt wird, Lösungen hingegen nicht präsentiert werden.
Insgesamt aber ein sehr lesenswertes Buch - selbst dann, wenn man den Autoren in ihren Ausführungen nicht zu folgen bereit ist. Denn als historisches Dokument über die Entstehung und Entwicklung der Informatik lässt es sich allemal betrachten.
lg
orzifar