Author Topic: Philip J. Davis, Reuben Hersh: Descartes' Traum  (Read 2389 times)

Offline orzifar

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Philip J. Davis, Reuben Hersh: Descartes' Traum
« on: 20. Februar 2014, 05.50 Uhr »
Hallo!

Davis und Hersh sind bekannt als Verfasser des Buches "Erfahrung Mathematik", einem ansprechenden (und anspruchsvollen) Werk über die Mathematik und ihre Entwicklungen. In diesem Buch versuchen sie nun die philosophischen, politischen und soziologischen Implikationen einer zusehends mathematisierten (= computerisierten) Welt zu beschreiben.

Und das liest sich über weite Strecken sehr angenehm, u. a. deshalb, weil die Autoren eine profundere Kenntnis der Philosophie ihr eigen nennen als das bei Mathematikern (oder Naturwissenschaftlern) ansonsten der Fall zu sein pflegt. Über all den Kapiteln (vielleicht wäre Essaysammlung der treffende Ausdruck) schwebt - vor allem was die Computerisierung anbelangt - das Erscheinungsdatum: 1986. Ein deutliches Wetterleuchten des Computerzeitalters, das vor 30 Jahren dennoch in seinem Ausmaß kaum vorstellbar gewesen ist: Und die Autoren (und ein mehrfach in Interviews auftretender Informatiker namens Charles Strauss) beweisen einiges an Voraussicht diese Entwicklung betreffend. In diesem Zusammenhang kann man das Buch auch als ein historisches Dokument bezeichnen, das von Visionen berichtet, die nun längst Wirklichkeit geworden sind oder Entwicklungen beschreibt, von denen nichts geblieben ist (die Analyse der Programmiersprachen etwa: Von den erwähnten Cobol, Pascal und ADA sind bestenfalls exotische Reste vorhanden).

Hauptthema ist die Gefahr einer absoluten Mathematisierung unserer Welt, auch der sozialen. Die Reduktion des Menschen auf Daten, Wahrscheinlichkeiten, seine Entindividualisierung als ein Problem der Entmenschlichung, die formale, mathematische Betrachtungsweise als eine im individuellen Bereich vollkommen unzulängliche Methode, Schwierigkeiten in den Griff zu bekommen. (Und so nebenher sind die Autoren natürlich auch noch vom Ost-West-Konflikt und dem Kalten Krieg geprägt, was ihre Skepsis der naturwissenschaftlichen Forschung gegenüber anlangt.) Dennoch verfallen sie nirgends einem semi-esoterischen Gebrabbel, einem verqueren "Zurück zu den Ursprüngen", sondern versuchen einzig die entstehende Problemlage zu analysieren. Eine Analyse, die heute zum Teil obsolet ist: Weil die Prophezeihungen teilweise gar nicht eingetreten sind ober aber übererfüllt wurden. Trotzdem sind die Analysen ein Schwachpunkt in diesem Buch: Weil es ihnen an Genauigkeit, an Stringenz fehlt, oft nur die Problematik aufgezeigt wird, Lösungen hingegen nicht präsentiert werden.

Insgesamt aber ein sehr lesenswertes Buch - selbst dann, wenn man den Autoren in ihren Ausführungen nicht zu folgen bereit ist. Denn als historisches Dokument über die Entstehung und Entwicklung der Informatik lässt es sich allemal betrachten.

lg

orzifar
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Offline sandhofer

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Re: Philip J. Davis, Reuben Hersh: Descartes' Traum
« Reply #1 on: 20. Februar 2014, 21.05 Uhr »
Hallo!

Nur ein kleines Off-Topic:

Von den erwähnten Cobol, Pascal und ADA sind bestenfalls exotische Reste vorhanden [...]

Also wir programmieren immer noch mit Pascal. Diese Sprache ist bedeutend besser als ihr Ruf ...

Grüsse

sandhofer
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Offline orzifar

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Re: Philip J. Davis, Reuben Hersh: Descartes' Traum
« Reply #2 on: 21. Februar 2014, 00.14 Uhr »
Hallo!


Von den erwähnten Cobol, Pascal und ADA sind bestenfalls exotische Reste vorhanden [...]

Also wir programmieren immer noch mit Pascal. Diese Sprache ist bedeutend besser als ihr Ruf ...


Das mag durchaus sein (wobei Pascal eine der Sprachen ist, die ich fast gar nicht kenne). Tatsächlich aber liegt der Anteil im Promillebereich:

Folgendermaßen sind die Marktanteile laut TPCI unter den Top 20 Programmiersprachen verteilt (zuerst 2007):

    20.542% Java
    13.969% C
    10.228% (Visual) Basic
    8.750% C++
    8.687% PHP
    4.738% Perl
    4.227% Python
    3.917% C#
    3.084% Ruby
    2.928% JavaScript
    2.456% Delphi
    1.704% D
    1.179% PL/SQL
    1.129% SAS
    0.754% Lisp/Scheme
    0.746% Lua
    0.708% COBOL
    0.647% ABAP
    0.639% Pascal
    0.613% Ada


Mittlerweile sind Cobol und Ada (übrigens benannt nach der Tochter von Lord Byron) verschwunden (2014):

Feb     Programming Language    Ratings    Change
1      C                           18.334%   +1.25%
2      Java                           17.316%   -1.07%
3      Objective-C           11.341%   +1.54%
4      C++                           6.892%   -1.87%
5      C#                           6.450%   -0.23%
6      PHP                           4.219%   -0.85%
7      (Visual) Basic           2.759%   -1.89%
8      Python                  2.157%   -2.79%
9      JavaScript            1.929%   +0.51%
10      Visual Basic .NET   1.798%   +0.79%
11      Transact-SQL           1.667%   +0.89%
12      Ruby                    0.924%    -0.83%
13      Perl                           0.887%   -1.36%
14      MATLAB                   0.641%   -0.01%
15      PL/SQL                   0.604%   -0.00%
16      F#                           0.591%   +0.42%
17      Pascal                   0.551%   -0.38%
18      D                           0.529%   +0.23%
19      Lisp                           0.523%   -0.42%
20      Delphi/Object Pascal 0.522%   -0.36%

(Quelle: http://www.tiobe.com/index.php/content/paperinfo/tpci/index.html)

Möglicherweise seid ihr für die 0,02 % verantwortlich, dass Pascal noch gelistet ist ;). Aber wie gesagt - es ging um die Einschätzung. Man hatte zwar (wie das im Buch anklingt) durchaus eine Ahnung von objketorientierten Konzepten (Smalltalk wurde schon in den 70igern entworfen), konnte aber nicht abschätzen, wie erfolgreich sie sein würden (v. a., weil man die technische Entwicklung unterschätzte).

lg

orzifar
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Offline sandhofer

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Re: Philip J. Davis, Reuben Hersh: Descartes' Traum
« Reply #3 on: 21. Februar 2014, 07.25 Uhr »
Wir sind Exoten. Es ist mittlerweile recht schwer geworden, Programmierer für Pascal zu finden; und die paar, die's hierzulande gibt, kennen sich praktisch alle - sei's persönlich, sei's aus entsprechenden Internetforen... ;D
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