Author Topic: Jürgen Todenhöfer: Warum tötest du, Zaid?  (Read 1207 times)

Offline orzifar

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Jürgen Todenhöfer: Warum tötest du, Zaid?
« on: 09. Februar 2014, 08.01 Uhr »
Hallo!

Ein Buch, das zwischen unangenehmer Wahrheit und abgrundtiefer Einfalt, eher noch Dummheit changiert, geschrieben von jemandem, der ganz offensichtlich höchst eitle und selbstgefällige Charakterzüge nur schwer verbergen kann. Das Eigenartige an diesem seltsamen Konglomerat ist die Tatsache, dass man dem Grundtenor des Buches zustimmen muss: Der Westen und insbesondere die USA haben sich gegenüber dem Irak auf eine Weise schuldig gemacht, wie man es im 21. Jahrhundert - blauäugiger Weise - nicht mehr für möglich hielt.

Todenhöfer erzählt von seiner Fahrt in den Irak (2006), also während der us-amerikanischen Besatzungszeit. Und dokumentiert das furchtbare Elend der Bevölkerung, die ausweglose Lage der Jugend, die aufgrund permanenten Terrors von seiten der Besatzer in den Widerstand gezwungen werden. Ein Krieg, der ein zerstörtes Land hinterließ, neue Gräben zwischen den einzelnen Volksgruppen und auch zwischen den Konfessionen aufgerissen hat und eine ungeheure Anzahl Toter - vor allem unter der Zivilbevölkerung - zurückließ. Dieser Hauptteil des Buches ist einigermaßen lesbar (wenngleich stilistisch oft zwischen Kolportageroman und Schulaufsatz angesiedelt), er macht die Haltung der Iraker nachvollziehbar, differenziert zwischen einer weitgehend von ausländischen Personen gesteuerten Al Quaida und der autochthonen Widerstandsbewegung. Verzweiflung, Elend, Aussichtslosigkeit und das Gefühl, einem ungerechten fremden Regime ausgeliefert zu sein ist für selbst weitgehend unpolitische Menschen Anlass, sich auch mit Waffengewalt zur Wehr zu setzen; in fast jeder Familie gibt es Tote, Internierte, Verschwundene zu beklagen - und der Wunsch, ein ganz normales, ruhiges Leben zu führen mutet wie ein irrealer Traum an.

Das darzustellen ist dem Autor einigermaßen gelungen, aber schon in diesen Schilderungen wird zum einen die Eitelkeit des Autors evident (wie oft er betont - oder betonen lässt - dass es doch ein unbegreifliches Wagnis sei, als Deutscher sich nach Ramadi zu begeben), zum anderen die undifferenzierte Sichtweise desjenigen, der sich an seiner eigenen Betroffenheit am Elend anderer begeistert. Vielleicht - oder wahrscheinlich - hatte Todenhöfer tatsächlich gute Absichten, allerdings vermag er die Vielschichtigkeit dieses Krieges bzw. der Auseinandersetzung zwischen arabischer und westlicher Welt nicht in Ansätzen zu verstehen. Das dürfte bei ihm schlicht ein Mangel an Intelligenz sein: Er hat etwa auch Salvador Allende als Kommunisten denuziert, sich andererseits für finanzielle Hilfen für Augusto Pinochet eingesetzt; er war ebenso von den afghanischen Mudscha-Heddin angetan und der us-amerikanischen Waffenunterstützung, ohne später (eben im Irak) zu merken, dass gerade diese mehr als dümmliche Entscheidung eine der Grundvoraussetzungen für den Irakkrieg war. Todenhöfer scheint sich schnell für so manches zu begeistern, war einerseits Mitglied der sog. "Stahlhelmfraktion" der CDU im Bundestag, hat sich später - fast bruchlos - für die Abrüstung eingesetzt.

Und - er ist ein aufrechter Christ, weshalb ihm auch die religiöse Komponente der ganzen Auseinandersetzung überhaupt nicht klar wird. Hingegen faselt er von einem "richtig" verstandenen Glauben, von Nächstenliebe und Frieden, ohne dass ihm auch nur in Ansätzen bewusst wird, dass einer der Hauptgründe für die Millionen Toten der Menschheitsgeschichte durch genau diese - ach so friedvollen - Religionen verursacht wurden. (Man möchte ihm Deschners "Kriminalgeschichte" ans Herz legen: Und könnte sich vorstellen, dass er plötzlich ein begeisterter Anti-Religiöser wird, weil ihm eine Kleinigkeit dieses Wahns aufgegangen ist.) Glauben - vor allem der drei monotheistischen Religionen - richtig verstehen, bedeutet deren Bücher lesen: Und diese schwelgen nunmal in Mord und Totschlag, waten am liebsten im Blut ihrer Feinde und was es da an Nettigkeiten sonst so gibt. "Richtig" verstehen wohl am ehesten die Wahhabiten den Islam, wenn sie öffentlich Hände abhacken und Frauen das Autofahren verbieten - und wer sich über derlei Monströsitäten hinwegsetzen will, muss diesen vollkommen absurden, uralten Stammesglauben samt und sonders über Bord werfen. Hier gibt es keinen Spagat, wie ihn etwa die protestantischen "Vor-"Denker des 20. Jahrhunderts immer wieder versucht haben: Entweder man glaubt den Unsinn mit Haut und Haar (und zeigt damit, dass man potentiell Autoritäten so ziemlich alles zu glauben bereit ist) oder aber ordnet diese Religionen als das ein, was sie sind: Sehr einfache Welterklärungsmodelle, die auf Stammesebene ein probates Regulativ des Zusammenlebens darstellten, die aber weder etwas mit "Wahrheit" zu tun haben noch in irgendeiner Form heute noch Relevanz besitzen (außer etwa in der so gut wie in allen Frühkulturen auftauchenden Regel, dass man sich gegenseitig nicht umbringen soll: Aus dem einfachen Grund, weil ein solches Verhalten für die Stammeseinheit kontraproduktiv wäre. - Das Umbringen von "Fremden" war hingegen zumeist erlaubt, vor allem, wenn es der eigenen Gruppe diente.)

Das Kuriose an diesem Buch: Ein Autor, der nichts oder nur sehr wenig versteht, aber trotzdem in seiner Grundthese vollkommen Recht hat. Auch was die historische Aufbereitung der Konflikte anlangt: Wenn man sich den Kolonialzeitwahn in Erinnerung ruft, die Tatsache, dass noch vor gut 50 Jahren die Franzosen massenweise Algerier massakrierten, nur weil diese auf die absurde Idee verfielen, dass sie in ihrem eigenen Land ihr eigenes, selbstbestimmtes Leben führen wollen (und diese Beschreibungen ließen sich fortsetzen von mordenden Italienern in Lybien oder ebensolchen Engländern im Irak oder Ägypten), wenn man also diese Geschichte berücksichtigt, so muss man den "Hass auf den Westen" wohl mehr als verstehen. Ein Westen, der mit hohen moralischen Ansprüchen auftritt, aber - wie beim Beispiel Irak zu sehen - sehr viel inhumaner, brutaler und todbringender vorgeht als etwa der auch nicht wirklich als Humanist glänzende Saddam Hussein (so gut wie allen Irakern war Saddam lieber als die Amerikaner - verständlicherweise). So bleibt als eigenwilliges Fazit, dass hier ein schwacher Autor mehr zufällig eine nachvollziehbare Haltung annimmt (ohne sich dessen bewusst zu sein), wodurch das Buch im Hauptteil (die Interviews und die Beschreibung des Alltagslebens betreffend) einen gewissen Informationsgehalt aufweist. Der Rest, Todenhöfers "10 Thesen" bzw. die sich über 70 Seiten hinziehenden Zitate aus dem AT, NT und dem Koran kann man sich schenken und die Zeit einem anderen Buch widmen.

lg

orzifar
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