Author Topic: D. Ruppnow, V. Lipphardt: Pseudowissenschaft  (Read 3093 times)

Offline orzifar

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D. Ruppnow, V. Lipphardt: Pseudowissenschaft
« on: 02. Februar 2014, 05.30 Uhr »
Hallo!

Ein recht umfangreiches, heterogenes Werk über das Thema Pseudowissenschaft. Insofern ist es nur folgerichtig, dass sich der erste Beitrag mit der Abgrenzungsfrage von "echter" Wissenschaft und Pseudowissenschaft beschäftigt. Der Autor (Michael Hagner) ist skeptisch - und das zu Recht. Natürlich ließe sich eine Definition geben, aber es würde wohl kaum Konsenz darüber bestehen, ob diese Definition nun den Kern der Sache trifft. Interessant diesbezüglich ist, dass die ISIS-Current-Bibliography (die maßgebliche Bibliographie bezüglich Buch- und Zeitschriftenpublikationen) für das 21. Jahrhundert zum ersten Mal auf die Kategorie "Pseudowissenschaft" verzichtet hat.

Es gibt historische Paradebeispiele für den Übergang von Pseudo- zu echter Wissenschaft, etwa die Alchemie. Anhand solcher Beispiele lassen sich die Schwierigkeiten der Zuordnung erkennen, Schwierigkeiten, die auch noch im 20. Jahrhundert auftraten: So wird Adlers Archetypenpsychologie als "pseudo" bezeichnet, Freuds Psychotherapie hingegen unter Medizin subsummiert. Ein weiteres Problem - weil auch politisch brisant - waren die verschiedenen Rassentheorien, die auch weitgehend als Pseudowissenschaften fungierten. Das Problem einer rigiden Auslegung (wie ich sie selbst teilweise begrüßen würde) besteht darin, dass man (neben den diversen Problemen bezüglich der Realismusdebatte in den Naturwissenschaften) oft auch die meisten Geisteswissenschaften als Pseudowissenschaften würde bezeichnen müssen. Viele dieser Gebiete setzen einen bestimmten Grundkonsens voraus (was etwa ethische oder ästhetische Fragen anbelangt); wird dieser nicht geteilt, so ist auch keine Diskussion über das fragliche Thema möglich. (Aber es liegt auf der Hand, dass auch in den "harten" Naturwissenschaften Grundannahmen geteilt werden müssen: Ohne die Annahme einer Art "metaphysischen Realismus" kann auch sie nicht betrieben werden - und diese Annahme ist wegen der Unlösbarkeit des Letztbegründungsproblems mit einem bestimmten Maß an Willkür behaftet).

Von Hagner ist diesbezüglich leider nicht viel zu vernehmen: Er konstatiert die Schwierigkeiten, ohne auf mögliche Lösungen hinzuweisen, behandelt etwa Poppers Abgrenzungsproblem in einem Halbsatz, indem er feststellt, dass aufgrund von Falsifikation eine Theorie nicht verworfen werden könne. Was natürlich Popper auch nicht behauptet hat, da man sich zum einen der Fehlbarkeit jedwedes Versuches bewusst war, andererseits auch den konventionalistischen Einwand berücksichtigte: Dass niemals mit absoluter Sicherheit das Misslingen eines Experimentes einer bestimmten Theorie angelastet werden kann, da das Experiment selbst unzähliger theoretischer Annahmen für die Durchführung bedarf. Deshalb bleibt von diesem Artikel nicht viel mehr zurück als ein wenig historische Information: Eine echte Auseinandersetzung findet nicht oder falsch bzw. oberflächlich statt. Eigentlich schade.

Ein weiterer Beitrag von einem Herrn Robert Matthias Erdbeer (nein, dafür kann er nichts) besticht durch ein unglaublich schwachsinniges Vokabular - geschult an literaturwissenschaftlichen und poststrukturalistischen Theorien: "Eine Relation der Begriffsverwendung [von Pseudowissenschaft] ist die epistemologische Funktion des Parawissenschaftlichen als Emulgator und Korrektiv des szientifischen Diskurses, die sowohl systemstabilisierend wirken als auch - insofern sie den Prozess normaler Wissenschaft dekonstruiert - zum Generator wissenschaftlicher Revolution werden kann." Dieses pseudoelitäre Germanistengewäsch (über das "Od" von Reichenbach, eine Art magnetische Lebenskraft, dieses Thema wäre durchaus interessant gewesen) zieht sich durch den gesamten Artikel: Medikamentenmissbrauch, kondensierte Bücher von Lyotard, Kristeva oder Foucault in Tablettenform - ich weiß es nicht. Der Artikel ist so haarsträubend überfrachtet mit abgehobenen Termini, dass er sich wie eine Parodie auf diesen Jargon liest.

lg

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Re: D. Ruppnow, V. Lipphardt: Pseudowissenschaft
« Reply #1 on: 02. Februar 2014, 07.44 Uhr »
"Eine Relation der Begriffsverwendung [von Pseudowissenschaft] ist die epistemologische Funktion des Parawissenschaftlichen als Emulgator und Korrektiv des szientifischen Diskurses, die sowohl systemstabilisierend wirken als auch - insofern sie den Prozess normaler Wissenschaft dekonstruiert - zum Generator wissenschaftlicher Revolution werden kann."

Gehn's, des is' schön. Sagen's des nochmal!
Wo nehme ich nur all die Zeit her, so viel nicht zu lesen? - Karl Kraus

Offline orzifar

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Re: D. Ruppnow, V. Lipphardt: Pseudowissenschaft
« Reply #2 on: 05. Februar 2014, 07.56 Uhr »
"Eine Relation der Begriffsverwendung [von Pseudowissenschaft] ist die epistemologische Funktion des Parawissenschaftlichen als Emulgator und Korrektiv des szientifischen Diskurses, die sowohl systemstabilisierend wirken als auch - insofern sie den Prozess normaler Wissenschaft dekonstruiert - zum Generator wissenschaftlicher Revolution werden kann."

Gehn's, des is' schön. Sagen's des nochmal!

 ;) Natürlich, der ironische ist wohl der einzig probate Weg, damit umzugehen. Dieser Stil ist genau das im akademischen Bereich, was für das Event-Publikum aufgespritzte Lippen, operierte Falten oder abgesaugtes Fett darstellen: Auch wenn man schon 70 ist, Hauptsache, ein paar Teile am Körper sehen wie neu aus. Eine ander Philosophie des "als ob".

lg

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Re: D. Ruppnow, V. Lipphardt: Pseudowissenschaft
« Reply #3 on: 21. Februar 2014, 05.20 Uhr »
Hallo!

Verschiedene Autoren bedeuten Qualitätsunterschied. Der gute Erdbeer ist natürlich unerträglich, andererseits pflegt man auch in anderen Aufsätzen eine Art Post-Foucaultsche Terminologie: Hier werden Diskurse verortet, wird von Narrativen gefaselt usf. Diese Sprache ist ähnlich verräterisch wie die langsam aussterbende hegelianisch-marxistische Redeweise, die mir mit ihren gesellschaftlichen Totalitäten und Ober- und Unterbauten so manche Lektüre vermiest hat (vielleicht besser: Sie mir erspart hat). Eine andere Kuriosität: Helmut Zander zeigt in seinem (uninspirierten) Artikel über die Anthroposophie, dass er des Englischen mächtig ist: Er spricht prinzipiell immer von einer scientific community, von new sience und old science oder von der Theorie der scientific revolution. Die Frage nach dem "why" stellt sich in this Zusammenhang, eine answer sucht man aber vergebens.

Philip Kitcher beschreibt in seinem Beitrag die Hintergründe des ID - und er tut das hervorragend. Ohne sich allzusehr zu echauffieren (wie etwa Dawkins) analysiert er präzise die Unsinnigkeit dieses Ansatzes und versucht sich auch in einer Art Abgrenzung von Pseudo- zu "echter" Wissenschaft: Indem er bewusst ad hominem argumentiert. Die Personen selbst seien verräterisch, ihre Anliegen bzw. auch ihre Methoden.

Der Artikel über Hanns Hörbigers "Welteis" amüsant, interessant. Wer sich je auch nur die Anfangsgründe dieser abstrusen Theorie vernommen hat, kann sich nur verwundert zeigen über den ungeheuren Erfolg, den dieser haarsträubende Unsinn hatte (und der sich endgültig durch seine Anbiederung an den Nationalsozialismus ins Abseits gebracht hat, Himmler war ein Verfechter dieses Glaubens). Allerdings sollte man vorsichtig sein mit einem überlegen-historischen Urteil: Dafür gibt es viel zu viele rezente Unsinnigkeit. Esoterische Programme scheinen unsterblich.

Der Beitrag über die Rassentheorien (vor und nach dem Dritten Reich) ist enttäuschend: Da referiert jemand brav und bieder sein angelesenes Wissen im Stile ein Diplomarbeit, wird aber von eigenständigen Überlegungen gänzlich verschont. Eine rein informative Angelegenheit, die aber Anlass zu sehr viel profunderen Analysen hätte geben können.

lg

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