Hallo!
Ein recht umfangreiches, heterogenes Werk über das Thema Pseudowissenschaft. Insofern ist es nur folgerichtig, dass sich der erste Beitrag mit der Abgrenzungsfrage von "echter" Wissenschaft und Pseudowissenschaft beschäftigt. Der Autor (Michael Hagner) ist skeptisch - und das zu Recht. Natürlich ließe sich eine Definition geben, aber es würde wohl kaum Konsenz darüber bestehen, ob diese Definition nun den Kern der Sache trifft. Interessant diesbezüglich ist, dass die ISIS-Current-Bibliography (die maßgebliche Bibliographie bezüglich Buch- und Zeitschriftenpublikationen) für das 21. Jahrhundert zum ersten Mal auf die Kategorie "Pseudowissenschaft" verzichtet hat.
Es gibt historische Paradebeispiele für den Übergang von Pseudo- zu echter Wissenschaft, etwa die Alchemie. Anhand solcher Beispiele lassen sich die Schwierigkeiten der Zuordnung erkennen, Schwierigkeiten, die auch noch im 20. Jahrhundert auftraten: So wird Adlers Archetypenpsychologie als "pseudo" bezeichnet, Freuds Psychotherapie hingegen unter Medizin subsummiert. Ein weiteres Problem - weil auch politisch brisant - waren die verschiedenen Rassentheorien, die auch weitgehend als Pseudowissenschaften fungierten. Das Problem einer rigiden Auslegung (wie ich sie selbst teilweise begrüßen würde) besteht darin, dass man (neben den diversen Problemen bezüglich der Realismusdebatte in den Naturwissenschaften) oft auch die meisten Geisteswissenschaften als Pseudowissenschaften würde bezeichnen müssen. Viele dieser Gebiete setzen einen bestimmten Grundkonsens voraus (was etwa ethische oder ästhetische Fragen anbelangt); wird dieser nicht geteilt, so ist auch keine Diskussion über das fragliche Thema möglich. (Aber es liegt auf der Hand, dass auch in den "harten" Naturwissenschaften Grundannahmen geteilt werden müssen: Ohne die Annahme einer Art "metaphysischen Realismus" kann auch sie nicht betrieben werden - und diese Annahme ist wegen der Unlösbarkeit des Letztbegründungsproblems mit einem bestimmten Maß an Willkür behaftet).
Von Hagner ist diesbezüglich leider nicht viel zu vernehmen: Er konstatiert die Schwierigkeiten, ohne auf mögliche Lösungen hinzuweisen, behandelt etwa Poppers Abgrenzungsproblem in einem Halbsatz, indem er feststellt, dass aufgrund von Falsifikation eine Theorie nicht verworfen werden könne. Was natürlich Popper auch nicht behauptet hat, da man sich zum einen der Fehlbarkeit jedwedes Versuches bewusst war, andererseits auch den konventionalistischen Einwand berücksichtigte: Dass niemals mit absoluter Sicherheit das Misslingen eines Experimentes einer bestimmten Theorie angelastet werden kann, da das Experiment selbst unzähliger theoretischer Annahmen für die Durchführung bedarf. Deshalb bleibt von diesem Artikel nicht viel mehr zurück als ein wenig historische Information: Eine echte Auseinandersetzung findet nicht oder falsch bzw. oberflächlich statt. Eigentlich schade.
Ein weiterer Beitrag von einem Herrn Robert Matthias Erdbeer (nein, dafür kann er nichts) besticht durch ein unglaublich schwachsinniges Vokabular - geschult an literaturwissenschaftlichen und poststrukturalistischen Theorien: "Eine Relation der Begriffsverwendung [von Pseudowissenschaft] ist die epistemologische Funktion des Parawissenschaftlichen als Emulgator und Korrektiv des szientifischen Diskurses, die sowohl systemstabilisierend wirken als auch - insofern sie den Prozess normaler Wissenschaft dekonstruiert - zum Generator wissenschaftlicher Revolution werden kann." Dieses pseudoelitäre Germanistengewäsch (über das "Od" von Reichenbach, eine Art magnetische Lebenskraft, dieses Thema wäre durchaus interessant gewesen) zieht sich durch den gesamten Artikel: Medikamentenmissbrauch, kondensierte Bücher von Lyotard, Kristeva oder Foucault in Tablettenform - ich weiß es nicht. Der Artikel ist so haarsträubend überfrachtet mit abgehobenen Termini, dass er sich wie eine Parodie auf diesen Jargon liest.
lg
orzifar