Hallo!
Dummett versucht in diesem Werk die Ursprünge der analytischen - (= für ihn sprachphilosophischen) - Philosophie zu rekonstruieren, indem er schon zu Beginn des Werkes darauf hinweist, dass es ihm hauptsächlich um die deutschsprachige Tradition dieser Richtung zu tun sei (von Bolzano und Frege bis zum Wiener Kreis und Wittgenstein) und er die die englische Philsophie um Russel und Moore trotz aller ihrer Verdienst außer vor lassen würde. Dieses Konzept hält er allerdings nicht wirklich ein: Eigentlich ist vom Wiener Kreis so gut wie gar nicht die Rede (Schlick und Neurath schaffen es nicht mal ins Register, Carnap wird zweimal erwähnt), dafür sehr viel von Frege und - man staunt - Husserl. (Da wir im übrigen vor kurzem eine Diskussion über die Wiki und deren Zuverlässigkeit hatten: Dort wird erwähnt, dass Dummett sich auch mit Franz Brentano auseinandergesetzt habe, was denn bei der viermaligen Erwähnung desselben eine Fehlinformation darstellt. Brentano figuriert im Buch ohnehin nur als Lehrer von Husserl, einzig sein Intentionalitätskonzept wird auf einer halben Seite abgehandelt.)
Das Werk ist eine ziemlich anstrengende Lektüre, umso mehr für einen wie mich, der die sprachphilosophischen Richtungen mit großer Skepsis betrachtet. Wobei den Gründervätern dieser Richtung - von Frege bis zum Wiener Kreis - durchaus großes Lob zu zollen ist: Waren sie doch maßgeblich daran beteiligt, die Philosophie von ihren metaphysischen Einsprengseln weitgehend zu säubern. Das, was aber im Anschluss an Wittgenstein II geschehen ist, läuft diesen Intentionen völlig zuwider: Man begründete den Primat der Sprache für alles Philosophieren und versuchte anhand von sprachanalytischen Untersuchungen dem Geist, Denken, der Erkenntnis auf die Spur zu kommen.
So auch in diesem Buch. Hauptsächlich ist es Dummett darum zu tun, die von Frege postulierte Verbindung von Gedanke und Sprache zu analysieren nebst dem Wittgensteinschen Diktum, dass der Sinn eines Satzes in seiner Verifikation liege. Gleich zuvörderst: Wer eine Lösung dieses Problems (auch nur in Ansätzen) erwartet, wird bitter enttäuscht werden. Gegen Ende wird einzig festgestellt, dass das Wahrheitskriterium für Sätze, Gedanken bzw. die Kommunikation fraglich sei und es noch weiterhin untersucht werden müsse, ob eine Bedeutungstheorie nicht auch ohne ein solches Kriterium auskommen könne. Der Weg zu dieser zweifelhaften, weil wenig fruchtbaren Erkenntnis führt über langwierige Untersuchungen, inwieweit Gedanken sprachlich sind, ob denn das erwähnte Wahrheitskriterium wichtig, weniger wichtig oder unwichtig sei für das Aussprechen von Sätzen, das Bilden von Begriffen etc. und ob denn nun Gedanken etwas Bewusstseinsimmanentes oder etwas wie platonische Ideen seien (das von Frege so apostrophierte "dritte Reich", damals noch politisch unbedenklich

).
Diese Analysen scheitern an der unklaren Begrifflichkeit: Dummett macht sich nicht die Mühe, seine eigenen Begriffe - oder die Freges oder Husserls genau zu definieren, sodass man immer wieder mit den Worten "Sinn", "Bedeutung", "Bezug" oder "Gedanke" konfrontiert wird, ohne zu erfahren, welche Interpretation Dummett nun gerade im Sinn hat. Dadurch bleiben viel Ausführungen nebulös, man weiß häufig nicht, ob Dummett referiert oder seine eigene Meinung kundtut bzw. die Meinung anderer (z. B. Davidsons) kritisiert. Das alles erinnert an das Wort Poppers, der da meinte, dass ihm Sprachphilosophen wie Handwerker erschienen, die ihre ganze Arbeitszeit mit dem Schärfen ihres Werkzeuges zubrächten. Wenn dies - bonmotartig verkürzt - sicherlich übertrieben ist, so bleibt doch das schale Gefühl, einem Gehirnakrobaten bei der Arbeit zugesehen zu haben. (Ähnlich geht es einem ja auch mit dem Spätwerk Wittgensteins: Da gibt es viele originelle Aphorismen, aber überall, wo größere Zusammenhänge hergestellt werden sollen, bleibt es völlig unklar, warum man sich dieser Meinung anschließen und nicht das Gegenteil vertreten solle.) Beispielhaft für das ganze Buch steht dieser Satz: "Das Verstehen kann nämlich, wie Wittgenstein geltend macht, kein inneres Erlebnis sein, da kein solches Erlebnis die gleichen Konsequenzen haben könnte wie das Verstehen." Offenbar zitiert Dummett hier Wittgenstein (allerdings ohne Fußnote im Text), zum anderen ist dies eine dieser typisch apodiktischen Feststellungen, von denen ausgehend dann die weiteren Erklärungen abhängen. Nichts aber an diesem Zitat ist zwingend, man kann dem zustimmen oder auch nicht: Wenn man darauf seine Philosophie aufbaut, sollte man sich der prekären Statik dieses Gebäudes bewusst sein.
lg
orzifar