Diese Biografie ist ein Werk mit etwas Licht und viel Schatten. Sie bringt nicht nur nichts Neues (aber was könnte angesichts des Gegenstandes noch neu sein?) – im Gegenteil: Safranski benutzt die abgegriffenen Formeln der Genieästhetik, um Goethes das eigene Ich zentrierende Denken und Schaffen aufzurollen. Die These, dass G. es perfekt verstand, nur Dinge an sich heranzulassen, die seinem geistigen Wachstum und Horizont förderlich waren, ist nicht nur alt, sondern fast schon reaktionär (vgl. Simmels Goethe-Studie aus dem Jahr 1913).
Da war selbst ein Goethe-Verehrer wie Thomas Mann vor 80 Jahren weiter und moderner. Sein Goethe (wie er ihn in „Lotte …“ entwirft) denkt am laboriert am Rande der Asozialität und ist letztlich die personifizierte „Bücher erzeugende Unmenschlichkeit“ (eine Formulierung Arno Schmidts) mit all ihren Widersprüchen. Auch wenn das eine persönliche Wertung TMs ist, klingt sie in unseren heutigen Ohren zeitgemäßer als das ein wenig durch physiologische Argumente aufgemotzte Genie-Gebrabbel, das letztlich seine Wurzeln im 18. Jahrhundert hat.
Safranski entgeht zwar der Falle, Goethe zu verherrlichen. Auch an Hintergrundwissen zur "Goethezeit" läßt er es nicht fehlen. Einige Abschnitte sind sogar recht gelungen, bspw. die Interpretationen der „Iphigenie“ und des „Faust“. Andere, wie die Einlassungen zum „West-östlichen Divan“, sind hingegen eindeutiger Murks und es bleibt ein mehr als schaler Nachgeschmack.
Völlig unverständlich sind deshalb für mich Rezensionen wie die in der eigentlich schätzenswerten FAZ. Dort heißt es sinngemäß, diese Goethe-Biografie habe durchaus das Zeug, in den Kanon der Bildungsbürger vorzustoßen. Ob der Rezensent wirklich das ganze Buch gelesen hat?
Am Rande: Von einem TV-Reporter befragt, warum er diese Goethe-Biografie geschrieben habe, antwortete der Autor: „Es gibt viele Goethe-Biografien, aber noch keine von Safranski.“ Nun ja, lieber Herr Safranski: Dabei hätte es durchaus bleiben können.