Hallo!
In diesem Band sind die Arbeiten zusammengefasst, die Albert 1998 im Rahmen der Wittgenstein-Vorlesungen in Bayreuth hielt. Wenig Neues für denjenigen, der mit dem Werk Alberts einigermaßen vertraut ist: Er kritisiert im ersten Abschnitt die klassische Erkenntnispraxis (mit den üblichen Hinweisen auf die Fehlbarkeit der Vernunft, die Unsinnigkeit, Gewissheit erlanngen zu wollen etc.), anschließend die Werteproblematik, die sich aus einer so verstandenen Erkenntnistheorie ergibt. Der dritte Abschnitt ist einer Kritik des Historismus bzw. der hermeneutischen Traditionen gewidmet (ausführlicher in "Kritik der reinen Erkenntnislehre"), der vierte schließlich der Religion bzw. der religiösen Weltauffassung.
Albert behandelt dieses Problem von einer erkenntnistheoretischen Position aus, wobei ihm Fehler im "Flaschschen" Sinne nicht unterlaufen: Epistemologisch sind seine Ausführungen von großer Klarheit und Stringenz. Er kritisiert die immer wieder auftretende Inanspruchnahme eines auf rätselvolle, jedenfalls nicht intersubjektiv nachvollziehbare Weise erworbenen Wissens, das dann für den Aufweis einer ganz speziellen, nur Eingeweihten zugängigen Wahrheit, in Anspruch genommen wird. Oder den Versuch Schleiermachers, Religion auf eine Art emotionale Befindlichkeit zu reduzieren, ein religiöses Gefühl, das keiner rationalen Kritik zugängig sein soll. Abgesehen davon, dass ein solches Gefühl nicht genuin religiös sein muss, um innere Zufriedenheit auszulösen, konterkariert es auch die allgemeinen Auffassungen des Glaubens, der da doch immer auf irgendwie wirksame, numinose Wesenheiten rekurriert, die in diesem oder einem späteren Leben einen bestimmten Einfluss haben (alle irgendwie rituellen, gebetsartigen Anrufungen wären ansonsten sinnfrei). Und er beschäftigt sich auch ausführlich mit der Pascalschen Wette, die einem bestimmten Typus religiöser Argumentation entspricht: Indem von willkürlich eingeschränkten Alternativen ausgegangen wird, die jeglicher Begründung ermangeln, dann aber (sofern man sie ungesehen akzeptiert) zu dem erwünschten Ergebnis führen.
Der für mich eindrucksvollste Aufsatz war jener über "Wissenschaft und Verantwortung", der im Anhang abgedruckt wurde. Albert ist es hier um eine Rehabilitierung der Weberschen These von der Wertfreiheit zu tun, die vor allem von Vertretern der kritischen Theorie missbraucht wurde, in dem man einzelne Teile oft sinnentstellend zitierte. Diese Wertfreiheit besteht in einem weitgehenden Freimachen von exogenen Faktoren (z. B. Politik), vor allem aber in einem "Explizitmachen" der endogenen Faktoren - als da sind: Wahrheit, Tatsachenorientierung, Verzicht auf ideologische Wunschvorstellungen, um zu einer rationalen Erkenntnispraxis zu gelangen. Eine solche sich an "positiven" Grundsätzen orientierende Soziologie scheint sich dem Irrationalismus willkürlicher Entscheidungen auszuliefern (während zuvor die Forschung in einen ideologisch-politischen Kontext eingebettet war und sich daher diese Frage nicht stellen konnte). Allerdings ist ein solches Irrationalitätsproblem keineswegs zwangsläufig - im Gegenteil: Die so gewonnenen Erkenntnisse dienen zu einer Entwicklung einer Art Sozialtechnologie, zur - natürlich nun nicht mehr - wertfreien Diskussion über die Umsetzung bestimmter Vorstellungen anhand der Fakten, während in den historistischen Modellen häufig das Werte- und Erkenntnisproblem unzulänglich vermischt wird. Gerade marxistische Theoretiker verfahren häufig so, dass sie ihre eigenen Wertvorstellungen einer Ideologie aufpropfen und dann diese Wertvorstellungen durch Analyse wieder als eine Form der Erkenntnis aus dieser Konzeption gewinnen. Allerdings sind Wertungen keine Erkenntnis, auch wenn sie als solche verkauft werden (sollen), hingegen ist der Erkenntisprozess selbst natürlich von Wertungen durchsetzt.
Albert gelingt es in diesem Aufsatz auf prägnante Weise, Marcuses willkürliche Interpretation von Weber als eines bürgerlich-kapitalistischen Denkers als Fiktion zu entlarven. Und er weist auch immer wieder auf die Gefahr solcher politisch-theologischer Heilslehren (wie sie von Marcuse etwa in der "Kritik der reinen Toleranz" entworfen wurde) hin, die dann eine Art Gewaltmonopol für sich in Anspruch nehmen aufgrund von Erkenntnissen, die sich in ihrer Plausibilität in nichts von religiösen Erfahrungen unterscheiden.
Und dann gibt es noch ein kleines Stück von Igor Zehrfasel (einem alter ego Alberts und bekennenden Heideggerianer) über
Ernst August Dölle und dessen Verständnis des Meßkircher Denkers. Diese Parodien sind vor allem was den - von anderen so bezeichneten Jargon der Eigentlichkeit - betrifft (wobei diese anderen diesem Jargon sehr viel näher standen als ihnen bewusst war) von großem Unterhaltungswert. Da ent-birgt sich so manches im Ver-Nehmen der Ant-Wort im Ge-spräch: Allerdings wird hier auch die Grenze der Parodierbaren offenbar. Denn das Original bleibt unerreicht - gänzlich humorlos heißt es dort: "Die Verneinung kann weder als das einzige, noch gar als das führende, nichtende Verhalten angesprochen werden, darin das Dasein vom Nichten des Nichts durchschüttert bleibt."
lg
orzifar