Author Topic: Bernhard Bavink: Was ist Wahrheit in den Naturwissenschaften?  (Read 1320 times)

Offline orzifar

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Hallo!

Dieses Buch liest sich ebenso sehr als historisches Dokument über die Zeit der Wissenschaft im 1000jährigen Reich wie auch als eine Kurzfassung der epistemologischen Probleme der Naturwissenschaft. Letzteres wird versucht, über die Begriffe der Wahrheit bzw. des Wahrheitskriteriums zu erörtern, wobei Bavink als ein Vertreter des kritischen Realismus gelten kann. Er unterscheidet zwischen rein idealistischen Wirklichkeitsauffassungen (ausgehend von Berkeley bzw. Plato), dem transzendentalen Ansatz Kants, der auf die Bedingungen der Möglichkeit von Erkenntnis rekurriert, in seinem Anspruch auf Notwendigkeit und Allgemeingültigkeit aber zurückzuweisen ist und einem naiven Realismus, der aber durch skeptische Einwände zu Fall gebracht wird. Bavink votiert daher für einen kritischen Realismus, für die Fehlbarkeit der empirischen Erkenntnis, der eine objektive, wenn auch nicht in allem erkennbare Außenwelt, voraussetzt. Insofern kann er als ein kritischer Rationalist betrachtet werden, obschon er offenbar Popper nicht gekannt haben dürfte (auch Külpe findet keine Erwähnung).

Auch das Wahrheitskriterium betreffend bleibt er diesem Ansatz treu: Er vertritt - vor allem für die Naturwissenschaften - ein Konvergenzprinzip, dergestalt, dass die Wissenschaft durch ihre Tätigkeit dem dieser Tätigkeit zugrunde liegenden Wahrheitsbegriff immer näher kommt. Die teilweise Problematik einer solchen Haltung, die Annahme nur mittelbar nachweisbarer Entitäten und des damit verbundenen Realismusproblems, wird von ihm aber nicht erörtert. Hingegen sieht er - durch die Naturwissenschaft vertreten - die wissenschaftliche Gemeinschaft als einen Hort der Objektivität und Wahrheitssuche, der in keinem anderen gesellschaftlichen Bereich diese Ausprägung erfahren habe. Und er betont auch das reine Erkenntnisinteresse an dieser Arbeit (etwa im Gegensatz zu Scheler oder den Vertretern der kritischen Theorie), weist darauf hin, dass eine auf pragmatisch-technischen Fortschritt bedachte Wissenschaft unergiebig und uneffizient sei, da es unmöglich ist, alle Konsequenzen der Forschung vorherzusagen bzw. weil solche auf technische Machbarkeit einengenden Strukturen die Wissenschaft ihres kreativen Potentials berauben würde.

Und es gibt da noch das Vorwort, das auf die Problematik der Wissenschaft unter Hitler hinweist. Der Autor wendet sich dabei strikt gegen die ideologisch-rassistische Vereinnahmung der Forschung und erweckt den Eindruck, dass er ein Gegner des Regimes gewesen wäre. Was aber so nicht stimmt, wenn man die Arbeit von Klaus Hentschel zu Rate zieht: Hier wird von dem Eintritt Bavinks in die NSDAP im Jahre 1933 berichtet, von seinen äußerst zweifelhaften Ansichten über Eugenik oder seiner Haltung zur Rassengesetzgebung: "Ehen zwischen Deutschen [Nicht juden] und Juden sind von nun an nicht mehr gestattet, außerehelicher Geschlechtsverkehr wird mit Gefängnis beider Teile [ ... ) bestraft." Trotz dieser und ähnlicher Äußerungen scheint er sich aber zusehends von der nationalsozialistischen Ideologie entfernt zu haben, um sich - vor allem im Bereich Wissenschaft und Forschung - einer von rassischen Standpunkten freien Objektivität zuzuwenden, die ihm auch einiges an Schwierigkeiten mit dem Regime eingebracht hat. Und angeblich hat er sich auch für jüdische Schülerinnen aus seinem Gymnasium eingesetzt (wofür ich aber - außer der Feststellung an sich - keine Belege finden konnte). In jedem Fall aber schein Bavink ein interessanter Fall für die Wissenschaftsgeschichtsschreibung zwischen 1933 und 1945 zu sein, der im übrigen 1947 eine Professur für Naturphilosophie erhielt, also offenbar als nicht belastet eingestuft wurde. (Leider fand ich in dem Buch von M. Plümacher über die deutsche Philosophie nach dem Zweiten Weltkrieg keine Erwähnung Bavinks.)

lg

orzifar
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