Hallo!
Das Buch fasst die Beiträge des "Bozner Treffen" von 1995 zusammen, bei dem vor allem Philosophen und/oder Naturwissenschaftler über erkenntnistheoretische Fragen diskutierten, insbesondere die Frage, welches Bild wir von der Natur, der Außenwelt haben bzw. haben können. Die Texte sind wegen ihrer unterschiedlichen Herkunft auch von höchst unterschiedlicher Qualität: Von eher hilflosen Versuchen von Naturwissenschaftlern, ihr Fachwissen allgemeinverständlich und philosophisch anregend aufzubereiten bis zu einem irritierenden, genuin philosophischen Gerede, das sich in Ein- und Unterteilungen ergeht, Probleme (in diesen Untergliederungen) sucht (und nicht findet) und daher die Gliederung selbst (ihrerseits weder notwendig noch verständlich) zum eigentlichen Problem erklärt.
Aber es gibt auch Anregendes: Etwa einen provokativen Artikel von E. v. Glasersfeld, in dem er dem radikalen Konstruktivismus das Wort redet oder von G. O. Longo über die Probleme der Wirklichkeitserfassung, eine Wirklichkeit, deren Komplexität einerseits reduziert werden muss (im Sinne Galileis), die aber durch diese Reduktion in die problematische Situation gerät, größere Zusammenhange nicht mehr erfassen zu können und von emergenten Phänomenen oder deren Irreversibilität überrascht zu werden. Andererseits hält gerade Longo viele der durch wissenschaftliche Kenntnisse entstandenen Probleme für irgendwie "gottgegeben", er spricht etwa von der Notwendigkeit einer exzessiven Rationalität, der wir bedürfen, die wir aber nicht leben könnten. Beides scheint mir (wobei ohnehin noch genauer beschrieben werden müsste, was unter einer solchen Rationalität zu verstehen wäre) keineswegs so unausweichlich zu sein wie Longo dies darstellt: Wer die Möglichkeit einer Einflussnahme auf die Entwicklung der Menschheit generell ausschließt, ergibt sich einem unseligen Fatalismus, der dann tatsächlich jede Handlung obsolet macht. Und er spricht - im Sinne Neil Postmans - von der überbordenden Informationsflut, die uns das Wichtige (was immer das ist und wer immer dieses Wichtige bestimmt) vom Zweitrangigen nicht mehr unterscheiden lässt. Bei dieser Kritik fehlt zumeist die Alternative: Statt Informationsflut keine Information? Oder gezielt ausgewählte Information? Wobei sich hier natürlich die Frage stellt, wer denn dann auswählt, von welchem Gremium Wichtigkeit eingeschätzt und bewertet wird. Die Informationsflut erfordert ebenso wie ein Informationsmangel einen mündigen Menschen: Der sich entweder darum kümmern muss, dem Mangel abzuhelfen oder aber für sich selbst die entsprechende Auswahl treffen muss. Bei allen Schwierigkeiten bezüglich beider Zustände: Mir scheint der Überfluss der geringere Schaden zu sein.
Insgesamt aber ein Buch, bei dem die Langeweile während der Lektüre das Interesse zumeist überwog. Und selbst den Inhalt der spannenderen Artikel hat man anderswo schon klarer, verständlicher und mit mehr Argumenten gestützt gelesen.
lg
orzifar