Hallo!
Interviews zum 90. Geburtstag des Philosophen, aufbereitet und als "Gespräche" herausgegeben. Wer mit dem Werk Alberts einigermaßen vertraut ist, wird nicht wirklich viel Neues erfahren, obschon seine Kommentare zur neueren Politik, rezenten Philosphen, der Parteienlandschaft Deutschlands in dieser Form nirgends im Werk auftauchen. Leider erscheint die Gesprächsführung manchmal etwas betulich, man hat den Eindruck, dass der Mut zum Hinterfragen mancher Ereignisse den Autoren fehlte (so wird das Thema Nationalsozialismus zwar einigermaßen ausführlich abgehandelt, Alberts Verquickung als Wehrmachtssoldat (freiwillig!) thematisiert, nirgendwo aber die Frage nach einer persönlichen Schuld gestellt, eine Frage, die sich spätestens nach Ende des Krieges angesichts der Bilder der Konzentrationslager hätte stellen müssen). Und so nebenher stellt sich bezüglich dieses "Wissens", besser "Nichtwissens" bei mir immer einige Skepsis ein: Albert meint, wiewohl an der Ostfront eingesetzt, von Lagern, Wehrmachtsverbrechen etc. nichts gewusst zu haben, während ich aus den Erzählungen meiner eigenen Familie weiß, dass ab 1942, wenn auch unter vorgehaltener Hand, von Judenvergassungen (Judenseife, Lampenschirmen aus Judenhaut etc.) durchaus die Rede war - und das in einem geographischen Bereich, der weit ab von diesen Dingen war ...
Die meisten Dinge sind aus anderen Publikationen bekannt: Alberts prekäres Verhältnis zu Habermas, der Frankfurter Schule bzw. zu Heidegger oder Gadamer, seine Auseinandersetzung mit den rationalisierenden Versuchen evangelischer und katholischer Theologen, die Zurückweisung von Letztbegründung wie auch das Bestehen auf einem konsequenten Falliblismus. In all dem aber bleiben die Gespräche eben ein wenig oberflächlich: Einige Sätze über Feyerabend (mich hätte etwa interessiert, was Albert konkret von einem Machwerk wie "Erkenntnis für freie Menschen" gehalten hat, ein Buch, das Kritik mindestens ebensosehr verdient hätte wie Küngs oder Ebelings Versuche, eine absolute theologische Wahrheit zu inthronisieren) oder in welcher Form er in den Streitigkeiten zwischen Popper und dessen Schülern Stellung genommen hat.
Erwähnung verdient das ausführliche Nachwort Zimmers, in dem er Alberts Position in Bezug auf die hermeneutisch-existentialistischen Strömungen darzustellen sucht, wobei er die Ähnlichkeiten bei Heidegger, Gadamer oder Habermas zu genuin theologischen Weltentwürfen aufzeigt. Allen diesen Konzeptionen ist gemeinsam, dass sie einen bestimmten Bereich ihres philosophischen Entwurfes für sakrosankt erklären, damit der Kritik entziehen und dadurch für eine Letztbegründung Raum schaffen. Allerdings ist ihnen auch die Unmöglichkeit eines solchen Tuns gemeinsam: Das von Albert eingeführte "Münchhausen-Trilemma" führt alle diese Bemühung ad absurdum.
lg
orzifar