Hallo!
Dieses Buch verdient eine uneingeschränkte Empfehlung. Vollmer war - nach Konrad Lorenz - einer der ersten, der auf die Fruchtbarkeit der Evolutionstheorie für die Philosophie hingewiesen hat, ein mehr als notwendiger Hinweis, der aber sehr lange vom akademischen Fachphilosophentum ignoriert wurde. Dies schon deshalb, weil man einen solchen Entwurf von seiten eines Naturwissenschaftlers (obschon Vollmer auch Philosophie studiert hat) prinzipiell skeptisch gegenüberstand: Sollte doch die Erkenntnistheorie vor aller anderen Erkenntnis stehen und deren Erkenntnisprozesse damit weitgehend bestimmen.
Hierin liegt bereits einer der grundsätzlich Fehler der Philosophie (bzw. der herkömmlichen Erkenntnistheorie): Denn diese ist als Theorie ebenso falsifizierbar wie jede andere und sie ist auch einem grundsätzlichen Entwicklungsprozess unterworfen. Gerade der Wunsch nach sicherer Erkenntnis hat in der Philosophie zu den seltsamsten Blüten geführt wie auch die Abschottung von jeder Realwissenschaft. Natürlich lässt sich anhand des Substanzbegriffes eines Aristoteles (gegen den dadurch nichts gesagt sein soll) ein in sich logisches, konsistentes System entwerfen: Aber es wird - wie es leider häufig in der Philosophie zu geschehen pflegt - dadurch jeder Bezug zur Wirklichkeit verloren. Logisch konsistent sind auch Märchen oder Mythen und sie sind in ihrer Aussagekraft den betreffenden Systemen gleichwertig.
Erkenntnistheorie aber geschieht nicht irgendwo außerhalb von uns in einem idealen, logischen Raum, sie ist menschen- und umweltabhängig. Und sie ist ganz offenkundig vom Entwicklungsstand des Subjekts, dass da zu erkennen sucht, abhängig. Auch Tiere, selbst Einzeller "erkennen", sie erfahren die Umwelt und reagieren entsprechend (Pantoffeltierchen reagieren auf Hindernisse, "erkennen" über ihren chemischen "Sinn" mögliche Nahrung), Menschenaffen nehmen diese ihre Umwelt bereits in einer ähnlichen, "vorstellenden" Weise war wie Menschen (indem sie etwa die Möglichkeiten einer Reaktion auf Umweltkriterien abschätzen (z. B. die Distanz von einem Ast zum anderen) und aus den entsprechenden Handlungsmöglichkeiten wählen). Der "Alltagsverstand" von Mensch und Affe unterscheidet sich in dieser Hinsicht nur marginal.
Anders ist es mit dem wissenschaftlich-kritischen Weltbild. Hier scheint der Mensch die einzige Spezies, die anhand von abstrakten Begrifflichkeiten Theorien entwirft und sie kritisch überprüft (obgleich selbst diese Versuch-Irrtum-Methode auf niedrigerer Ebene von fast allen Tieren angewandt wird). Allerdings wissen wir um diese Kritikfähigkeit und setzen sie bewusst ein in unserem Wunsch nach Erkenntnis. So wird durch diese evolutionäre Betrachtungsweise auch eine in der Philosophie häufig diskutierte Frage beantwortet: Jene nämlich nach der (überraschenden?) Übereinstimmung von Erkenntnis- und Wirklichkeitsstruktur. Da wir uns auf einem ganz bestimmten Planeten, unter ganz bestimmten Umständen entwickelt haben, diese Evolution also in Wechselwirkung mit unserer Umwelt vonstatten ging, liegt es auch auf der Hand, dass sich die Erfahrungs- und Erkenntnisstrukturen weitgehend an genau diese Welt angepasst haben. Wäre dem nicht so, so könnten wir auch diese Frage nicht stellen: Wir wären aufgrund inadäquater Reaktionen auf unsere Umwelt längst von der Evolution als nicht überlebensfähig ausgeschieden worden.
Aufgrund der evolutionären Betrachtungsweise müssen etwa auch die Kantschen Anschauungen und Kategorien einer Revision unterzogen werden: Wie schon bezüglich der Anschauungen von Zeit und Raum die Absolutheit im Newtonschen Sinne durch die Relativitätstheorie obsolet wurde, so sind auch die kategorialen Konzepte nicht "notwendig": Sie sind vom Entwicklungsstand des Subjektes abhängig und sie halten - wie etwa die Kausalität - manchen wissenschaftlichen Erkenntnissen - etwa den Implikationen der Quantentheorie - nicht stand (für den Zerfall eines bestimmten Atoms gibt es keine "Ursache", er lässt sich nur statistisch bestimmen). Was von Kant jedoch bleibt ist der Wechsel der Perspektive: Unsere menschlichen "Kategorien" (unabhängig davon, ob sie mit den von Kant vorgeschlagenen übereinstimmen) determinieren tatsächlich unsere Erkenntnis. Nur sind diese Kategorien im Laufe der Evolution entstanden und auf unsere ganz spezifische Umwelt ausgerichtet: Weshalb es auch nicht weiter überraschend ist, dass etwa unsere sinnliche Wahrnehmung im ganz Großen und ganz Kleinen versagt. Für das Überleben der Art war eine solche Art der Wahrnehmung belanglos.
Die vielen Möglichkeiten, die sich aus der evolutionären Erkenntnistheorie ergeben, wurden nur von recht wenigen Philosophen genutzt: Zum einen durch die kritischen Rationalisten (insbesondere Popper), zum anderen durch Rupert Riedl oder Franz Wuketits. Die von Varela und Maturana entworfenen Konzepte der Autopoiesis würde ich hingegen als fragwürdige "Erben" der evolutionären Erkenntnistheorie betrachten: Sie sind vielmehr die Versuche einer idealistischen Umdeutung mit leicht esoterischem Anstrich. Gegen solchen Missbrauch ist leider keine Theorie gefeit. Ein Grund für das Ignorieren dieses Ansatzes liegt - wie schon erwähnt - in einer gewissen philosophischen Selbstgefälligkeit: Wer da etwa immer noch großartige metaphysische Spekulationen über die "Passung" von Erkenntnis und Welt anzustellen geneigt ist, wird Erklärungen evolutionären Zuschnitts gerne Trivialität unterstellen. Und wer den Naturwissenschaftlern ein bestimmten Erkenntniskonzept (oder -korsett) vorzugeben wünscht, wird sich von diesen nicht wirklich gern darüber belehren lassen, was man denn überhaupt erkennen kann. Allerdings ist die Interdiszplinarität eine Grundvoraussetzung für jede Art von Wissenschaft - und insbesondere für die Philosophie. Ansonsten operiert man in einem wirklichkeitsfremden Raum: Eben in einer Märchen- und Mythoswelt. Diese metaphysischen Entwürfe mögen ihre Berechtigung haben, dürfen dann aber über die Kritik, nichts mit der Wirklichkeit, mit den Menschen, ihrer Umwelt zu tun zu haben, nicht weiter verwundert sein und müssen sich den Vorwurf einer diesbezüglichen Beliebigkeit gefallen lassen.
lg
orzifar
Nachsatz: Das Buch zeichnet sich durch klare Sprache, Verständlichkeit, Lesbarkeit aus. Wer eine Einführung in die evolutionäre Erkenntnistheorie wünscht ist daher mit dem Vollmer bestens beraten. Hingegen kann von einem Buch, dass sich explizit als solche Einführung versteht (Bernhard Irrgang: Lehrbuch der evolutionären Erkenntnistheorie) nur dringend abgeraten werden. Zum einen ist Irrgang jemand, der da meint, gutes Deutsch bestünde aus möglichst langen, umständlichen und verschachtelten Satzkonstruktionen (dieser Typus glaubt das wirklich: Verständlichkeit, kurze Sätze etc. sind ihm suspekt). Zum anderen setzt diese Einführung im Vorwort voraus, was später erklärt wird, entblödet sich aber nicht, in ein Glossar so unverständliche Begriffe wie "Interpretation" oder "Information" aufzunehmen. Ich kenne wenige schlechter konzipierte Bücher (wenn überhaupt). Ich habe von Irrgang vor Jahren in philosophischen Zeitschriften noch zwei weitere Artikel gelesen: Sie entsprachen sprachlich dem vorerwähnten Buch. Schade, dass ein derart unbedarfter Autor das einzige mir bekannte Einführungswerk verfasst hat. (Vielleicht trug das Studium der kath. Theologie beim inkriminierten Autor zu seinen sprachlichen Eskapaden bei: Denn als ein solcher (Theologe) lernt man denn allerhand verteidigen mit viel Geräusch, Brimborium und Weihrauch - aber inhaltlos. Irgendwie muss der Gute ja die evolutionäre Erkenntnistheorie mit der Jungfrauengeburt, dem Heiligen Geist oder der Aufnahme Marias in den Himmel (mit Leib und Seele, seit ungefähr 60 Jahren dogmatisch verankert) in Einklang bringen. So gesehen darf's einen dann doch wieder nicht wundern ... )