Hallo!
Eine sehr beeindruckende Autobiographie, die ich froh bin gelesen zu haben. Nach den beiden Briefbänden, die mir einigen Aufschluss über das Denken Feyerabends geben sollten und die einen recht ambivalenten Eindruck hinterließen, hat mich diese Selbstbeschreibung mit der Person Feyerabends ein wenig versöhnt.
Durchgehend ist das Bemühen um Ehrlichkeit zu spüren: Auch wenn das für den Autor unangenehm oder peinlich sein könnte. Dazu zählen die Beschreibung seiner Indolenz und Ignoranz gegenüber den Ereignissen während des Nationalsozialismus (Feyerabend war Offizier in Russland) oder die Bemerkungen über seine Impotenz aufgrund einer Kriegsverletzung. Die Zeit in der Wehrmacht beschreibt er als eine Art Vorkommnis in der Welt (die an sich immer wieder Unverständliches parat hält), ein Vorkommnis, dem er verwundert, neutral, unbeteiligt gegenübersteht. Kaum politische Gedanken (oder bestenfalls theoretischer Natur), wenig Bezug zur Realität, zu den Menschen, zu dem ungeheuren Leid. Auch keine Beschönigungen: Er war nach dem Krieg "unbelastet" (weil kein Parteimitglied oder in Verbrechen verwickelt), führt dies aber auf bloßen Zufall zurück: "Ich weiß nicht, was ich getan hätte, wenn ich aufgefordert worden wäre, in die SS einzutreten oder Zivilisten zu erschießen." (sinngemßes Zitat von mir) Das ist wohltuend, weil - für mich - ehrlicher als die oft verqueren Verteidigungen des eigenen Verhaltens oder die Berufung auf ach so große menschliche Qualitäten.
Die Schilderung seiner Universitätslaufbahn, der Entwicklung seines Denkens, haben mir einiges von ihm verständlicher gemacht (wenn ich auch die hier wieder erfolgte Verteidigung von "Wider den Methodenzwang" nicht überzeugend finde: Mag sein, dass vieles witzig, ironisch, sarkastisch gemeint war. Aber alle Kritik auf ein solches Missverstehen der Autorenintentionen zurückzuführen scheint doch ein wenig billig: Vieles in diesem Buch ist einfach Unsinn, wie auch - in noch stärkerem Ausmaß - in "Erkenntnis für freie Menschen", ein Buch, das er zu verteidigen keine Anstalten unternimmt). Er schreibt selbst, dass er stets einen starken, provokanten Widerspruchsgeist in sich spürte - und dass dieser Widerspruchsgeist für viele seiner Ausführungen sehr viel mehr Bedeutung hatte als gedankliche Erwägungen. Dieses "alles unbedingt auf die Spitze treiben wollen" hat viele seiner, durchaus zu berücksichtigenden Einwände gegenüber der Wissenschaftskultur ein wenig lächerlich gemacht: Weniger wäre hier mehr gewesen.
Das Ende des Buches zeigt eine Art geläuterten Feyerabend: Der erstmal erkennt, wie wichtig Beziehungen, Freunschaften, die Liebe für ein Leben sind, der erstmals mit 60 Jahren den Mut findet, sich wirklich auf einen Menschen einzulassen. Vieles davor (und schon in dem erwähnten Briefwechsel mit Albert) weist hin auf latente Unsicherheit, Überkompensation, auf einen Schild aus Sarkasmus und Zynismus, der ihn vor tiefergehenden, wirklich persönlichen Auseinandersetzungen bewahren sollte. Das Aufgeben dieser Haltung wird zu seinem größten Erfolg: Indem er sich geliebt und zufrieden wiederfindet.
Ein sehr lesenswertes Buch, wobei ich nicht wirklich zu beurteilen vermag, inwieweit mein positives Urteil durch die Kenntnis von Feyerabends Arbeiten bzw. einiger Sekundärliteratur oder des Briefwechsels mit Albert beeinflusst wurde. Diese Kenntnis hat sicherlich ein wenig mehr an Verständnis, ein größeres Interesse bewirkt. Aber ich vermute, dass diese Biographie auch ohne alle Vorkenntnisse genossen werden kann.
lg
orzifar