Author Topic: Betrand Russell: Autobiographie 1914 - 1944  (Read 1729 times)

Offline orzifar

  • Administrator
  • *****
  • Posts: 2 942
Betrand Russell: Autobiographie 1914 - 1944
« on: 14. August 2013, 00.34 Uhr »
Hallo!

Nun also der zweite Teil der autobiographischen Erinnerungen. Und ebenso interessant und anregend zu lesen. Im ersten Teil wird sein Widerstand gegen den Ersten Weltkrieg beschrieben, sein Kampf für ein umfassenden Pazifismus (der ihm später ein wenig suspekt erschien). Aber dieser Einsatz brachte ihn nahe an die Menschen, nahe auch an deren Abgründe, an Völkerhass, Hurra-Patriotismus, Nationalismus. Bis zu dieser Zeit scheint er ein sehr theoretisches Verhältnis zu menschlichen Belangen gehabt zu haben, nun wird ihm der Mensch an sich in all seiner Abgründigkeit vor Augen geführt. Vormals intelligente Menschen werden von der Kriegsbegeisterung erfasst, erklären sich mit der Einschränkung der Menschenrechte der "nationalen Sicherheit wegen" einverstanden, während ihm aufgrund seiner pazifistischen Tätigkeit, der Unterstützung von Kriegsdienstverweigerern zuerst die Lehrbefugnis entzogen wird, später dann eines Artikels wegen sogar für 6 Monate ins Gefängnis kommt.

Nach dem Krieg seine Reise nach Russland: Seine Eindrücke gehören zum Klügsten, was in dieser Zeit über den Bolschewismus geschrieben wurde. All das, was später mit Stalin verbunden wurde, meinte er auch schon unter Lenin zu erkennen, Gleichschaltung, brutale Unterdrückung, Erschießungen Missliebiger, Spitzelwesen. Und diese weitgehend negativen Eindrücke stießen bei den meisten auf entschiedenen Widerstand: Gerade die fortschrittlichen Intellektuellen pflegten in dieser Bewegung eine Hoffnung für die Zukunft zu sehen (ohne sich damit auseinanderzusetzen), weshalb eine negative Beurteilung nicht gern gesehen wurde. Dies musste er auch noch während seines einjährigen Aufenthaltes in China feststellen (mit seiner zukünftigen, zweiten Frau). In Hinblick auf diese Beziehung wird er dann auch vom Puritanismus wieder einmal eingeholt: Man macht ihm Schwierigkeiten bezüglich der Scheidung, man spürt auch, wie notwendig eine (erneute) Heirat vom gesellschaftlichen Standpunkt aus war (u. a. wahrscheinlich, um den bereits unterwegs befindlichen Erben zu legitmieren). Der Einfluss der genuin christlichen Moralvorstellungen scheint gewaltig gewesen zu sein.

Interessant auch der Briefverkehr mit Wittgenstein (alle Briefe Wittgensteins habe ich hier erstmals abgedruckt gefunden), Russels Einschätzung der Person, die zwischen absoluter Hochachtung und betonter Distanzierung schwankt. Dieses vor allem in Hinblick auf die metaphysisch-religiösen Vorstellungen Wittgensteins (der noch aus der Kriegslektüre nachwirkende Einfluss von Tolstoi), jenes wegen dessen absoluter Fokussiertheit auf das Denken, sein exaltiertes Philosophieren, bei dem man über alle Seltsamkeiten des Verhaltens hinwegblicken musste. Bei einem Besuch von Whitehead wurde er in den Salon geführt, nahm von der Dame des Hauses nicht die geringste Notiz, ging schweigend mit großen Schritten auf und ab, um schließlich heftig zu sagen: "Ein Satz hat zwei Pole. Das ist a und b." Russel weiter: "Whitehead sagte mir, als er dies erzählte: 'Ich fragte natürlich, was a und b seien, aber merkte, dass ich genau das Falsche gesagt hatte.' 'a und b sind undefinierbar', antwortete Wittgenstein mit Donnerstimme."

lg

orzifar
Derzeitige Lektüre:

Herbert Schnädelbach: Philosophie in Deutschland 1831 - 1933
Hans Albert: Kritik des theologischen Denkens
John Irving: Owen Meany

Offline orzifar

  • Administrator
  • *****
  • Posts: 2 942
Re: Betrand Russell: Autobiographie 1914 - 1944
« Reply #1 on: 18. August 2013, 22.29 Uhr »
Hallo!

Die Zwischenkriegszeit ist für Russel u. a. geprägt von seinen pädagogischen Bemühungen. Die Tatsache, selbst Vater geworden zu sein, schärft seine Sinne für ein Erziehungssystem, das auf Zwang und sturem Auswendiglernen aufgebaut ist (und diesbezüglich hat sich in den letzten 100 Jahren nicht wirklich viel geändert, obschon die noch zu meiner Zeit üblichen körperlichen Übergriffe eher die Ausnahme geworden sind). Und es beginnt in diesem Zusammenhang auch sein lange andauernder Kampf mit der Religion, deren schädlichen Einfluss er nicht nur in bezug auf die Pädagogik, sondern auch in gesellschaftlicher Hinsicht (nach seiner Scheidung und zweiten Heirat) zu spüren beginnt. Diese Auseinandersetzung eskaliert schließlich während seines Aufenthaltes in den USA im Zweiten Weltkrieg, als ihn katholische Kreise der Verführung der Jugend anklagen (Sokrates lässt grüßen) und ihm so die Möglichkeit nehmen, für seine Familie zu sorgen. (Eine Rückkehr nach England war aufgrund des Krieges erst 1944 möglich.)

In dieser Zeit (20iger und 30iger Jahre) verliert sich sein Interesse an akademischer Philosophie zusehends: Er schreibt - bis auf wenige Ausnahmen - populärwissenschaftliche Bücher, engagiert sich in politischen und sozialen Belangen. Dem "neuen" Wittgenstein steht er weitgehend verständnislos gegenüber, setzt sich aber trotzdem für ihn in Oxford ein und erreicht, dass er dort aufgenommen wird. Und er muss angesichts des Nationalsozialismus zur Kenntnis nehmen, dass ein bedingungsloser Pazifismus nur dort ein - vielleicht - erfolgreiches Unterfangen ist, wo die Gegenseite noch ein Minimum an ethisch-moralischem Verantwortungsgefühl aufweist.

Und nun weiter zum letzten Band.

lg

orzifar
Derzeitige Lektüre:

Herbert Schnädelbach: Philosophie in Deutschland 1831 - 1933
Hans Albert: Kritik des theologischen Denkens
John Irving: Owen Meany