Hallo!
Nun also der zweite Teil der autobiographischen Erinnerungen. Und ebenso interessant und anregend zu lesen. Im ersten Teil wird sein Widerstand gegen den Ersten Weltkrieg beschrieben, sein Kampf für ein umfassenden Pazifismus (der ihm später ein wenig suspekt erschien). Aber dieser Einsatz brachte ihn nahe an die Menschen, nahe auch an deren Abgründe, an Völkerhass, Hurra-Patriotismus, Nationalismus. Bis zu dieser Zeit scheint er ein sehr theoretisches Verhältnis zu menschlichen Belangen gehabt zu haben, nun wird ihm der Mensch an sich in all seiner Abgründigkeit vor Augen geführt. Vormals intelligente Menschen werden von der Kriegsbegeisterung erfasst, erklären sich mit der Einschränkung der Menschenrechte der "nationalen Sicherheit wegen" einverstanden, während ihm aufgrund seiner pazifistischen Tätigkeit, der Unterstützung von Kriegsdienstverweigerern zuerst die Lehrbefugnis entzogen wird, später dann eines Artikels wegen sogar für 6 Monate ins Gefängnis kommt.
Nach dem Krieg seine Reise nach Russland: Seine Eindrücke gehören zum Klügsten, was in dieser Zeit über den Bolschewismus geschrieben wurde. All das, was später mit Stalin verbunden wurde, meinte er auch schon unter Lenin zu erkennen, Gleichschaltung, brutale Unterdrückung, Erschießungen Missliebiger, Spitzelwesen. Und diese weitgehend negativen Eindrücke stießen bei den meisten auf entschiedenen Widerstand: Gerade die fortschrittlichen Intellektuellen pflegten in dieser Bewegung eine Hoffnung für die Zukunft zu sehen (ohne sich damit auseinanderzusetzen), weshalb eine negative Beurteilung nicht gern gesehen wurde. Dies musste er auch noch während seines einjährigen Aufenthaltes in China feststellen (mit seiner zukünftigen, zweiten Frau). In Hinblick auf diese Beziehung wird er dann auch vom Puritanismus wieder einmal eingeholt: Man macht ihm Schwierigkeiten bezüglich der Scheidung, man spürt auch, wie notwendig eine (erneute) Heirat vom gesellschaftlichen Standpunkt aus war (u. a. wahrscheinlich, um den bereits unterwegs befindlichen Erben zu legitmieren). Der Einfluss der genuin christlichen Moralvorstellungen scheint gewaltig gewesen zu sein.
Interessant auch der Briefverkehr mit Wittgenstein (alle Briefe Wittgensteins habe ich hier erstmals abgedruckt gefunden), Russels Einschätzung der Person, die zwischen absoluter Hochachtung und betonter Distanzierung schwankt. Dieses vor allem in Hinblick auf die metaphysisch-religiösen Vorstellungen Wittgensteins (der noch aus der Kriegslektüre nachwirkende Einfluss von Tolstoi), jenes wegen dessen absoluter Fokussiertheit auf das Denken, sein exaltiertes Philosophieren, bei dem man über alle Seltsamkeiten des Verhaltens hinwegblicken musste. Bei einem Besuch von Whitehead wurde er in den Salon geführt, nahm von der Dame des Hauses nicht die geringste Notiz, ging schweigend mit großen Schritten auf und ab, um schließlich heftig zu sagen: "Ein Satz hat zwei Pole. Das ist a und b." Russel weiter: "Whitehead sagte mir, als er dies erzählte: 'Ich fragte natürlich, was a und b seien, aber merkte, dass ich genau das Falsche gesagt hatte.' 'a und b sind undefinierbar', antwortete Wittgenstein mit Donnerstimme."
lg
orzifar