Hallo!
Ich habe ja so meine Schwierigkeiten mit Wittgenstein, was mich nicht hindert, immer wieder mal einen Originaltext oder aber eine Einführung (wie diese mir empfohlene) zu lesen.
Was letztere betrifft: Ich werde sie nicht empfehlen. Ist Wittgenstein himself schon von einiger Dunkelheit nicht freizusprechen, so wird durch dieses Buch auch kein Licht in die Ausführungen gebracht - im Gegenteil: Durch die vorgebliche Zusammenfassung wird die sonst wenigstens teilweise verständliche Struktur gänzlich vernebelt. Und so werde ich also weiterhin auf die alles erhellende Wittgenstein-Interpretation warten müssen.
Was den späten Wittgenstein betrifft: Mir ist eine bloße Deskription einfach zu wenig. Er hat natürlich Recht, wenn er auf die Mannigfaltigkeit, Komplexität, das Komplizierte und Diffizile von sprachlichen Äußerungen hinweist. Und damit die Unzulänglichkeit formaler Sprachkonzepte zeigt. Allerdings vergisst er, weshalb und wozu diese Sprachkonzepte ursprünglich (im logischen Empirismus) entstanden sind: Um das sog. Basisproblem zu lösen, um das System des Wissens auf sichere Füße zu stellen. Dass dieser Versuch gescheitert ist, scheitern musste, liegt auf der Hand: Allerdings haben sich im Rahmen dieser Versuche durchaus sinnvolle Konzeptionen entwickelt. Außerdem ist der Sinn einer Formalsprache ein gänzlich anderer als der "holistische" Begriffsversuch über die Sprachspiele: Er versucht über Reduktion, über die Eliminierung redundanter Elemente Klarheit zu gewinnen. Das ist ein in der Philosophie sinnvolles Unternehmen; das ist aber auch ein im (Alltags-)Leben unerlässlicher Vorgang. Da wir die Komplexität unserer Welt, ihre in alle Verästelungen führende Einzigartigkeit irgendwie bewältigen müssen, bilden wir Begriffe, subsummieren, ordnen (das Ordnungsschema des Aristoteles ist eine der größten Leistungen der Philosophie). Heißt also, dass diese Vereinfachungen (die das natürlich auch im Wortsinne sind, aber das ist eben unumgänglich) einem höheren Zweck dienen.
Die Tatsache, dass sich selbst einfachste sprachliche Äußerungen kaum einem Schema fügen, ändert nichts an der Sinnhaftigkeit eines Schemas: Auch die in der Nachfolge von Wittgenstein entstandene Sprechakttheorie (Austin) führt eine solche Subsumtion in perlokutionäre, illokutionäre (etc.) Sprechakte wieder ein, klassifiziert. Inwieweit eine solche Theorie dann sinnvoll ist, zeigt sich in ihrer Anwendung. Aber sie wird nie den Reichtum von Sprache wiedergeben können - und sie soll das auch nicht.
Zum Tractatus vielleicht später, Bezzels Ausführungen dazu sind höchst dubios. Er zitiert im übrigen im Buch P. Kampits: Welcher da meint, dass man dieses Buch (den Tractatus) an einem Nachmittag lesen oder aber sich ein ganzes Leben damit beschäftigen kann. Was denn wohl im positiven Sinne gemeint war, für mich aber ein Hinweis darauf ist, dass mit dem Werk etwas nicht stimmt: Eine lebenslänglich notwendige Exegese ist bestenfalls ein Hinweis auf die Unfähigkeit des Autors, sich klar auszudrücken.
lg
orzifar