Author Topic: Friedo Lampe: Am Rande der Nacht  (Read 5330 times)

Offline orzifar

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Friedo Lampe: Am Rande der Nacht
« on: 15. Juli 2009, 15.55 Uhr »
Über eines darf man froh sein: Wenig in dem Buch von all dem zu finden, wovon der Nachwortschreiber zu berichten sich bemüßigt fühlt. Nichts hab ich gespürt vom All-eins des Novalis, von der kosmogonischen Schau eines Klages und dem Sich-Bewegen zwischen Eros und Sexus, von mythologisch-metaphysischen Einsichten in zerrissene Harmonien. Dass aber in einem Roman mehr steckt als der bloße äußere Handlungsverlauf wüsste - wenn auch in einfacheren Worten - jede mit dem Märchenerzählen beschäftigte Großmutter zu berichten.

Lese ich solch tiefsinnige Bemerkungen so spüre ich tiefe Sehnsucht nach einer Belebung des Unbelebten, nach zustechenden, blutspritzenden Füllhaltern, prügelnden Tastaturen, mordgierigen Schreibwerkzeugen jedweder Provenienz. Das Buch aber hat das alles nicht verdient: Ein stilles, fast bescheiden anmutendes Werk, eine Aneinanderreihung von Szenen am "Rande der Nacht", scheinbar wahllos und doch sehr sorgfältig komponiert. Und - selbstverständlich - über das bloß Äußerliche hinausweisend in der Genauigkeit der Beobachtung, in den Überblendungen von einem Schauplatz zum anderen, dem Aneinanderstreifen von Handlungssträngen, dem anschließenden Sich-Verlieren.

Es gibt keine Hauptperson (außer man wollte die Nacht selbst personifizieren), sondern nur viele kleine und große Schicksale, einen Bach spielenden Flötisten in der Dämmerung, das stille Sterben des alten Mannes in der Wohnung unter ihm, die Alpträume der kleinen Luise. Und eine schwül-erotische Atmosphäre, die Verzweiflung eines homosexuellen Ringers, der erste Besuch eines fast 30jährigen Mannes bei einer Prostituierten, die sexuellen Ausschweifungen einer jungen Frau, die sado-masochistisch anmutende Beziehung des Schiffstewards zu seinem Kapitän. Das könnte nun eine dummdreiste, mit sexuellen Konnotationen spekulierende Darstellung sein, ist aber von einer sprachlichen Präzision und Behutsamkeit, die gerade durch diese Zurückhaltung umso mehr beeindruckt. Und unmissverständlich ist - was denn auch die Nationalsozialisten zu einem Verbot des Buches veranlasste; was hier unter dem Deckmantel der hereinbrechenden Dämmerung sichtbar wurde, durfte und konnte nicht offenbar werden in einem Staat der reinlichen Ehrbegriffe.

Lampes Darstellung ist kein platter, schockierender Realismus, er ist poetisch ohne abgehoben zu wirken, lyrisch ohne den grausamen Metaphernschwulst eines Winkler. Das Buch ist langweilig im herkömmlichen Sinn, spannend aber für jenen, der das Lesen versteht, der die Dramatik des alternden Ringers, des als Medium missbrauchten kleinen Jungen zu empfinden vermag, auch wenn der Autor sich nicht der für eine solche Spannung üblichen Mittel bedient. Eine wunderbare Lektüre.

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Liebe Grüße

orzifar
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Offline Anna

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Friedo Lampe: Am Rande der Nacht
« Reply #1 on: 26. Oktober 2014, 19.21 Uhr »
Hallo!

Viele Geschicke weben neben dem meinen,
Durcheinander spielt sie alle das Dasein.
                              Hugo von Hofmannsthal

Dieses Motto ist einem wunderbaren kleinem Roman aus dem Jahr 1934 vorangestellt, dessen Autor leider schon fast völlig in Vergessenheit geraten ist. Das Buch hat keine durchgehende Handlung, sondern ist ein Kaleidoskop von lauter kleinen, aneinander gereihten Szenen, die sich zwischen Abenddämmerung und Morgengrauen in einer norddeutschen Hafenstadt abspielen und die Schicksale von etwa dreißig Personen wie beiläufig streifen. Hauptakteurin ist die Nacht, die Stunden der Ruhe und Entspannung, aber auch der verdrängten Ängste, heimlichen Wünsche und wirren Träume. Die Musik spielt ebenfalls eine Rolle, auch sie an unbewusste Schichten rührend und unterschiedliche Emotionen weckend: die klaren Töne einer Flöte, die durch die Nacht ziehen, das animierende Spiel einer Jazzkappelle in einem Lokal, der anrührende Gesang eines Kindes bei einer Vorstellung. Ein drittes Leitmotiv ist die Zeit selbst, die je nach Gemütslage für den einen schnell, für den anderen quälend langsam vergeht, und doch für alle gleichermaßen unerbittlich voranschreitet.

Es beginnt mit friedlichen abendlichen Szenen: Kinder beobachten fasziniert Ratten im Stadtgraben, ein Vater liest seinen Söhnen in der Gartenlaube aus einem Abenteuerroman vor, im Varieté "Astoria" stimmen sich die Gäste bei Musik und Alkohol auf das bunte Programm ein, ein Mann steht am offenen Fenster und spielt auf seiner Flöte eine Melodie von Bach. Doch langsam nimmt die Stimmung eine dunklere, trübere Färbung an. Der Sterbende in seiner Kammer hört die Flötenmusik nicht mehr, auch das in einem Alptraum befangene kleine Mädchen hört sie nicht und den alten Mann quält sie nur, weil sie ihn seine Einsamkeit nur noch stärker spüren lässt. Auch erotische Sehnsüchte und Verstrickungen werden sichtbar, ein Schiffssteward erträgt mit masochistischer Ergebenheit die Schikanen seines sadistischen Kapitäns, ein alternder homosexueller Ringer macht sich vor seinem jungen Herausforderer lächerlich, eine Frau sucht in den Kneipen nach sexuellen Abenteuern und lässt sich sogar mit einem Farbigen ein, während sich ihr Mann am Tisch betrinkt. Dass der Roman gleich nach seinem Erscheinen von den Nazis verboten wurde, war kein Wunder, unverständlicher dagegen die Empörung vieler Bremer Bürger. Denn so realistisch diese Szenen auch sind, nirgendwo ist die Darstellung grell, obszön oder platt, im Gegenteil der Autor zeichnet sehr behutsam und zurückhaltend, in leisen poetischen Tönen die inneren Dramen des Lebens, die Einsamkeit, Enttäuschung und stille Verzweiflung der Menschen nach. Manchmal nur andeutend, wenn beispielsweise ein Moment der Unstimmigkeit zwischen einem jungen Ehepaar geschildert wird, der sofort wieder vorübergeht und doch bedrohlich die Zerbrechlichkeit dieser Ehe aufscheinen lässt, manchmal etwas ausführlicher, wie bei der traurigen Geschichte des vom Vater als Demonstrationsobjekt für seine Hypnoseshow missbrauchten Kindes.

Der Roman ist komplexer angelegt, als es auf den ersten Blick scheint. Hinter der realistischen Abbildung der Wirklichkeit mit ihren ruhigen und idyllischen, dunklen und hässlichen Aspekten liegt eine über sie hinausweisende Ebene des Beunruhigenden, Bedrohlichen, Geheimnisvollen und erzeugt die besondere Atmosphäre dieses Romans, die sich am besten mit den Worten wiedergeben lässt, mit denen das Flötenspiel beschrieben wird: "nicht eigentlich froh, nicht eigentlich traurig, und doch immer ein wenig klagend."

Gruß
Anna
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Offline orzifar

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Re: Friedo Lampe: Am Rande der Nacht
« Reply #2 on: 26. Oktober 2014, 21.03 Uhr »
Hallo!

Dazu gab's bereits einen Thread: Die Besprechungen sind nicht unähnlich. Das Buch war (in meinem Fall) eine Empfehlung unserer verschwundenen Administresse ...

lg

orzifar
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Offline Anna

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Re: Friedo Lampe: Am Rande der Nacht
« Reply #3 on: 26. Oktober 2014, 23.30 Uhr »
Hallo!

Dazu gab's bereits einen Thread:

Ach Mensch, ich bitte um Entschuldigung. Ich war überzeugt, dass das Buch hier bislang noch nicht bespröchen wurde. Aber jetzt wird mir auch klar, wie ich überhaupt an das Buch gekommen bin. Ich habe es bestimmt aufgrund Deiner Rezension gekauft, orzifar. Bitte häng doch meine Besprechung an den bestehenden Thread an. Nächstes Mal passe ich besser auf.

Gruß
Anna :(
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Offline orzifar

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Re: Friedo Lampe: Am Rande der Nacht
« Reply #4 on: 27. Oktober 2014, 01.06 Uhr »
Ach Mensch, ich bitte um Entschuldigung. Ich war überzeugt, dass das Buch hier bislang noch nicht bespröchen wurde. Aber jetzt wird mir auch klar, wie ich überhaupt an das Buch gekommen bin. Ich habe es bestimmt aufgrund Deiner Rezension gekauft, orzifar. Bitte häng doch meine Besprechung an den bestehenden Thread an. Nächstes Mal passe ich besser auf.

Ach, die Verdoppelung ist mit ein paar Klicks erledigt. Viel wichtiger und schöner, wieder hier von dir zu lesen.

lg

orzifar
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Offline sandhofer

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Re: Friedo Lampe: Am Rande der Nacht
« Reply #5 on: 27. Oktober 2014, 07.23 Uhr »
Viel wichtiger und schöner, wieder hier von dir zu lesen.

Stümmt!  :hi:
Wo nehme ich nur all die Zeit her, so viel nicht zu lesen? - Karl Kraus