Hallo!
Viele Geschicke weben neben dem meinen,
Durcheinander spielt sie alle das Dasein.
Hugo von Hofmannsthal
Dieses Motto ist einem wunderbaren kleinem Roman aus dem Jahr 1934 vorangestellt, dessen Autor leider schon fast völlig in Vergessenheit geraten ist. Das Buch hat keine durchgehende Handlung, sondern ist ein Kaleidoskop von lauter kleinen, aneinander gereihten Szenen, die sich zwischen Abenddämmerung und Morgengrauen in einer norddeutschen Hafenstadt abspielen und die Schicksale von etwa dreißig Personen wie beiläufig streifen. Hauptakteurin ist die Nacht, die Stunden der Ruhe und Entspannung, aber auch der verdrängten Ängste, heimlichen Wünsche und wirren Träume. Die Musik spielt ebenfalls eine Rolle, auch sie an unbewusste Schichten rührend und unterschiedliche Emotionen weckend: die klaren Töne einer Flöte, die durch die Nacht ziehen, das animierende Spiel einer Jazzkappelle in einem Lokal, der anrührende Gesang eines Kindes bei einer Vorstellung. Ein drittes Leitmotiv ist die Zeit selbst, die je nach Gemütslage für den einen schnell, für den anderen quälend langsam vergeht, und doch für alle gleichermaßen unerbittlich voranschreitet.
Es beginnt mit friedlichen abendlichen Szenen: Kinder beobachten fasziniert Ratten im Stadtgraben, ein Vater liest seinen Söhnen in der Gartenlaube aus einem Abenteuerroman vor, im Varieté "Astoria" stimmen sich die Gäste bei Musik und Alkohol auf das bunte Programm ein, ein Mann steht am offenen Fenster und spielt auf seiner Flöte eine Melodie von Bach. Doch langsam nimmt die Stimmung eine dunklere, trübere Färbung an. Der Sterbende in seiner Kammer hört die Flötenmusik nicht mehr, auch das in einem Alptraum befangene kleine Mädchen hört sie nicht und den alten Mann quält sie nur, weil sie ihn seine Einsamkeit nur noch stärker spüren lässt. Auch erotische Sehnsüchte und Verstrickungen werden sichtbar, ein Schiffssteward erträgt mit masochistischer Ergebenheit die Schikanen seines sadistischen Kapitäns, ein alternder homosexueller Ringer macht sich vor seinem jungen Herausforderer lächerlich, eine Frau sucht in den Kneipen nach sexuellen Abenteuern und lässt sich sogar mit einem Farbigen ein, während sich ihr Mann am Tisch betrinkt. Dass der Roman gleich nach seinem Erscheinen von den Nazis verboten wurde, war kein Wunder, unverständlicher dagegen die Empörung vieler Bremer Bürger. Denn so realistisch diese Szenen auch sind, nirgendwo ist die Darstellung grell, obszön oder platt, im Gegenteil der Autor zeichnet sehr behutsam und zurückhaltend, in leisen poetischen Tönen die inneren Dramen des Lebens, die Einsamkeit, Enttäuschung und stille Verzweiflung der Menschen nach. Manchmal nur andeutend, wenn beispielsweise ein Moment der Unstimmigkeit zwischen einem jungen Ehepaar geschildert wird, der sofort wieder vorübergeht und doch bedrohlich die Zerbrechlichkeit dieser Ehe aufscheinen lässt, manchmal etwas ausführlicher, wie bei der traurigen Geschichte des vom Vater als Demonstrationsobjekt für seine Hypnoseshow missbrauchten Kindes.
Der Roman ist komplexer angelegt, als es auf den ersten Blick scheint. Hinter der realistischen Abbildung der Wirklichkeit mit ihren ruhigen und idyllischen, dunklen und hässlichen Aspekten liegt eine über sie hinausweisende Ebene des Beunruhigenden, Bedrohlichen, Geheimnisvollen und erzeugt die besondere Atmosphäre dieses Romans, die sich am besten mit den Worten wiedergeben lässt, mit denen das Flötenspiel beschrieben wird: "nicht eigentlich froh, nicht eigentlich traurig, und doch immer ein wenig klagend."
Gruß
Anna