Hallo!
Eine wirklich großartige, verständliche und konzise Analyse des Erkenntnisproblems. Im Unterschied zu anderen Büchern Alberts, in denen er sich oftmals in langen Auseinandersetzungen mit Theologen (Ebeling, Küng & Co.) oder Transzendentalpragmatikern vom Schlage Apels ergeht, konzentriert er sich hier weitgehend auf die epistemologische Fragestellung: Was können wir wissen - und vor allem - welchen Grad an Gewissheit, Wahrheit kann dieses Wissen haben?
Albert betrachtet die Erkenntnisproblematik auf dem Hintergrund des in der Geschichte immer wieder unternommenen Versuches, eine Letztbegründung unseres Wissens zu erreichen. Und gerade dieser Wunsch führte zu methodologischen Irrwegen oder auch zum radikalen Skeptizismus bzw. Relativismus: Dort, wo man mit Sicherheit nichts mehr wissen kann scheint alles möglich. Die Begründungsversuche enden jedoch im Münchhausen Trilemma: Unendlicher Regress, willkürlicher Dogmatismus (Abbruch der Begründung) oder zirkuläre Argumentation. Vor allem der Abbruch des Begründungsverfahrens an einem bestimmten Punkt hatte in der Geschichte Konjunktur: Aristoteles führte die Evidenz ins Feld (die sich über die Jahrhunderte bis Brentano und Husserl erhalten hat), Theologen fanden ihren Gott, Hegel den Weltgeist, Schlick Konstatierungen. Während Gottesbegriffe (und Verwandtes) auf die Willkür des Abbruchs hinweisen, sind die Evidenzen zwar unbestreitbar, aber wertlos. Eine Wahrheit, die ich nur in einem Augenblick einsehe, die intersubjektiv nicht vermittelbar ist und daher keinen Anspruch auf Notwendigkeit oder Allgemeingültigkeit erheben kann, ist einzig in einem solipsistischen Universum von Bedeutung.
Auch Kants Anschauungsformen bzw. Kategorien sind Ausdruck dieses Bemühens nach einem unumstößlichen Fundament. Wobei dieser transzendentale Ansatz durchaus auf eine Weise modifiziert werden kann, dass sich das Letztbegründungsproblem umgehen lässt: Indem ich eben nur auf die Möglichkeit von Erkenntnis Bezug nehme, die Bedingungen zu analysieren versuche, unter denen Erkenntnis zustande kommt, ohne dabei auf die Erkenntnisse anderer Wissenschaften zu verzichten. Die Erkenntnistheorie ist nicht - wie oft behauptet - eine von den Realwissenschaften unabhängige, sie begründende Disziplin, sondern ebenso von den Erkenntnissen der anderen Wissenschaften abhängig. Sie führt keine Existenz in einem luftleeren Erkenntnisraum, sondern ist eingebettet in das menschliche Sein; und auch Bemühungen, erste, ursprüngliche Erkenntnisse zu formulieren und auf ihnen aufzubauen, sind zum Scheitern verurteilt: Denn eine solche reine, unabhängige Basis ist für den in einer bestimmten Umwelt gewordenen und geprägten Menschen vollkommen unerreichbar.
So bleibt - laut Albert - nur der konsequente Fallibilismus. Nur die Erkenntnis der eigenen Fehlbarkeit, der Verzicht auf alle Letztbegründungen, führt zu einer Methode der kritischen Auseinandersetzung mit Argumenten, zu Verbesserungen von Theorien bzw. deren Beurteilung. Wer auf den zu hohen Anspruch absoluter Wahrheit verzichtet, vermag den Relativismus zu vermeiden und Theorien an Kriterien wie Erfolg oder Bewährungsgrad messen. Dies gilt nicht nur für die Naturwissenschaften, sondern auch für die Sozialwissenschaften. Albert zeigt am Beispiel des Historizismus bzw. der hermeneutischen Methode, dass diese zu einem inneren Widerspruch führt und ebenfalls auf regelgeleitete Verfahren zurückgreifen muss. Und er betont für alles Erkenntnisstreben auch den Wert der Phantasie, der Neugierde: Wissenschaft wird zwar auch betrieben aus rein technischen, ökonomischen Gründen, aber noch viel mehr eignet dem Menschen eine Sehnsucht nach Erklärung, nach Gründen, nach Erkenntnis an sich. Weshalb er - zurecht - die "erkenntnisleitenden Interessen" eines Habermas verwirft, ein Konzept, das sich einer weitgehend willkürlichen Einteilung bedient, die in dieser Form nirgends auftritt.
Das Buch lässt sich - auch - als eine Geschichte der Erkenntnis und der damit verbundenen methodologischen Probleme lesen. Es ist aber vor allem glänzend geschrieben, verständlich (wenn auch sicherlich für ein Fachpublikum verfasst) und in seiner Argumentation konzis und nachvollziehbar. Ich würde es jedem philosophisch Interessierten für seine Bibliothek dringend empfehlen.
lg
orzifar