Hallo!
Die Lektüre beendet, und das Buch verdient eine eingehende Empfehlung. Ich war mir dessen nicht bewusst, wie gut es in meine sonstige Beschäftigung mit der Wissenschaftstheorie bzw. Wissenschaftsgeschichte (wobei diese anhand von Beispielen methodologischer Art jene zu kritisieren pflegt, siehe Kuhn oder Feyerabend) passt.
Lindberg ist es vor allem darum zu tun, die Wissenschaft nicht aus einer rezenten Perspektive zu betrachten, sondern zu untersuchen, welche Probleme sich auf dem Hintergrund welchen Weltbildes für die betreffenden Naturforscher stellten. (Er repräsentiert damit einen Art Anti-Gomperz, wobei dieser, wie in dem Pythagoraskapitel gezeigt, sehr wohl Verständnis für die Entwicklung zeigen konnte, aber eben sehr gerne die Qualität der Erkenntnisse am derzeitigen Wissensstand zu messen unternahm.) Dabei kommen auch (für mich) überraschende Dinge zum Vorschein: So etwa die ansatzweise Vorwegnahme der Integralrechnung durch N. v. Oresme bei dem Problem, Durchschnittsgeschwindigkeiten anzugeben oder aber eine mathematische Methode für die Berechnung der Beschleunigung zu finden.
Gerade das Mittelalter wird oft in naturwissenschaftlicher Hinsicht abfällig beurteilt. Man vergisst aber, dass sich die Naturwissenschaft an völlig anderen Grundgegebenheiten orientierte: Vor allem an Aristoteles. Erst durch die Erosion der aristotelischen Vormachtstellung in der Philosophie konnte sich eine andere Form der Naturwissenschaft durchsetzen: Dies wird deutlich, wenn man sich dessen vier Ursachen bzw. das Materie-Form-Konzept betrachtet. Nach letzterem besitzt jedes Ding eine "Natur", die untrennbar mit seiner Form verbunden ist. Diese Natur strebt nach ihrer Verwirklichung (so liegt etwa die Natur eines Samens darin, sich zu einer Pflanze zu entwickeln, aber das Prinzip kann auch auf die anorganische Natur angewandt werden: Felsen stürzen naturgemäß zu Boden usf. Solche Entwürfe finden sich auch noch im 19. Jahrhundert: Etwa in Schopenhauers "Wille".) Weil es also ein "natürliches" Verhalten der Dinge gibt, so muss der Naturforscher dieses Verhalten möglichst genau beobachten, um zu Ergebnissen zu kommen: Er darf dabei allerdings
nicht in die Natur eingreifen, da er damit den natürliche Verlauf verändern würde. Das bedeutet den apriorischen Ausschluss jedes Experimentes. Denn ein solches könnte aufgrund der Künstlichkeit niemals Aufschluss über die Natur geben.
Zum anderen sind die erwähnten vier Ursachen des Aristoteles von Bedeutung - und dabei vor allem die für ihn wichtigste: Die causa finalis (das teleologische Prinzip). Auch dies ist mit einer "modernen" Auffassung von Kausalität imkompatibel - und erst, als die Bedeutung dieser Ansichten langsam nachließ, wurde der Raum frei für eine neue Auffassung. Bis dahin versuchte man die Probleme mit den aristotelischen (manchmal in sich widersprüchlichen) Vorstellungen in Einklang zu bringen. Und so lange das im Ergebnis zufriedenstellend war, sahen sich die Naturforscher auch nicht veranlasst, etwas an ihrer Methodologie zu ändern.
Nun scheint es so, als ob Aristoteles ein retardierendes Moment gewesen sei: Aber unter Berücksichtigung des vorhergehendes Satzes muss das relativiert werden. Und wir müssen uns auch selbst geschichtlich sehen: Vielleicht werden spätere Generationen auch bei uns ein Weltbild feststellen, das uns hinderte, bestimmte Erkenntnisse zu gewinnen. Dies vor allem auch angesichts der Tatsache, dass alle naturwissenschaftliche Forschung
immer metaphysische Voraussetzungen macht (auch wenn diese sich bewähren). Das aber, die Bewährung, gilt - wie
hier beschrieben - auch für mittlerweile obsolet gewordene Theorien.
lg
orzifar