Author Topic: David C. Lindberg: Die Anfänge des abendländischen Wissens  (Read 3113 times)

Offline orzifar

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Hallo!

Ein bisher ganz außergewöhnlich gelungenes Buch über Wissenschaftsgeschichte. Denn solche Darstellungen sind zumeist mit zwei grundlegenden Problemen konfrontiert: Der Philosoph weiß methodologisch und historisch Bescheid, seine Kenntnis von der tatsächlichen Praxis der Naturwissenschaften ist aber oft eine bloß rudimentäre. Und der Naturwissenschaftler begibt sich häufig auf philosophisches Glatteis (etwa John D. Barrow in "Die Natur der Natur", ein eigentlich sehr lesbares Buch von einem Autor, den ich durchaus schätze, der aber ein wenig fragwürdige Interpretation philosophischer Richtungen - so der Welt 3 von Popper - präsentiert; wie auch manch andere problematische methodologische Ansätze referiert).

Hier hingegen ist das alles auf wunderbare Weise gelöst: Bisher die wohl klügste, verständlichste, konziseste Darstellung von Wissenschaft, die ich jemals gelesen habe. Da schreibt keiner, der die Vorsokratiker bloß aus Zusammenfassungen kennt, sondern der ganz offenkundig sich eingehend mit diesen Philosophen auseinandergesetzt hat. Seine Darstellung von Aristoteles' Leisungen verdient eine ganz besondere Würdigung: Nie zuvor habe ich auf so wenigen (etwa 15 Seiten) eine derart kompetente, lesbare und äußerst kluge Zusammenfassung des Denkens dieses Philosophen gelesen. (Die Idee, Platon und Aristoteles noch vor den Atomisten zu behandeln, hat sich hier vollauf bewährt: Denn diese sind auf diesem Hintergrund besser verständlich.)

Besonders gespannt bin ich auf die Darstellung der Spätantike und des Mittelalters, auf der der eigentlich Fokus des Buches liegt. Während ich die Griechen - bis etwa Epikur - einigermaßen zu kennen glaube, ist meine Vertrautheit mit historisch-wissenschaftlichen Gegebenheiten der späteren Zeit eine bescheidene. Sofern Lindberg dieses Niveau auch nur ansatzweise halten kann, hoffe ich diesem Umstand dadurch abhelfen zu können. Jedenfalls bin ich selten von einem Buch derart beeindruckt gewesen. (Und - es gibt auch kaum Bücher über dieses Thema: Pichots "Geburt der Wissenschaft" ist eher eine rein historische Analyse und beschränkt sich auf die Zeit vor Plato. Sie ist reich an Informationen, behandelt aber weniger die philosophischen Aspekte.)

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orzifar
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Re: David C. Lindberg: Die Anfänge des abendländischen Wissens
« Reply #1 on: 26. Juni 2013, 08.42 Uhr »
Klingt interessant. Wurde vorgemerkt.

Offline orzifar

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Re: David C. Lindberg: Die Anfänge des abendländischen Wissens
« Reply #2 on: 19. Juli 2013, 04.07 Uhr »
Hallo!

Mittlerweile bin ich im 14. Jahrhundert. Nachdem mich die Darstellung der Spätantike nicht wirklich begeistert hat, ist Lindberg dort, wo es um die philophischen Implikationen des wissenschaftlichen Denkens geht, einfach brilliant. Und das, obwohl er eigentlich Naturwissenschaftler ist. Denn gerade Darstellungen aus dieser Ecke leiden oft unter einer veritablen, philosophischen Oberflächlichkeit. Lindberg hingegen ertappt man nirgendwo bei solchen Abstrusitäten, Verflachungen etc. (Wie erwähnt, bei Barrow war das durchaus der Fall - wobei ich auch Barrow (etwa seine Geschichte der Mathematik) für sehr lesbar halte.)

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orzifar
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Offline orzifar

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Re: David C. Lindberg: Die Anfänge des abendländischen Wissens
« Reply #3 on: 01. August 2013, 05.12 Uhr »
Hallo!

Die Lektüre beendet, und das Buch verdient eine eingehende Empfehlung. Ich war mir dessen nicht bewusst, wie gut es in meine sonstige Beschäftigung mit der Wissenschaftstheorie bzw. Wissenschaftsgeschichte (wobei diese anhand von Beispielen methodologischer Art jene zu kritisieren pflegt, siehe Kuhn oder Feyerabend) passt.

Lindberg ist es vor allem darum zu tun, die Wissenschaft nicht aus einer rezenten Perspektive zu betrachten, sondern zu untersuchen, welche Probleme sich auf dem Hintergrund welchen Weltbildes für die betreffenden Naturforscher stellten. (Er repräsentiert damit einen Art Anti-Gomperz, wobei dieser, wie in dem Pythagoraskapitel gezeigt, sehr wohl Verständnis für die Entwicklung zeigen konnte, aber eben sehr gerne die Qualität der Erkenntnisse am derzeitigen Wissensstand zu messen unternahm.) Dabei kommen auch (für mich) überraschende Dinge zum Vorschein: So etwa die ansatzweise Vorwegnahme der Integralrechnung durch N. v. Oresme bei dem Problem, Durchschnittsgeschwindigkeiten anzugeben oder aber eine mathematische Methode für die Berechnung der Beschleunigung zu finden.

Gerade das Mittelalter wird oft in naturwissenschaftlicher Hinsicht abfällig beurteilt. Man vergisst aber, dass sich die Naturwissenschaft an völlig anderen Grundgegebenheiten orientierte: Vor allem an Aristoteles. Erst durch die Erosion der aristotelischen Vormachtstellung in der Philosophie konnte sich eine andere Form der Naturwissenschaft durchsetzen: Dies wird deutlich, wenn man sich dessen vier Ursachen bzw. das Materie-Form-Konzept betrachtet. Nach letzterem besitzt jedes Ding eine "Natur", die untrennbar mit seiner Form verbunden ist. Diese Natur strebt nach ihrer Verwirklichung (so liegt etwa die Natur eines Samens darin, sich zu einer Pflanze zu entwickeln, aber das Prinzip kann auch auf die anorganische Natur angewandt werden: Felsen stürzen naturgemäß zu Boden usf. Solche Entwürfe finden sich auch noch im 19. Jahrhundert: Etwa in Schopenhauers "Wille".) Weil es also ein "natürliches" Verhalten der Dinge gibt, so muss der Naturforscher dieses Verhalten möglichst genau beobachten, um zu Ergebnissen zu kommen: Er darf dabei allerdings nicht in die Natur eingreifen, da er damit den natürliche Verlauf verändern würde. Das bedeutet den apriorischen Ausschluss jedes Experimentes. Denn ein solches könnte aufgrund der Künstlichkeit niemals Aufschluss über die Natur geben.

Zum anderen sind die erwähnten vier Ursachen des Aristoteles von Bedeutung - und dabei vor allem die für ihn wichtigste: Die causa finalis (das teleologische Prinzip). Auch dies ist mit einer "modernen" Auffassung von Kausalität imkompatibel - und erst, als die Bedeutung dieser Ansichten langsam nachließ, wurde der Raum frei für eine neue Auffassung. Bis dahin versuchte man die Probleme mit den aristotelischen (manchmal in sich widersprüchlichen) Vorstellungen in Einklang zu bringen. Und so lange das im Ergebnis zufriedenstellend war, sahen sich die Naturforscher auch nicht veranlasst, etwas an ihrer Methodologie zu ändern.

Nun scheint es so, als ob Aristoteles ein retardierendes Moment gewesen sei: Aber unter Berücksichtigung des vorhergehendes Satzes muss das relativiert werden. Und wir müssen uns auch selbst geschichtlich sehen: Vielleicht werden spätere Generationen auch bei uns ein Weltbild feststellen, das uns hinderte, bestimmte Erkenntnisse zu gewinnen. Dies vor allem auch angesichts der Tatsache, dass alle naturwissenschaftliche Forschung immer metaphysische Voraussetzungen macht (auch wenn diese sich bewähren). Das aber, die Bewährung, gilt - wie hier beschrieben -  auch für mittlerweile obsolet gewordene Theorien.

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Re: David C. Lindberg: Die Anfänge des abendländischen Wissens
« Reply #4 on: 01. August 2013, 20.12 Uhr »
Die Lektüre beendet, und das Buch verdient eine eingehende Empfehlung.

Das klingt ja wieder richtig lecker und verlockend ... So langsam frage ich mich, wann ich das alles noch lesen soll, was ich mir vorgenommen habe. Zwar ist Wissenschaftstheorie nicht mein Steckenpferd, aber so etwas macht mich neugierig:

Seine Darstellung von Aristoteles' Leistungen verdient eine ganz besondere Würdigung: Nie zuvor habe ich auf so wenigen (etwa 15 Seiten) eine derart kompetente, lesbare und äußerst kluge Zusammenfassung des Denkens dieses Philosophen gelesen.

Richtig gute Zusammenfassungen dieser Art sind eine absolute Seltenheit, weil sie sehr sehr aufwändig sind. Ich schätze so etwas sehr - nicht, weil ich das Original nicht lesen oder bequem konsumieren möchte, sondern weil das die Passagen sind, auf die man schnell zugreifen kann, wenn die Zeit zum Suchen fehlt. Aus dieser Not mache ich manchmal (leider viel zu selten) eine Tugend, indem ich meine eigenen Zusammenfassungen von beeindruckenden Büchern oder Kapiteln erstelle. Diese Kompilationen haben natürlich diverse Nachteile: Ist mir Wesentliches entgangen - zugunsten eines anderen, weit weniger wichtigen Aspekts? Usw usf.

Wie dem auch sei: Danke für diese Zusammenfassung eines Buches, das ich mir zumindest langfristig notiert habe.

 

Offline orzifar

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Re: David C. Lindberg: Die Anfänge des abendländischen Wissens
« Reply #5 on: 03. August 2013, 03.37 Uhr »
Richtig gute Zusammenfassungen dieser Art sind eine absolute Seltenheit, weil sie sehr sehr aufwändig sind. Ich schätze so etwas sehr - nicht, weil ich das Original nicht lesen oder bequem konsumieren möchte, sondern weil das die Passagen sind, auf die man schnell zugreifen kann, wenn die Zeit zum Suchen fehlt.

Ich sehe das ganz gleich: Zusammenfassungen (gute) sind unglaublich wichtig und ebenso selten. Manch einer mag die Nase rümpfen, aber ich halte die Kenntnis von guter Sekundärliteratur, von solchen Zusammenfassungen, Philosophiegeschichte für unerlässlich für das Verständnis eines Werkes. Es gibt philosophische Puristen (meist akademischen Zuschnitts mit elitärer Attitüde und doch häufig blitzdumm), die da etwa meinen, dass man in Bezug auf Aristoteles bestenfalls zwischen dem griechischen Urtext oder der lateinischen (und wirkmächtigen) Übertragung wählen dürfe. Das mag für ganz wenige Spezialuntersuchungen (philologischer Natur) wichtig sein, ist aber ansonsten völliger Unsinn. Es ist ebenso unsinnig (wie mir vor kurzem in einem Gespräch mitgeteilt), alle drei Kritiken Kants in einem Seminar zu lesen, ohne aber sich über Inhalt, Ziel, Absicht, Hintergrund etc. zu informieren. Das ist einfach nicht möglich - im Gegenteil: Das frustriert und verleidet einem Studenten die Philosophie gänzlich. Natürlich wird man auch den Originaltext lesen, aber nicht völlig unbeleckt von S. 1 - 500, sondern mit einer gewissen Kenntnis, anfangs in Auszügen etc. Und man wird sich dann sukzessive über die verschiedenen Interpretationen eine eigene zurechtlegen, Verständnis für die Texte gewinnen. Aber dies ist ein längerer Prozess: Denn niemand wird die Kritik der reinen Vernunft einfach so lesen und verstehen. Das sind Fachtexte, die nur über den Hintergrund anderer phil. Posititionen verständlich werden, die kompliziert, oft sprachlich wenig ansprechend sind und dadurch das Verständnis noch zusätzlich erschweren. Also ein Lob den guten und verständlichen Zusammenfassungen, derer es tatsächlich nur wenige gibt. (Für Kant der von mir schon mal erwähnte J. Grondin.)

lg

orzifar
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Offline Sir Thomas

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Re: David C. Lindberg: Die Anfänge des abendländischen Wissens
« Reply #6 on: 03. August 2013, 09.51 Uhr »
Für Kant der von mir schon mal erwähnte J. Grondin.

Hilf mir bitte auf die Sprünge, bevor ich mir einen Wolf suche ...

LG

Tom

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Re: David C. Lindberg: Die Anfänge des abendländischen Wissens
« Reply #7 on: 03. August 2013, 13.33 Uhr »
Für Kant der von mir schon mal erwähnte J. Grondin.

Hilf mir bitte auf die Sprünge, bevor ich mir einen Wolf suche ...

Kommando zurück: Ich habe das Buch soeben aufgestöbert und bestellt.  :)