Author Topic: Daniel Jenisch: Ueber Prose und Beredsamkeit der Deutschen  (Read 3460 times)

Offline sandhofer

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Hallo zusammen!

Ich habe Jenischs Aufsatz, der der Anlass wurde zu Goethes "Litterarischem Sanscülottismus", im Blog reproduziert. Er will mir so weit brav scheinen. Jenisch hat wohl mit einigem, was die deutsche Literatur betrifft, nicht Unrecht - mir will aber scheinen, dass er die mindestens die letzten 50 Jahre seiner Zeit verschlafen hat. Auch macht er es sich recht einfach mit seiner Analyse über die Entstehung von "classischer Prose", indem er sie auf linguistische Besonderheiten reduziert, und von daher den Griechen und nach ihnen den Franzosen die Palme übergibt, wie er sich so schön ausdrückt. Goethes Analyse im "Litterarischen Sanscülotismus" geht da viel weiter und tiefer.

Grüsse

sandhofer
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Offline Gontscharow

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Re: Daniel Jenisch: Ueber Prose und Beredsamkeit der Deutschen
« Reply #1 on: 26. Mai 2013, 15.55 Uhr »

Quote from:  sandhofer« am: Heute um 07:08
Jenisch hat wohl mit einigem, was die deutsche Literatur betrifft, nicht Unrecht

Und kommt in einigem zu denselben Ergebnissen wie Goethe in seiner Replik. Z.B. nennt Goethe ganz ähnliche historisch soziologische Voraussetzungen, ohne die es classische Prose nicht geben kann.

Quote from:  sandhofer« am: Heute um 07:08
...dass er die mindestens die letzten 50 Jahre seiner Zeit verschlafen hat.

Ja, wenn er den Eindruck entstehen lässt, als gäbe es nur Schauerromane u.ä. in Deutschland.

Jenisch beschreibt (acht?) zeitgenössische deutsche Literaten. Goethe sagt in seiner Replik, sie seien unschwer zu erkennen. Ehrlich gesagt, tappe ich im Dunkeln. Könnt Ihr mir weiterhelfen? Who is who?

Offline sandhofer

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Re: Daniel Jenisch: Ueber Prose und Beredsamkeit der Deutschen
« Reply #2 on: 27. Mai 2013, 13.39 Uhr »
Z.B. nennt Goethe ganz ähnliche historisch soziologische Voraussetzungen, ohne die es classische Prose nicht geben kann.

Ich hatte das Gefühl, dass Jenisch nur linguistische Voraussetzungen aufzählt ... Hm ...

Jenisch beschreibt (acht?) zeitgenössische deutsche Literaten. Goethe sagt in seiner Replik, sie seien unschwer zu erkennen. Ehrlich gesagt, tappe ich im Dunkeln. Könnt Ihr mir weiterhelfen? Who is who?

Keine Ahnung. Wie gesagt, habe ich Jenisch im Verdacht, ca. 50 Jahre hinter der aktuellen, zeitgenössischen Literatur zu stecken.
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Offline Gontscharow

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Re: Daniel Jenisch: Ueber Prose und Beredsamkeit der Deutschen
« Reply #3 on: 27. Mai 2013, 16.34 Uhr »

Jenisch beschreibt (acht?) zeitgenössische deutsche Literaten. Goethe sagt in seiner Replik, sie seien unschwer zu erkennen. Ehrlich gesagt, tappe ich im Dunkeln. Könnt Ihr mir weiterhelfen? Who is who?

Keine Ahnung. Wie gesagt, habe ich Jenisch im Verdacht, ca. 50 Jahre hinter der aktuellen, zeitgenössischen Literatur zu stecken.

Ich hab  - dank der Bereitstellung des Textes im Netz- die entsprechende Passage über die Zeitgenossen mal in mundgerechte Happen zerlegt und  meine sparsamen Vermutungen schon mal kundgetan. Ihr könntet Euch der Nummern bedienen...:

1. die Romane des Einen, bey aller bewundernswürdigen Kunst des Stils und poetischen Gewandheit des Vortrags ohne alle moralische Tendenz findet - Wieland?
2. daß ein Anderer alles glücklicher empfindet, als darstellt, und wenigstens kein classischer Prosaiker ist;  -?
3. daß ein Dritter, von jeher ein eben so genialisch origineller, als unclassischer Autor, selbst in seinem neuesten und mit Recht berühmtesten Werke, die Gränzen des feinen und classischen Stils unaufhörlich überspringt, und in seinem Ausdruck, jezt zu gedehnt jezt zu gedrängt, nun zu trocken und nun zu blühend, jenseits und diesseits hinausschweift, über die fines, quos ultra citraque nequit consistere rectum; -
Jean Paul? (Schulmeisterlein 1793, Hesperus 1795 )
4. daß ein Vierter, der Stolz der Deutschen, die Kräfte seines überragenden Genies zu mannigfaltig zertstückelt, und seiner Nation kein großes Ganzes geliefert hat; - Goethe?
 5. daß fast alle Gegenstände eines Fünften, ohngeachtet der durchaus fleckenlosen Eleganz seiner Schreibart, doch zu sehr, jenseits des allgemeinen Interesse und der praktischen Brauchbarkeit liegen; - ?
 6. daß aller Scharfsinn, Beobachtungsgeist und untadelhafte Correctheit des Ausdrucks, von dem Leser eines Sechsten, das Gefühl einer ermüdenden, immer und immer raisonnirenden Einförmigkeit nicht abwehren können; -?
7. daß eines Siebenten Speculation durchgängig zu nüchtern, zu ungeputzt erscheint; -?
8. daß ein Achter, ohne Zweifel der vortreflichste, geschmackvollste und classischste aller teutschen Schriftsteller, doch leider! für seinen Ruhm zu wenig geschrieben hat.;- Goethe?
9. daß unsers Thucydides Geschichtsbücher zu übermäßig den Dichter und Romanschreiber duften, und daß einige seiner neuesten Abhandlungen, voll des feinsten Beobachungsgeistes, und eines dem deutschen Kopf ungewöhnlichen psychologischen Scharfblicks, wie besonders auch einige seiner Rezensionen, zugleich voll unterträgli[252]cher Unbestimmtheiten und undurchdringlicher Dunkelheiten sind; - Schiller? (Abfall der Niederlande, Ästhetische Erziehung)
10. daß ein Schriftsteller von der originellsten Energie, eben so oft gleich einem Bären fällt, als gleich einem Adler fliegt; -?
11. daß endlich (und hiermit wollen wir unsere muraltische Litaney über die deutsche Litteratur schließen) die alleinseligmachende Philosophie, nachdem sie unsere Vernunft durch die Speculation, (wie ein lebendiges Thier unter dem Recipienten der Luftpumpe) erstickt, und in einen gaukelnden Dunst verwandelt, alle sinnliche Schönheit des Ausdrucks, als unter der Würde ihrer unbegreiflichen Erhabenheit, verschmäht, und, seit ihrem allverschliegenden Umtrieb in der deutschen Gelehrtenrepublik, fast nur gedient hat, den geringen Sinn der deutschen Philosophen für schöne und classische Darstellung zu vernichten: - Kant?

Übrigens habe ich im Netz so einiges an Literatur ( auch englische, italienische, französische) gefunden, wo der "seltsame Vogel" Daniel  Jenisch durchaus ernst genommen wird. Zitiert wurde er immer nach der Münchner Goethe-Ausgabe.

Offline sandhofer

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Re: Daniel Jenisch: Ueber Prose und Beredsamkeit der Deutschen
« Reply #4 on: 28. Mai 2013, 19.17 Uhr »
Danke für Deine Auflistung. Muss ich noch drüber nachdenken. Bei "Kant" würde ich eher "Fichte" setzen. Jenisch war ein Schüler und Exeget Kants; er wird sich kaum in den eigenen Rücken fallen...
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