Author Topic: Stephen King: Das Leben und das Schreiben  (Read 3622 times)

Offline orzifar

  • Administrator
  • *****
  • Posts: 2 942
Stephen King: Das Leben und das Schreiben
« on: 24. Mai 2013, 16.37 Uhr »
Hallo!

King beschreibt sein eigenes Leben und Schreiben - dieses vor allem in Hinsicht auf Ratschläge vor dem Hintergrund seines Erfolges. Und diese Tipps machen klar, warum King schreibt wie er schreibt - und warum man von ihm niemals sagen wird, dass er ein wirklich großer Schriftsteller ist.

In manchem hat er durchaus Recht: Hinsichtlich seiner Kritik in bezug auf die etablierte, abgehobene und pseudointellektuelle Literaturszene, die sich in Selbstbespiegelung gefällt und deren Forderung für hochwertige Literatur häufig mit einer notwendig einhergehende Langeweile (oder einer obskuren Metaphernorgie lyrischer Provenienz) einhergeht. Trotzdem ist der Umkehrschluss nicht zulässig: "Man dürfe es dem Leser nicht schwer machen und müsse eine interessante 'Geschichte' erzählen". Jenes könnte ich noch für ein Fach- oder Sachbuch als ein notwendiges Akzidens betrachten (was keinesfalls eine unzulässige Vereinfachung bedeutet), dieses aber, das Erzählen von Geschichten (wenn er auch Geschichte nicht mit Handlung gleichsetzt, es bei ihm aber häufig wie dasselbe aussieht) ist recht belanglos. Und genau das scheint King nie wirklich verstanden zu haben.

Er erzählt auf den ersten hundert autobiographischen Seiten, wie er zum Lesen und Schreiben gekommen ist. Ein Jugendlicher, der sich durch Horror- und SF-Romane liest, der Western, Krimis verschlingt und das Bedürfnis spürt, selbst Ähnliches zu verfassen. Dagegen ist nichts einzuwenden (auch nicht im späteren Alter), aber es überrascht doch, dass er nicht irgendwann einen Sprung vollzogen hat von diesem handlungsorientierten Lesen zu Texten, bei denen diese Handlung in den Hintergrund gerät zugunsten von sprachlicher Fertigkeit, psychologischer Feinfühligkeit. (Ich habe ganz ähnliche Literatur verschlungen bis zu meinem - ca. - 14 Lebensjahr, Unmengen. Und kann mich doch auf eine Art Erweckungserlebnis erinnern in einem Buch von H. Böll (Haus ohne Hüter??), in dem auf die Bedeutung von Umstandswörtern im Sprechen hingewiesen wurde. Mir wurde klar, dass Sprache nicht bloß das Transportmittel für Monstren, Außerirdische und Verbrecher sein kann, dass sie feiner, diffiziler ist - tiefer geht. Dass etwa Umstandswörter von enormer Wichtigkeit sind, erfährt man spätestens in den ersten Beziehungsstreitigkeiten, in denen man allzu häufig Worte wie "nichts, alles, immer" verwendet oder hört ...)

Und so erinnern die Ratschläge, die King erteilt, stark an jene von Deutschlehrern in der Unterstufe. Streichen von Füllwörtern, Beanstanden seltsamer Adjektiv-Substantiv-Kombinationen (darin gefällt sich der angehende Lyriker), Achten auf Authentizität bei Dialogen und vieles mehr. Danach ist der Betreffende in der Lage, sein "schönstes Ferienerlebnis" auf lesbare und konzise Weise darzustellen. Oder eben auch eine Vampirgeschichte zu schreiben. Einen Krimi, eine Horrorgeschichte. (Im übrigen sind es gerade jene sur-realistische Genres, die King gerne mit Phantasie gleichsetzt, ein weit verbreiteter Irrtum. Kreativität besteht nicht darin, Außerirdische auftreten zu lassen, fliegende Drachen oder Untote. Sondern sie äußert sich in der Art und Weise der Darstellung - und zumeist weist eine große Anzahl seltsamer Wesen (auch "außergewöhnlicher" Charaktere") nur auf die Unfähigkeit des Autors hin, tatsächlich schreiben und be-schreiben zu können. Die Hausfrau von nebenan, ein Buchhalter, Bauarbeiter (ohne alle "großen" Geheimnisse) bergen sehr viel mehr Potential als sich der actionorientierte Schreiberling vorzustellen vermag. Und sie erforden wirkliches Können, nicht das mehr-weniger originelle Zusammensetzen von angelesen Handlungsversatzstücken.) Das aber, was man ganz entfernt mit dem Terminus Literatur verbindet, wird der so Unterrichtete anhand dieser Tipps ebenso wenig erzeugen können wie die Bedienung des Vollwaschautomaten jemanden zum Raumfahrt-Techniker werden lässt.

Trotzdem kann man vielen von Kings Ansichten (und Animositäten - etwa in bezug auf Literatur-Workshops) zustimmen. Oder wo jemand mit dem Anspruch, große Literatur zu schaffen auftritt, gleichzeitig aber die einfachsten Grundregeln sprachlicher Gestaltung, oft nicht einmal das grammatikalisch-syntaktische Handwerkszeug beherrscht. Erst die genaue Kenntnis von Regeln erlaubt es, sie - im Zweifelsfalle - zu ignorieren, nur die handwerkliche Perfektion kann sich über das Handwerk hinwegsetzen. Das hat offenkundige Parallelen in der Malerei oder Musik: Wenn Beethoven sich beim Schreiben von Fugen über Konventionen hinwegsetzt, so geht das nur, weil er die Technik perfekt beherrscht. Wer hingegen Regeln aus Unkenntnis oder Unvermögen bricht, greift zumeist mit beiden Händen in die Scheiße. Beispiele gibt's unzählige in diversen Literaturforen (das "Literaturschockforum" hatte früher eine Abteilung für angehende Nobelpreisträger: Wer je solche Ergüsse gelesen hat, versteht mich).

Die Motivation, die Menschen zu Bücher greifen lässt, bezieht sich bei King einzig auf Spannung, eine "gute Geschichte" (was immer das ist). Wahrscheinlich würde es ihm einigermaßen rätselhaft bleiben, dass ich Moulines "Geschichte der Wissenschaftstheorie" sehr viel fesselnder finde als etwa seine gesammelten Horrorstories, bei denen meine Grundbefindlichkeite eine gelangweilte war. Weil es mir völlig egal ist, ob ein Vampir, ein Zombie oder ein paranoider Geistesgestörter für das Gemetzel zuständig war. Letzteres ist (in allen seinen Variationen) nicht konstituierend für das, was ich unter einer spannenden Lektüre verstehe. Und dieses Fixieren auf das Erzählen im Stile von Märchen oder Sagen, das Beharren darauf, das Bücher Schwung und Elan, eine mitreißende Handlung haben müssen, ließ ihn eine recht enge Vorstellung vom Schreiben und Lesen gewinnen. Weshalb seine Vorschläge bezüglich Textgestaltung von einer gewissen Engstirnigkeit zeugen. Sein Problem: Er sieht durchaus, dass vieles, was sich anspruchsvoll und elitär geriert, oberflächlich und dumm ist. Aber eben nicht alles - und dieser Rest ist es, der Literatur zum Erlebnis macht. Nicht hektoliterweise verspritztes Blut.

Trotzdem fand ich das Buch lesbarer, interessanter als etwa den Sammelband "Alpträume". Sein Bild vom Entstehen einer Geschichte, die sich wie ein Fossil im Boden befindet, von der man nicht weiß, was sie ist, wie umfangreich usf. und die vorsichtig und behutsam aus diesem Untergrund gelöst werden müsse, fand ich treffend - ebenso wie manche Seitenhiebe auf die Literaturszene. Und auch die autobiographischen Teile (immer im Vergleich zu seinen Horrorstories), weil sie authentisch wirken, ihnen das bemüht Spannende fehlt und sie gerade dadurch sehr viel interessanter erscheinen. Allenthalben schimmert ein wenig Stolz durch - aber stolz darf er durchaus sein auf seinen Erfolg. Wer das Buch allerdings als Anleitung zum Schreiben liest, wird dasselbe anhand der Ratschläge kaum erlernen - vielleicht aber (und vor allem in der us-amerikanischen Literaturszene) ein wenig Erfolg haben.

lg

orzifar
Derzeitige Lektüre:

Herbert Schnädelbach: Philosophie in Deutschland 1831 - 1933
Hans Albert: Kritik des theologischen Denkens
John Irving: Owen Meany

Offline Sir Thomas

  • Sr. Member
  • ****
  • Posts: 401
Re: Stephen King: Das Leben und das Schreiben
« Reply #1 on: 06. Juni 2013, 09.21 Uhr »
... das Erzählen von Geschichten ... ist recht belanglos. ... Die Motivation, die Menschen zu Bücher greifen lässt, bezieht sich bei King einzig auf Spannung, eine "gute Geschichte" (was immer das ist).

Vielen Dank für Deine Gedanken über S. King, das Erzählen/Schreiben sowie die Frage, was eine gute Geschichte ist. Mich ließ Dein Posting spontan zu einem alten Text von Arno Schmidt greifen. Ich meine seinen Essay über den Barockdichter Barthold Heinrich Brockes, der Deine Ausführungen auf das Schönste unterstreicht. Dort heißt es u.a.: 

Nicht dies ist das Kennzeichen des literarischen Realisten, dass er, in oft provozierender Rücksichtslosigkeit, Dinge beschreibt, die dem Bürger unangenehm sind. Dieses Verfahren führt nur allzu oft in eine Apotheose des Misstrauens. Das Verfahren des echten Realisten beruht auf der Erkenntnis, dass in Wirklichkeit viel weniger geschieht, als die katastrophenfreundlichen Dramatiker uns weißmachen wollen. Das Leben besteht, was Handlung anbelangt, aus den bekannten kleinen Einförmigkeiten. Also verweigert man sich als Realist um der Wahrheit willen der Fiktion pausenlos aufregender Ereignisse, wobei die radikalste Denkweise sehr wohl mit Handlungsleere gepaart sein kann. … Die Fabel einer Dichtung besteht nicht aus Aktion, sondern aus Zuständen und Denkweisen. … Alle Handlung hört auf. Nur die Denkweisen und die Befindlichkeit erzwingen das unvergessliche Bild. (Hervorhebungen von mir.)

Zwar geht es Schmidt nicht um Horror- oder Science Fiction-Erzählungen. Trotzdem gehören seine Thesen über Handlung und Spannung in der Literatur für mich zu den klügeren Einsichten, die man diesbezüglich gewinnen kann - ob als Autor oder Leser. 

LG

Tom
   

Offline sandhofer

  • Administrator
  • *****
  • Posts: 6 765
Re: Stephen King: Das Leben und das Schreiben
« Reply #2 on: 07. Juni 2013, 20.43 Uhr »
Wenn Schmidt erst Thoreaus Ausführungen über "Wilde Früchte" gekannt hätte!
Wo nehme ich nur all die Zeit her, so viel nicht zu lesen? - Karl Kraus

Offline orzifar

  • Administrator
  • *****
  • Posts: 2 942
Re: Stephen King: Das Leben und das Schreiben
« Reply #3 on: 09. Juni 2013, 05.15 Uhr »
Wenn Schmidt erst Thoreaus Ausführungen über "Wilde Früchte" gekannt hätte!

Bring sie mir näher, die Ausführungen. Nämliche sind mir unbekannt.

lg

orzifar
Derzeitige Lektüre:

Herbert Schnädelbach: Philosophie in Deutschland 1831 - 1933
Hans Albert: Kritik des theologischen Denkens
John Irving: Owen Meany

Offline sandhofer

  • Administrator
  • *****
  • Posts: 6 765
Re: Stephen King: Das Leben und das Schreiben
« Reply #4 on: 09. Juni 2013, 06.29 Uhr »
Wenn Schmidt erst Thoreaus Ausführungen über "Wilde Früchte" gekannt hätte!

Bring sie mir näher, die Ausführungen. Nämliche sind mir unbekannt.

Tse ... http://blog.litteratur.ch/WordPress/?p=4002  ;)
Wo nehme ich nur all die Zeit her, so viel nicht zu lesen? - Karl Kraus

Offline orzifar

  • Administrator
  • *****
  • Posts: 2 942
Re: Stephen King: Das Leben und das Schreiben
« Reply #5 on: 09. Juni 2013, 19.06 Uhr »
Wenn Schmidt erst Thoreaus Ausführungen über "Wilde Früchte" gekannt hätte!

Bring sie mir näher, die Ausführungen. Nämliche sind mir unbekannt.

Tse ... http://blog.litteratur.ch/WordPress/?p=4002  ;)

Verzeih einem alternden, gedächtnisschwachen Manne ... Nach der Verlinkung war sie wieder da, die Erinnerung ;).

lg

orzifar
Derzeitige Lektüre:

Herbert Schnädelbach: Philosophie in Deutschland 1831 - 1933
Hans Albert: Kritik des theologischen Denkens
John Irving: Owen Meany