Hallo!
Wer vom Titel "Mein Leben" auf eine Autobiographie schließt, wird eines Besseren belehrt: Denn dieser Titel hat etwas von einem Etikettenschwindel. Gut die Hälfte des Buches sind Briefe (empfangene und geschriebene), unkommentiert, geordnet nach Zeitabschnitten und dem Briefpartner (also nur teilweise chronologisch). Und irgendwie gewinnt man bei der Lektüre den Eindruck, als ob hier Verleger/Autor darum bemüht gewesen seien, den Umfang des Buches zu verdoppeln.
Trotz dieser etwas lieblosen Konzeption ist es insgesamt eine interessante, spannende Lektüre. Weniger, was die philosophische Entwicklung des Autors betrifft (oder aber bestenfalls mit Einschränkungen), sondern vielmehr als ein historisches Schaubild der sozialen Verhältnisse im viktorianischen Zeitalter. Es mutet unglaublich und abenteuerlich an, mit welchen Vorurteilen Russel zu kämpfen hatte, als er eine (noch dazu ältere) Amerikanerin zur Frau nahm, welche Widerstände es zu überwinden galt, um auch nur Ansätze eines Frauenwahlrechtes durchzusetzen (zur großen Verwunderung Russels oft gegen den Widerstand der Frauen selbst, "Farbige und Sklaven hätten sich ihrer Befreiung zumindest nicht widersetzt, hingegen würde ein großer Teil der weiblichen Bevölkerung dies tun") oder dass seine agnostische Haltung selbst bei den Liberalen eine politische Kandidatur verhinderte. Etwas mehr als ein Jahrhundert ist vergangen - und man hat den Eindruck des tiefsten Mittelalters (bzw. dessen, was man heute darunter zu verstehen pflegt). *
Viele Anekdoten, viel Humorvolles, Trauriges, eingebettet in das entsprechende Zeitkolorit machen das Buch zu einer sehr angenehmen Unterhaltung. Wenn auch immer wieder der Eindruck entsteht, dass die vielen Briefe mit nicht sehr viel Überlegung ausgewählt wurden, einiges bleibt unklar, erläuternde Kommentare sind absolute Mangelware. Dazu auch die Darstellung des trivial-pragmatischen Alltags eines Philosophen, der von seinem Werk okkupiert wird, daran leidet, unzählige Stunden täglich vor seinem Manuskript verbringt. Etwas, dass bei allen mit Literatur Befassten ähnlich zu sein pflegt - es ist vor allem Knochenarbeit, kein entrücktes Geküsstwerden vom literarischen oder philosophischen Genius.
Besonders berührend fand ich das letzte Kapitel, die Begegnung mit seiner zweiten Liebe. Ein über 40 Jahre alter, anerkannter Philosoph, der zum ersten Mal wirkliche Zuneigung empfindet, der - obwohl längst theoretisch seiner puritanischen, leibfeindlichen Kindheit entwachsen und in seinen Meinungen überaus tolerant - sich trotzdem erst in diesem Alter über die ihm anerzogenen christlichen Moralvorstellungen hinwegzusetzen in der Lage ist.
Leider sind die beiden weitern Teile der Autobiographie nicht oder nur sehr schwer erhältlich. Bemerkenswert schlecht ist im übrigen die Übersetzung (Harry Kahn): Selten nur habe ich ein derart unbeholfenes Deutsch gelesen, man wäre sicher mit dem Original besser beraten gewesen. Möglicherweise hat auch der Suhrkamp-Verlag (ich habe die Erstausgabe der deutschen Ausgabe im Europa-Verlag gelesen) eine neue Übertragung angestoßen, zu hoffen wäre es.
lg
orzifar
*Andererseits ist es gerade mal 23 Jahre her, seit die UNO Homosexualität nicht mehr als Krankheit betrachtet. So die offizielle Seite - die inoffizielle kann man heute, am internationalen "Tag gegen Homophobie" aus einer Umfrage entnehmen, die haarsträubende Vorurteile zu Tage förderte. Mittelalter ist immer und überall.