Author Topic: Laurence Sterne: Tristram Shandy  (Read 3709 times)

Offline orzifar

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Laurence Sterne: Tristram Shandy
« on: 15. Juli 2009, 15.45 Uhr »
Hallo!

Welcher Kategorie das vorliegende Buch zuzuordnen sei, ob es sich hier um einen Roman handle, eine fiktive Autobiographie, einen ins Kraut geschossenen Essay über die philosophischen Strömungen des 17. und 18. Jahrhunderts oder doch nur um die umfangreiche satirische Blähung eines gelangweilten Pastors, darüber mögen Literaturhistoriker ihren gelehrten Streit führen. Mir schiene ein Vergleich mit den Essays Michel de Montaignes am ehesten statthaft, eine ins Belletristische gehende Nabelschau, die sich bezüglich der Form keinerlei Hemmungen auferlegt.

Insofern ist es schwer, über Handlung und Geschehen Genaueres mitzuteilen. Der Untertitel ist in jedem Falle irreführend, weder das Leben noch die Meinungen Tristrams werden wiedergegeben, vielmehr dienen der Vater Walter als auch der Onkel des vorgeblichen Protagonisten als Sprachrohr. Und während der Erzeuger alles und jedes in eine Theorie zu gießen sucht, sich in wilde Spekulationen verliert und Sterne hier eine Kritik der Philosophie von Locke über Hobbes bis Rousseau und Hume sowie der gesamten Aufklärung vornimmt, dient der Onkel nebst seinem Faktotum Trim als der Inbegriff des einfältig-guten und kuriosen Reiter eines seltsamen Steckenpferdes, nämlich der Kriegskunst in all ihren Facetten.

Das Besondere, Ein- und Erstmalige dieses Werks liegt in der Handhabung des auktorialen Erzählers, der, ohne alle Beschränkungen, aus dieser Erzählung hervortritt, sich mit dem vorgestellten Publikum unterhält, eine unaufmerksame Leserin in ein früheres Kapitel zurückschickt, zwei solcher Kapitel ungeschrieben lässt (und die Seiten bleiben auch unbedruckt), um sie später nachzuholen mit dem Hinweis, dass er, der Erzähler, wohl besser wisse, wann diese eingefügt werden sollen und man sich über solche Besonderheiten nicht beschweren möge. Diese Stilmittel bewirken, dass dem Buch ein postmodernen Stempel aufgedrückt wurde, machen es zum Ur- und Vorbild für den Ullysses oder - lt. Nachwort - der Blechtrommel, und selbstredend zu einer Fundgrube für allerlei gelehrte Sekundärliteratur. Dem Lesegenuss ist diese Art des Schreibens nicht immer förderlich, sie hemmt und behindert, sie amüsiert aber auch und unterhält.

Das führt dazu, dass man über das Ende so mancher Auslassungen rechtschaffen froh ist, andere Betrachtungen wieder mit großer Spannung und ebensolcher Freude liest. Ein ganzes - von neun Büchern - ist der Bildungsreise durch Europa gewidmet, man erfährt die Anzahl der Straßen in Paris (auf welche Verzicht zu leisten ein Leichtes wäre) oder Detailliertes über die Besonderheiten so mancher Poststationen. Um von einer Geschichte über zwei - selbstredend sündenlose - Nonnen unterbrochen zu werden, welche einen Esel ausschließlich durch das Aussprechen unanständiger Wörter zum Weitergehen veranlassen können. Und so zerbrechen sie sich den Kopf darüber, wie sie der lässlichen Sünde ein Schnippchen schlagen könnten und beschließen, dass dies am besten durch Silbentrennung zu geschehen vermöchte. Und rufen alternierend, während der Esel die Ohren spitzt und sich nicht von der Stelle rührt.

Allen geistreichen, amüsanten Stellen zum Trotz: Man muss schon einiges an Liebe zu Büchern und deren kulturhistorischen Hintergrund mitbringen, um die 750 Seiten durchzustehen. Und ich bin unschlüssig in meinem Urteil darüber, ob solche Ausdauer sich wirklich lohnt. Natürlich, bei der nächsten Abendunterhaltung vermag ich aus einem weiteren Fundus an klugen Bemerkungen zu schöpfen, kann den Tristram im Munde führen und der Bewunderung meiner Gesprächspartner teilhaftig werden. Da ich es aber ohnehin mit der Wahrheit nicht allzu genau zu nehmen pflege (wenigstens nicht bei solchen Unterhaltungen), so wäre mir kraft meiner Phantasie solches schon vorher zu Gebote gestanden im sicheren Wissen, dass ich dem Gegenüber meist alles und jedes über das Geistesleben so ferner Jahrhunderte erzählen könnte. Aber einzig ob der zweifelhaften Tugend der Rechtschaffenheit ein solch umfangreiches Werk zu lesen - tja, so etwas unternimmt nur ein zutiefst moralischer Mensch wie ich. Womit ich bereits mitten in der Art der Sterneschen Erzählweise wäre.

Unfug - wie fast immer - das Nachwort. Gleich zu Beginn wird man mit einem unglaublichen Geistesblitzchen des Verfassers folgenden Inhalts konfrontiert: "Es läßt sich nicht leugnen, daß in Tristram Shandy eine Anzahl autobiographischer Elemente eingegangen ist." Was für eine Überraschung, welch Sensation. Tatsächlich, da bringt der Autor sein eigenes Leben und Erleben ein in das Geschriebene, nie zuvor und auch später nicht ist solches einem Schriftsteller widerfahren. Leugnen zwecklos. Der Satz könnte auch ersetzt werden:

a) So jung kumm ma nimma zsamm
b) Auf Regen folgt Sonnenschein
c) Üb immer Treu und Redlichkeit
d) Sinnspruch der Woche aus dem Christlichen Landboten
e) ...

So geht's denn auch weiter in dem Nachwort, und nach 20 Seiten bedauert der Autor (ein Herr Erwin Wolff), dass der vorgeschriebene Rahmen ihn nicht ausführlicher zu Worte kommen lässt. Nun, um wieder einmal der Ehrlichkeit zu pflegen: Mein Bedauern hielt sich in bescheidenen Grenzen.

Liebe Grüße

orzifar
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Offline sandhofer

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Re:Laurence Sterne: Tristram Shandy
« Reply #1 on: 15. Juli 2009, 16.52 Uhr »
Was liest Du auch Nachwörter ...  ;D

Der Tristram ist, das muss auch erwähnt werden, über mehrere Jahre quasi organisch gewachsen. Vorne war schon publiziert, während Sterne hinten noch schrieb. Auf das Kapitel der Bildungsreise hätte auch ich problemlos verzichten können, das ist wahr. Dennoch ist der Tristram für mich einer der Meister der digressiven Literatur. Und Gott weiss, dass ich die heiss liebe. Die Charaktere sind scharf und satirisch genau von einander abgehoben. Tristram, der seine Lebenserinnerung schon mit seiner Zeugung beginnen lässt und bis zu seiner Geburt so ein oder zwei ganze Bücher verstreichen lässt, ohne dass der Leser merkt, dass er im Grunde genommen an der Nase herumgeführt wird - das muss Sterne zuerst einer nachmachen.
Wo nehme ich nur all die Zeit her, so viel nicht zu lesen? - Karl Kraus

Offline Bonaventura

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Re:Laurence Sterne: Tristram Shandy
« Reply #2 on: 15. Juli 2009, 19.40 Uhr »
Welcher Kategorie das vorliegende Buch zuzuordnen sei, ob es sich hier um einen Roman handle, eine fiktive Autobiographie, einen ins Kraut geschossenen Essay über die philosophischen Strömungen des 17. und 18. Jahrhunderts oder doch nur um die umfangreiche satirische Blähung eines gelangweilten Pastors, darüber mögen Literaturhistoriker ihren gelehrten Streit führen. Mir schiene ein Vergleich mit den Essays Michel de Montaignes am ehesten statthaft, eine ins Belletristische gehende Nabelschau, die sich bezüglich der Form keinerlei Hemmungen auferlegt.

Es handelt sich im eine Parodie des zeitgenössischen englischen Romans. Wer natürlich das zeitgenössische literarische Umfeld nicht kennt, ...

Das Besondere, Ein- und Erstmalige dieses Werks liegt in der Handhabung des auktorialen Erzählers,

Das Buch hat einen Ich-Erzähler, keinen auktorialen.

Allen geistreichen, amüsanten Stellen zum Trotz:

Wer über den "Tristram Shandy" nicht lachen kann, soll halt was anderes lesen, aber nicht anderen Leuten die Lektüre schlechtreden.

Unfug - wie fast immer - das Nachwort.

Viel unverständiger als diese Rezension kann es kaum geraten sein.

Offline orzifar

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Re:Laurence Sterne: Tristram Shandy
« Reply #3 on: 15. Juli 2009, 22.10 Uhr »
Es handelt sich im eine Parodie des zeitgenössischen englischen Romans. Wer natürlich das zeitgenössische literarische Umfeld nicht kennt, ...

Wenn du aus Erfahrung sprichst - ich werde mich hüten zu widersprechen.

Das Buch hat einen Ich-Erzähler, keinen auktorialen.

Es gibt - dir offenbar unbekannt - eine auktoriale Ich-Erzähler Struktur. Und also mehr, was dir nachzuholen ans Herz zu legen wäre.

Wer über den "Tristram Shandy" nicht lachen kann, soll halt was anderes lesen, aber nicht anderen Leuten die Lektüre schlechtreden.

*schmunzel* - der Unterhaltungswert der Literatur ist also abhängig von deinem Grad an Amusement. Das werd ich mir nun denn doch nicht als entscheidendes Kriterium zueigen machen. Und meine Sorge ob des Einflusses meiner Rezension ist gering zu nennen.

Und nun vergiss nicht, deinen Säulenheiligen vorm Zubettgehen auf Hochglanz zu polieren.

lg

orzifar
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Offline Bonaventura

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Re:Laurence Sterne: Tristram Shandy
« Reply #4 on: 15. Juli 2009, 22.18 Uhr »
Das Buch hat einen Ich-Erzähler, keinen auktorialen.

Es gibt - dir offenbar unbekannt - eine auktoriale Ich-Erzähler Struktur. Und also mehr, was dir nachzuholen ans Herz zu legen wäre.

Du behauptest, das Buch habe einen auktorialen Erzähler. Das hat es – Dir offenbar unbekannt – nicht. Es hat einen Ich-Erzähler. Dass sich ein Ich-Erzähler auktorial gerieren kann, ist mir ebenso wie Herrn Stanzel bekannt. Dadurch wird ein Ich-Erzähler aber kein auktorialer Erzähler.

Was ich von Herrn Petersen halte, der für Unfug wie "eine auktoriale Ich-Erzähler Struktur" (nur echt mit ohne den zweiten Bindestrich) verantwortlich ist, kann man hier lesen: http://www.musagetes.de/as/petersen.PDF

Was ich vom "Tristram Shandy" halte, hier: http://bonaventura.musagetes.de/?p=112

Und jetzt gehe ich wieder polieren.
« Last Edit: 15. Juli 2009, 23.37 Uhr by Bonaventura »

Offline orzifar

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Re:Laurence Sterne: Tristram Shandy
« Reply #5 on: 15. Juli 2009, 23.57 Uhr »
Hallo!

Dass ich glücklicherweise Herrn Petersen (nebst deiner Erwiderung) nicht mehr von Berufs wegen lesen muss (und es vielleicht später nachhole, vielleicht!), weiß ich zu schätzen, umso mehr, als die Freude an solchen Dinge immer höchst bescheiden war. Allerdings ist der Hinweis, dass man selbst mit einer Begriffsbildung nicht einverstanden ist und dieses Nichteinverständnis irgendwann verschriftlicht hat, als Argument dafür, dass es einen solchen Begriff nicht gäbe, gelinde gesagt sonderbar.

Sterne schreibt in der Ich-Form, aber nach Ende des zweiten Buches (von neun) setzen gerade mal die Wehen ein, hingegen weiß er viel von der Befindlichkeit seiner Eltern zu berichten. Diese Form des Erzählens in der ersten Person ist schon alles, was man zugunsten dieser "Ich-Form" anführen kann, ansonsten geriert sich der Erzähler - allüberall - allwissend (der typische Ich-Erzähler pflegt sich auch nicht mit seinen Lesern zu unterhalten). Dieser ist, wie du wissen wirst, ein Vorwand, um die Theorien des Papas (von der Nasologie bis ich weiß nicht was) und jenen des kriegerischen Onkels unter die Leute und an die Leser zu bringen - und der Trick, dies via erster Person (und trotzdem allwissend) zu machen, ist durchaus gelungen. - Aber das Etikett scheint mir ohnehin zweitrangig.

Ich habe den Eindruck, dass du zu jenen zu gehören scheinst, für die alte, mit Patina versehene, klassische Literatur sakrosankt ist. Wobei deine Verteidigung derselben darin besteht, anderen Unwissenheit in - etwa der Literaturgeschichte - zu unterstellen, ohne selbst auch nur im entferntesten den Beweis anzutreten, dass es mit dem eigenen Wissen besser bestellt ist (als dem unterstellten Unwissen beim Gegenüber). Deine kursorische Einsatzkritik ist auch nicht gehaltvoller - und in deinem ersten Posting schien es dir ausschließlich darum zu gehen, eine Majestätsbeleidigung zu rächen.

Was dem einen geistreich erscheint, vermag den anderen hinwiederum nicht zu unterhalten. Wenn du deine Freude an der Aufzählung der Pariser Straßen, verschiedener Schuh- und Kleidungssorten und anderer, mich auf die Dauer langweilender Dinge hast (hier sind Vergleiche mit Rabelais angebracht, der - mich wenig amüsierend - auch in solchen Aufzählungswahn verfällt, wenngleich ich den ursprünglichen Witz dessen, was da karikiert werden soll, verstanden zu haben glaube), bleibt dir das unbenommen; mich hingegen hätte weniger besser unterhalten.

Was ich eben für befremdlich halte, ist, dass du den Unterhaltungswert eines Buches ausschließlich an deinem Gefallen misst und offenbar erwartest, dass Buchbesprechungen deine eigene Meinung bestätigen. Dann solltest du dich auf das Lesen der selbstverfassten Sachen beschränken.

orzifar
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Offline Bonaventura

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Re:Laurence Sterne: Tristram Shandy
« Reply #6 on: 16. Juli 2009, 01.49 Uhr »
Hallo!
[…]
Ich habe den Eindruck, dass […]

Was ich eben für befremdlich halte, ist, […]

Das denke ich auch!

Gehab’ Dich wohl!