Hallo!
Welcher Kategorie das vorliegende Buch zuzuordnen sei, ob es sich hier um einen Roman handle, eine fiktive Autobiographie, einen ins Kraut geschossenen Essay über die philosophischen Strömungen des 17. und 18. Jahrhunderts oder doch nur um die umfangreiche satirische Blähung eines gelangweilten Pastors, darüber mögen Literaturhistoriker ihren gelehrten Streit führen. Mir schiene ein Vergleich mit den Essays Michel de Montaignes am ehesten statthaft, eine ins Belletristische gehende Nabelschau, die sich bezüglich der Form keinerlei Hemmungen auferlegt.
Insofern ist es schwer, über Handlung und Geschehen Genaueres mitzuteilen. Der Untertitel ist in jedem Falle irreführend, weder das Leben noch die Meinungen Tristrams werden wiedergegeben, vielmehr dienen der Vater Walter als auch der Onkel des vorgeblichen Protagonisten als Sprachrohr. Und während der Erzeuger alles und jedes in eine Theorie zu gießen sucht, sich in wilde Spekulationen verliert und Sterne hier eine Kritik der Philosophie von Locke über Hobbes bis Rousseau und Hume sowie der gesamten Aufklärung vornimmt, dient der Onkel nebst seinem Faktotum Trim als der Inbegriff des einfältig-guten und kuriosen Reiter eines seltsamen Steckenpferdes, nämlich der Kriegskunst in all ihren Facetten.
Das Besondere, Ein- und Erstmalige dieses Werks liegt in der Handhabung des auktorialen Erzählers, der, ohne alle Beschränkungen, aus dieser Erzählung hervortritt, sich mit dem vorgestellten Publikum unterhält, eine unaufmerksame Leserin in ein früheres Kapitel zurückschickt, zwei solcher Kapitel ungeschrieben lässt (und die Seiten bleiben auch unbedruckt), um sie später nachzuholen mit dem Hinweis, dass er, der Erzähler, wohl besser wisse, wann diese eingefügt werden sollen und man sich über solche Besonderheiten nicht beschweren möge. Diese Stilmittel bewirken, dass dem Buch ein postmodernen Stempel aufgedrückt wurde, machen es zum Ur- und Vorbild für den Ullysses oder - lt. Nachwort - der Blechtrommel, und selbstredend zu einer Fundgrube für allerlei gelehrte Sekundärliteratur. Dem Lesegenuss ist diese Art des Schreibens nicht immer förderlich, sie hemmt und behindert, sie amüsiert aber auch und unterhält.
Das führt dazu, dass man über das Ende so mancher Auslassungen rechtschaffen froh ist, andere Betrachtungen wieder mit großer Spannung und ebensolcher Freude liest. Ein ganzes - von neun Büchern - ist der Bildungsreise durch Europa gewidmet, man erfährt die Anzahl der Straßen in Paris (auf welche Verzicht zu leisten ein Leichtes wäre) oder Detailliertes über die Besonderheiten so mancher Poststationen. Um von einer Geschichte über zwei - selbstredend sündenlose - Nonnen unterbrochen zu werden, welche einen Esel ausschließlich durch das Aussprechen unanständiger Wörter zum Weitergehen veranlassen können. Und so zerbrechen sie sich den Kopf darüber, wie sie der lässlichen Sünde ein Schnippchen schlagen könnten und beschließen, dass dies am besten durch Silbentrennung zu geschehen vermöchte. Und rufen alternierend, während der Esel die Ohren spitzt und sich nicht von der Stelle rührt.
Allen geistreichen, amüsanten Stellen zum Trotz: Man muss schon einiges an Liebe zu Büchern und deren kulturhistorischen Hintergrund mitbringen, um die 750 Seiten durchzustehen. Und ich bin unschlüssig in meinem Urteil darüber, ob solche Ausdauer sich wirklich lohnt. Natürlich, bei der nächsten Abendunterhaltung vermag ich aus einem weiteren Fundus an klugen Bemerkungen zu schöpfen, kann den Tristram im Munde führen und der Bewunderung meiner Gesprächspartner teilhaftig werden. Da ich es aber ohnehin mit der Wahrheit nicht allzu genau zu nehmen pflege (wenigstens nicht bei solchen Unterhaltungen), so wäre mir kraft meiner Phantasie solches schon vorher zu Gebote gestanden im sicheren Wissen, dass ich dem Gegenüber meist alles und jedes über das Geistesleben so ferner Jahrhunderte erzählen könnte. Aber einzig ob der zweifelhaften Tugend der Rechtschaffenheit ein solch umfangreiches Werk zu lesen - tja, so etwas unternimmt nur ein zutiefst moralischer Mensch wie ich. Womit ich bereits mitten in der Art der Sterneschen Erzählweise wäre.
Unfug - wie fast immer - das Nachwort. Gleich zu Beginn wird man mit einem unglaublichen Geistesblitzchen des Verfassers folgenden Inhalts konfrontiert: "Es läßt sich nicht leugnen, daß in Tristram Shandy eine Anzahl autobiographischer Elemente eingegangen ist." Was für eine Überraschung, welch Sensation. Tatsächlich, da bringt der Autor sein eigenes Leben und Erleben ein in das Geschriebene, nie zuvor und auch später nicht ist solches einem Schriftsteller widerfahren. Leugnen zwecklos. Der Satz könnte auch ersetzt werden:
a) So jung kumm ma nimma zsamm
b) Auf Regen folgt Sonnenschein
c) Üb immer Treu und Redlichkeit
d) Sinnspruch der Woche aus dem Christlichen Landboten
e) ...
So geht's denn auch weiter in dem Nachwort, und nach 20 Seiten bedauert der Autor (ein Herr Erwin Wolff), dass der vorgeschriebene Rahmen ihn nicht ausführlicher zu Worte kommen lässt. Nun, um wieder einmal der Ehrlichkeit zu pflegen: Mein Bedauern hielt sich in bescheidenen Grenzen.
Liebe Grüße
orzifar