Zur Zeit lese ich den Sammelband Was die Welt im Innersten zusammenhält mit drei Werken aus der Feder Keplers. Den ersten Text (Mysterium Cosmographicum. (deutsch: Das Weltgeheimnis) habe ich in der Zwischenzeit beendet.
In diesem Text steht für meinen Geschmack der Theologe und Mystiker Kepler stark im Vordergrund. In weitestem Sinn angelehnt an die scholastische Überzeugung, dass Gott vernünftig sei und mit der Vernunft erkannt und erforscht werden könne und dürfe, aber auch beeinflusst von pythagoreisch-hermetischem Denken, vertritt Kepler im Mysterium Cosmographicum die Überzeugung, dass Gott die Welt rational aufgebaut habe – und rational heisst für Kepler nun v.a. „harmonisch“. „Harmonisch“ in dem Sinne, dass zwischen den Sphären der einzelnen Planeten (Keplers Weltbild war heliozentrisch geformt) durch einfache Zahlenverhältnisse ausdrückbare Distanzen bzw. Verhältnisse herrschen, ähnlich denen in der Tonleiter. Das Ganze war geometrisch begründet, indem den einzelnen Verhältnissen bestimmte, einfache Körper zu Grunde liegen. Und im Zentrum des ganzen Aufbaus, des ganzen Weltalls steht für Kepler die einfachste aller geometrischen Gestalten: die Kugel. Noch (1597) also ist Kepler nicht bei den Ellipsenbahnen der Planeten angelangt, für die er bis heute berühmt ist. Er denkt noch in Sphären, wie die Astronomie vor ihm und er denkt noch in Kugeln bzw. Kreisen.
Alles in allem ein interessantes Dokument aus der Frühzeit des wissenschaftlichen Denkens der Neuzeit, eine faszinierende Mischung aus Mathematik und Mystik. Immer lohnend, wenn man sich wieder mal daran erinnern will, wie mühsam sich die heutige Wissenschaft den Weg gebrochen hat durch die Reste alten Denkens.