Hallo!
Eine Art alternative Philosophiegeschichte des Nachkriegsdeutschland, die, zu meinem wachsenden Staunen, uneingeschränkt empfohlen werden kann. Hochkeppel stellt sich als "Beobachter" dar, als jemand, der journalistisch mit dem Thema Philosophie vertraut ist, Interviews mit angesehen Denkern (Jaspers, Carnap ...) führt und vorgeblich auf diesem Beobachterstatus beharrt. Dabei ist natürlich ein gewisses Maß an Koketterie: Denn natürlich wird man hier nicht mit bloßen Beschreibungen konfrontiert, sondern sehr wohl mit Kritik, fundierter Kritik, die die philosophische Entwicklung in die politische und gesellschaftliche Realität des Deutschland zwischen 1945 und 1992 einbettet.
Vom Autor schon vor Jahren verfasste Kritiken wechseln mit Zwischenkapiteln ab, in denen der Brückenschlag zwischen den einzelnen Philosophen versucht wird. Beides ist gelungen: Überall hat man den Eindruck, dass hier jemand spricht, der nicht bloß eingehende Kenntnis der philosophischen Strömungen aufweist, sondern sich auch seine eigenen Gedanken zu machen vermag. Eine Seltenheit - und noch seltener, wenn diese Gedanken dann noch geistreich, witzig, häufig polemisch (aber im besten Sinne) sind.
Es spricht für ein Buch, wenn es in ihm etwa ein sehr lesenswertes Kapitel über Heidegger gibt oder auch eine konzise Analyse des (schon von Topitsch ausgesprochenen) Zusammenhangs zwischen Hegel und mystischen Denkformen. Oder aber wenn Hochkeppel selbst der Frankfurter Schule von Horkheimer, Adorno bis Habermas gerecht werden will, aber an der Hohlheit und Substanzlosigkeit der ausgegebenen Phrasen nicht vorbeikommt und seine Schwierigkeiten mit den oft abenteuerlichen Begriffsbildungen eingesteht. Daneben werden auch Feyerabend, Kuhn und Rorty abgehandelt (und auch hier wird das Problematische eines Ansatzes demonstriert, der mit dem Althergebrachten brechen will, allein aber schon in der Darstellung auf genau diese Traditionen zurückgreifen muss), es gibt lesenswerte Kapitel zu Popper, Wittgenstein oder der analytischen Philosophie als auch Durchdachtes zum Positivismusstreit.
Gegen Ende noch eine Abrechnung mit dem dumpf-fernöstlich Gebrabbel eines Capra, der, wie es der Zeitgeist verlangt, die theoretische Physik den indischen und chinesischen Gurus ins Hochzeitsbett legt (so nebenher kriegt auch der hier anderswo hochgelobte Wilber sein Fett ab, ist es aber offenkundig nicht wert, ausführlicher behandelt zu werden: Ich glaube dem Autor). Capra hat in seinen Büchern - wenig originell, wenn auch grundfalsch - Rationalität und Technik zuerst amalgamiert, um sie anschließend beide für alle nur irgend vorhandenen Malaisen verantwortlich zu machen. Wobei Hochkeppel darauf aufmerksam macht, dass Capra den als Verursacher auserkorenen Descartes offenkundig nicht wirklich gelesen hat und es mit der von ihm (Capra) verdammten Rationalität nicht wirklich weit her sein kann: Denn sonst würden solche Bücher weder gekauft noch gelesen. Tatsächlich ist diese seltsame Rationalitätskritik in dieser Welt offenkundig deplatziert. Denn nichts scheint in unserer Gesellschaft weniger verbreitet als rationales Denken. Das obskure Schließen von Ratio auf Technik und dessen Missbrauch ist in seiner letzten Ausprägung ja gerade ein Zeichen mangelnder Rationalität (und kein logischer, sondern ein Kurzschluss); in Konsumwahn, Umweltzerstörung äußert sich dieser Mangel an Nachdenken auf evidente Weise. Daneben die nun schon lange andauernde Blütezeit (nebst Machtzuwachs) von Weltreligionen, der nicht zu stoppende esoterisch-schlammige Zufluss aus dem Fernen Osten, die Wiederentdeckung autochthoner Mystiken. Hier noch von einem Übermaß an Vernunft zu sprechen zeugt vom Gegenteil: Und von der verqueren Logik solcher Esoterikpropheten.
Neben all dem Unterhaltsamen und Geistreichen sind es auch die Literaturverweise (etwa auf den mir weitgehend unbekannten Mackie), die das Buch so lesenswert machen, wenngleich man mit einem Ärgernis konfrontiert wird: Weil das Buch von keinem bestallten Universitätsprofessor geschrieben wurde, hat man auf ein Register verzichtet, eine hier schon oft monierte Unart (wohl dem Verdacht zuzuschreiben, dass dergleichen abgehoben und professoral wirken würde). Das aber ist das einzige Manko, wobei noch festzuhalten ist, dass aufgrund der subtil behandelten Themen das Buch ohnehin kein Bestseller werden konnte. Oder vielleicht doch - einer jener, bei denen das Verhältnis zwischen gekauften und gelesenem Buch bei 50 : 1 liegt.
lg
orzifar