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Fieldings schriftstellerische Karriere begann mit "Shamela" (einer Parodie auf Richardsons "Pamela"), wobei er die verführte Unschuld in eine intrigante Heuchlerin verwandelte und die melodramatische Geschichte zur zynischen Gesellschafts- und Menschenkritik werden ließ. Keine naive Unschuld, sondern eine ehrgeizige Betrügerin, die auf dem Altar des sozialen Aufstiegs ihre Unschuld nur allzu gern zum Opfer bringt.
Eine ähnlich gesellschaftskritische Haltung liegt auch "Tom Jones" zugrunde, der als Findling von dem reichen und moralisch integren, aber leichtgläubigen Squire Allworthy an Sohnes Statt angenommen wird. Doch Tom wird durch die Machenschaften seines Neffen sowie der Erzieher in Misskredit gebracht und schließlich des Hauses verwiesen. Eine Liebesgeschichte mit der Tochter des Nachbarn fügt der materiellen Not noch emotionale Verzweiflung hinzu und seine eigene, zur Libertinage neigende Haltung lässt seine Situation aussichtslos erscheinen. Abenteuer en masse, Duelle, Kneipenschlägereien, pikaresk anmutende Begebenheiten begleiten den Helden auf seinem Weg nach London, wo er in hohen Gesellschaftskreisen wieder den Intrigen zum Opfer fällt. Diese Dreiteilung des Romanes - Landleben, Straßenleben, Stadtleben - denen je 6 Bücher gewidmet werden, dienen einer schichtenspezifischen Kritik und es fiele schwer zu entscheiden, welcher Bereich dabei am schlechtesten abschneidet. Trotz dieser oft an Zynismus grenzenden Weltsicht fühlt sich Fielding verpflichtet, seinem Roman ein sentimental-kitschiges Ende zu verpassen; alle Ränke werden entdeckt, die Bösen enttarnt und die Liebenden fallen sich endlich in die Arme. Und auch das Problem des sozialen Aufstieges wird elegant (oder billig?) umschifft: Die Vermutung des Lesers, dass es sich bei Tom um einen illegitimen Sprössling einer hochgestellten Familie handelt, erfährt ihre Bestätigung.
Dieser wenig befriedigende Schluss, der auf dem Hintergrund des 18. Jahrhunderts und der im Grunde konservativen Einstellung Fieldings gesehen werden muss, ist trotz der solcherart "verständlichen" Gründe ärgerlich: Denn dass der Autor sich der Zweifelhaftigkeit solch "eleganter" Lösungen bewusst war, zeigt seine Shamela-Parodie. Aber auch er konnte sich dieser sentimentalen und beschönigenden Wendungen nicht entziehen und fand nicht den Mut zu einem realistischeren, revolutionären Ende. Und so werden der oft beißende Sarkasmus des Buches, seine lächerlichen, dünkelhaften Figuren abgemildert und behübscht, verlieren ihre Radikalität und Prägnanz.
Auch wenn vieles in diesem Roman revolutionär anmutet, so wirkt - nicht nur aufgrund des unbefriedigenden Schlusses - die psychologische Darstellung ein wenig platt, zu sehr in ein Schwarz-Weiß-Schema eingebettet, den gesellschaftlichen Konventionen verhaftet. Die umschwärmte, tugendhafte Sophie bleibt in dieser ihrer Moralität unnahbar und unwirklich, ebenso Mr. Allworthy oder Mr. Jones in seinem Edelmut gegenüber Mr. Blifil. Auch die geschlechtsspezifischen Unterschiede bezüglich des erlaubten Verhaltens bleiben gewahrt: Undenkbar etwa, dass Sophie ihre Jungfräulichkeit aufs Spiel setzte, sich - wie ihr männlicher Gegenpart Jones - mit einer erklecklichen Anzahl von Geschlechtspartnern vergnügen würde. Selbst der versuchten Vergewaltigung von seiten des Lords darf kein Erfolg beschieden sein: Das unversehrte Hymen gehört zur gesellschaftlichen Idealvorstellung wie andererseits die geschlechtlichen Erfahrungen für den männlichen Teil konstituierend sind.
Ähnlich, wenn auch nicht ganz so schlimm, ergeht es den negativen Charakteren. Und vielleicht liegt die Ursache hiefür einfach darin, dass diese Spezies im Leben häufiger begegnet; das Pharisäertum eines Blifil ist wirklichkeitsnäher als die Unschuld Sophiens, die altersgeile Lady Bellaston eine wahrscheinlichere Erscheinung als der gütige Allworthy. Aber immer wieder zerstört Fielding auch allzu romantische Illusionen, auf Liebesschwüre und Treuegefasel folgen mehr-weniger fröhliche Kopulationen in Wald und Wiese. Allerdings bleibt solches den Männern (oder den Frauen der Unterschicht) vorbehalten.
Die großartigsten Passagen des Romans, die besten Analysen menschlichen Verhaltens entspringen der auktorialen Erzählsstruktur. Dort, wo der Autor kommentierend seine Figuren begleitet, ihr Verhalten ins Allgemeine überführt, Mutmaßungen über den Menschen an sich, seine Abgründe anstellt, wird der unverstellte Blick des Autors für menschliche Schwächen sichtbar. Mit der Schaffung dieser zweiten Erzählebene betritt Fielding teilweises Neuland, er schafft Distanz zu seinen Figuren, tritt in Zwiesprache mit dem Leser, begleitet sein eigenes Handlungsgeflecht - verteidigt, beschönigt, ironisiert. In diesem Zusammenhang sind auch die einleitenden Kapitel zu jedem Buch zu sehen, wo er mögliche Einwände vorwegnimmt, Kritikern ihre Unfähigkeit beweist und eine neue, ihm gemäße Romantheorie entwickelt, die vor allem auf eine wirklichkeitsnahe Darstellung abzielt. Dass er diesem seinem Vorsatz am Ende untreu wird und ein ideales Ende konzipiert, scheint ihn mit Unbehagen erfüllt zu haben. Am Beginn des 17. Buches berichtet er von der Schwierigkeit, einen solch positiven Abschluss herbeizuführen, er betont (und in diesem Hervorheben meint man das vorher erwähnt Unbehagen zu spüren), dass er ohne einen deus ex machina oder andere übernatürliche Mittel dies bewerkstelligen wolle. Wirklich gelungen ist ihm dieses Unternehmen nicht.
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Liebe Grüße
orzifar