Author Topic: Victor Kraft: Einführung in die Philosophie  (Read 1201 times)

Offline orzifar

  • Administrator
  • *****
  • Posts: 2 942
Victor Kraft: Einführung in die Philosophie
« on: 06. März 2013, 19.09 Uhr »
Hallo!

Einmal eine anders geartete Einführung in die Philosophie: Kein Aufzählen von Epochen, Schulen, Perioden (es gibt nur einen einleitenden historischen Teil), sondern eine Art themenzentrierte Einteilung: Erkenntnistheorie, Ontologie, Ethik, dazu Abhandlungen über Ästhetik, Logik. Das alles in einer durchaus subjektiven Weise (als ein Vertreter des Neopositivismus), aber - vielleicht gerade deswegen - sehr anregend und lesbar. Denn die Polemiken gegen Intuitionisten und Rationalisten gehören zum besten und unterhaltsamsten des Buches.

Nachdem Kraft sämtliche rationalistische Weltmodelle (wie auch die dialektischen und intuitionistischen Bestrebungen ad absurdum geführt hat - mit durchaus plausiblen Argumenten) steht er vor der Aufgaben, die Philosophie vor den Einzelwissenschaften in ihrem Anspruch, auch Wissenschaft sein zu wollen, retten zu müssen. Und tatsächlich bleibt einer wissenschaftlichen Philosophie wenig, wenn ihre metaphysischen Bemühungen um Gott, Unsterblichkeit oder Seele als bloß fiktive, phantasievolle Spielereien entlarvt werden. Zum einen Fundierung aller Erkenntnistheorie, zum anderen eine Art von systematischer Gesamtsicht aller Einzel-(Real-)wissenschaften, deren Subsumption unter ein größeres Ganzes. Hinter all dem bleiben die mit dem Wiener Kreis verbundenen Ideen einer Einheitswissenschaft (nebst Ablehnung alles Metaphysik) spürbar. Philipp Frank hat ein ähnliches Programm vertreten, wird von Kraft auch zustimmend zitiert: Indem man über die Physik (Frank war Nachfolger Einsteins in Prag und Philosoph) spricht, spricht man bereits in einer Sprache, die nicht mehr zur Physik gehört.

Im Anschluss setzt sich Kraft vor allem mit den Bereichen Ethik und Ästhetik auseinander. Das Problem: Aus Tatsachen (und um die handelt es sich bei Kraft) lassen sich keine Werte ableiten, Metaphysisches setzt ein Werthaltung immer schon voraus (man denke an das Fichtezitat, wo er allein die Entscheidung für eine bestimmte Form von Philosophie bereits bewertet wird). Und so kommt Kraft zu "objektiven" Werten, die darauf abzielen, dass manche Dinge als Mittel einen objektiven Wert haben. Damit ist aber nichts über den Wert des Zweckes ausgesagt: Natürlich hat Penicillin einen objektiven Wert für denjenigen, der Krankheit für etwas Schlechtes hält; aber auch die Atombombe hat einen objektiven Wert - für all jene, denen am Töten von Menschen gelegen ist. Kraft macht also im Grunde nichts anderes, als zu überprüfen, ob ein Mittel für den Zweck, den es zu erreichen gilt, geeignet ist. Das ist dann einigermaßen trivial. Die Zwecke selbst werden über kulturelle Konventionen in einer bestimmten Gesellschaft bestimmt: Auch hierin hat er Recht - in ähnlich trivialer Weise. Solche Zwecke sind historisch und gesellschaftlich bedingt und können nicht auf allgemeine Gültigkeit Anspruch erheben (Kraft tut dies auch nicht).

Bei der Ästhetik verhält es sich sehr ähnlich - auch hier geht seine Analyse in die Richtung, dass es keine Kritierien gibt, die uns definitiv mitteilen, was denn nun schön oder hässlich sei. Weder kann dies vom Kunstobjekt ausgesagt werden, noch vom Kunstsubjekt - dem Betrachtenden (Hörenden, Lesenden). Essenz der relativ langen Ausführungen: Ethik und Ästhetik lassen sich mit wissenschaftlich gedachter Philosophie nicht wirklich in Einklang bringen.

Insgesamt trotz einiger Länger und sprachlicher Antiquiertheiten sehr lesbar, weil man Kraft - im Gegensatz zu vielen anderen Philosophen - sein Bemühen um Klarheit überall anmerkt.

lg

orzifar
Derzeitige Lektüre:

Herbert Schnädelbach: Philosophie in Deutschland 1831 - 1933
Hans Albert: Kritik des theologischen Denkens
John Irving: Owen Meany