Hallo!
Keyserling hab ich vor Ewigkeiten mal gelesen, entsprechend auch meine Erinnerungen: Verschwommen-rudimentär. Und im Grunde war ich skeptisch, befürchtete eine Art von gehobener Schnulze im Stefan-Zweig-Stil.
Aber wenn auch die inhaltliche Thematik an den Österreicher erinnert: Keyserling kann alles besser. Er verzichtet auf das oft schmalzig wirkende Pathos, seine Figuren sind nicht bloß die Inkarnation bestimmter menschlicher Eigenschaften, seine Sprache ist feiner, genauer. Hauptperson ist Doralice, eine junge, reiche, hübsche Dame, die ihrer ersten Verheiratung durch einen Skandal (die Beziehung zu einem Maler) entflohen ist. Sie lebt mit ihm in einem Badeort an der Ostsee, trifft dort auf ihre frühere, adelige Umgebung. Und diese steht ihr höchst ambivalent gegenüber: Zwischen Faszination, die sie vor allem auf junge Leute ausübt und moralinsaurer Verachtung. Ein junger Bräutigam verliebt sich sterblich in sie, seine Braut begeht einen halbherzigen Selbstmordversuch, ein kleiner Skandal, die Familie reist ab.
Hinter all dem steht die psychische Verfasstheit von Doralice, ihr Wunsch nach einem Leben, von dem sie aber nicht sagen könnte, worin es denn wirklich bestehen solle. Behütet aufgewachsen ist sie nach ihrer Heirat das ebenso behütete Schmuckstück des alternden Grafen; nach ihrer Flucht, dem Verfliegen des ersten abenteuerlichen Rausches steht sie wieder vor der eigenen Leere. Nun soll sie Frau des einfachen Malers sein, seinem "Hauswesen" vorstehen. "Den ganzen Tag?" fragt sie - nur immer das - sonst nichts? Allerdings wüsste sie auch keine alternative Antwort zu geben, wurde sie denn erzogen im Sinne eines Frauenbildes, das zwischen Schmuckstück und Mutterrolle angesiedelt war. Die Beziehungen, Liebeständeleien spiegeln bloß ihre innere Leere, ihre Hilflosigkeit, es sind Äußerlichkeiten, Zufälligkeiten, um der Sinnlosigkeit zu entfliehen. Sie weiß und spürt ganz entfernt, dass das Leben doch mehr sein muss als die ihr aufoktroyierten Bilder zeigen, aber ein solches "mehr" ist ebenso unerwünscht wie gesellschaftlich verpönt.
Als ihr Maler stirbt - noch vor der von Doralice erhofften, alles bereinigenden Aussprache - bleibt sie in ihrer vorläufig letzten Rolle zurück: Als traurige Hinterbliebene. Und entspricht auf diese Weise wieder den gesellschaftlichen Konventionen, die den Frauen der damaligen Zeit einzig ein paar wenige, vorgefertigte Rollen zugesteht: Keinesfalls aber ein eigenes Leben, eigene Gedanken oder selbstbestimmtes Tun.
Das Hohle, Oberflächliche einer wurmstichigen, adeligen Gesellschaft vor dem ersten Weltkrieg darzustellen ist Keyserling am Beispiel dieser jungen Frau ausgezeichnet gelungen - ohne der Versuchung zu erliegen, ein zweigsches Rührstück daraus zu machen.
lg
orzifar