Author Topic: Max Frisch: Mein Name sei Gantenbein  (Read 2094 times)

Offline dumbler

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Max Frisch: Mein Name sei Gantenbein
« on: 15. Juli 2009, 13.15 Uhr »
Ein letztes Mal kehrt er in jene Wohnung zurück, hockt auf der Lehne eines Sessels, die Fensterläden sind geschlossen, der Teppich bereits zusammen gerollt und im Kühlschrank modert der Schinken vor sich hin. Vor kurzem wurde hier noch gelebt, er mit seiner Frau. Nun sitzt er dort mit Mantel und Mütze und fragt sich, wie es zu dieser Trennung kommen konnte.

„Ein Mann hat eine Erfahrung gemacht, jetzt sucht er die Geschichte dazu – man kann nicht leben mit einer Erfahrung, die ohne Geschichte bleibt, scheint es, und manchmal stellte ich mir vor, ein anderer habe genau die Geschichte meiner Erfahrung …“

Er macht sich also auf die Suche nach einer Geschichte, erfindet neue Persönlichkeiten mit neuen Biografien. Fiktive Figuren in einer fiktiven Welt, doch geplagt von gleichen Erfahrungsmustern wie der Erfinder. Dadurch, dass er die erdachten Figuren ausführen lässt, kann er seine eigene Position festigen, eine objektivere Sicht seines Handelns und Denkens aufrichten.

Einer seiner Helden nennt sich Gantenbein und ist idealerweise blind, denn auch er muss damals unter Blindheit gelitten haben damit er die beunruhigenden Vorzeichen übersehen konnte. Die Erblindung seiner „Schöpfung“ allerdings ist nur vorgetäuscht, vielleicht um die ahnungslosen Personen um ihn herum besser beobachten zu können, die sich von ihm unbeobachtet fühlen. Vielleicht ist es eine Möglichkeit, durch das bewusste Blindsein gerade deshalb umso gewissenhafter hinzuschauen.

„Er redete von ihr wie von einem wirklichen Menschen, und ich scheine der Einzige zu sein, der sie nicht sieht.“


Nein, natürlich ist die Eifersucht der eigentliche Antrieb, in diese Rolle zu schlüpfen. Und der scheinbar Blinde sieht, was er längst weiß und was sich endlich bestätigen lässt. Aber tut es das wirklich? Denn sind die gefundenen Briefe tatsächlich von einem unbekannten Verehrer und nicht doch von ihm selbst verfasst worden, ist der junge Mann am Flughafen, der gerade seiner Frau mit dem Gepäck behilflich ist wirklich ein Nebenbuhler oder einfach nur ein hilfsbereiter Mensch? Von Eifersucht begleitet glaubt er, seine Frau sei die Schuldige an der Trennung. Durch die Sicht eines Außenstehenden jedoch kristallisiert sich eine Mitschuld heraus.

„Eifersucht […] ist die Kluft zwischen der Welt und dem Wahn.“


Svoboda und Enderlin, weitere ausgedachte Figuren, die sich aber durch ihre Bemühungen der (Re-)Konstruktion einer Geschichte als ungeeignet erweisen. Für Svoboda ist bereits Realität, was sich für Gantenbein noch als mögliches Szenario abzeichnen könnte. Er ist die hoffnungsloseste Gestalt der Erfinder-Phantasie, denn eine Trennung ist unvermeidbar geworden, seine Ablösung als Ehemann steht bereits auf der Türschwelle. Im Gegensatz zu Gantenbein will er nicht sehen, nicht hören, was seine Frau ihm mitzuteilen hat.

„Inzwischen ist es Donnerstag geworden, ja, aber noch immer fällt kein Vorhang; das Leben, das tatsächliche, gestattet ja nicht, dass man es überspringt, nicht um ein Jahr und nicht um einen Monat und nicht um eine Woche, auch wenn man ungefähr weiß, was folgen wird…“

Enderlin ist der zögernde Liebhaber, im Zweifel gefangen, fürchtet Wiederholungen und vermeidet daher eine zweite Liebesnacht mit dieser Frau, die sich doch nicht sonderlich von der ersten unterscheiden wird. Sein Alltag ist ein einziges Déjà-vu, die Angst vor dem Altern macht aus ihm einen unschlüssigen Menschen. Nachdem ihm versehentlich ein früher Tod in Erwartung gestellt wird, bricht Angst oder doch eine versteckte Sehnsucht auf ein rasches Ende hervor? Auch seine Figur wird als untauglich verworfen, weil sie ins Nichts endet.

„Fassaden von gestern, Plätze von gestern, unverändert, die gleichen Straßen und Kreuzungen wie gestern, die monströse Reklame einer Fluggesellschaft, die ihm gestern schon aufgefallen war. Alles unverändert: nur ist es nicht gestern, sondern heute. Warum ist es immer heute?“

Mit Gantenbein scheint er auf der richtigen Fährte, obwohl der Leser nicht wirklich eine Ahnung von dem hat, was der eigentliche Erfinder über eine Sache denkt. Jedes Wort steht einzig in Beziehung zum künstlich Erdachten. Eine Ahnung bleibt, er könne Ähnliches erlebt und gedacht haben, weil alle drei Gestalten äußere Gemeinsamkeiten aufweisen. Aber die Gewissheit fehlt, auch bei ihm selbst. Übrig bleibt eine gesichtslose Leiche – ohne Geschichte.

„Ich bin blind. Ich weiß es nicht immer, aber manchmal. Dann wieder zweifle ich, ob die Geschichten, die ich mir vorstellen kann, nicht doch mein Leben sind. Ich glaub’s nicht. Ich kann nicht glauben, dass das, was ich sehe, schon der Lauf der Welt ist.“

Max Frisch entwirft, skizziert eine Lebensgeschichte mittels dreier fiktionaler Figuren. Dabei werden keine Berge verschoben, sondern ganz unschuldig die einfachen, alltäglichen Situationen einer Beziehung offen gelegt. Zeit und Ort verschwimmen, Wahrheit und Fiktion zerfließen, Identität und Relation variieren, Begebenheiten werden durch neue ausgetauscht, diverse Möglichkeiten zu Ende gedacht, mit der Illusion, Entscheidungen rückgängig machen zu können. Lebensweisheit und Wahrheit lässt Frisch einfließen, weltklug, tiefschürfend und ehrlich, episodenhaft geschrieben, noch dazu in einer packenden Sprache zu endlos kraftvollen Sätzen geformt. Ein Meisterwerk!

Gruß,
dumbler