Wie angekündigt werden hier in loser Folge Schillers sämtliche Dramen gelesen:
• Die Räuber (1781)
• Kabale und Liebe (1783)
• Die Verschwörung des Fiesco zu Genua (1784)
• Don Karlos (1787/88, heute meist Don Carlos)
• Wallenstein-Trilogie (1799)
• Maria Stuart (1800)
• Die Jungfrau von Orléans (1801)
• Die Braut von Messina (1803)
• Wilhelm Tell (1803/04)
Kommentare sind willkommen. Auf ausführliche Inhaltsangaben wird verzichtet, die gibt es überall im Netz (Wiki z.B.) oder im Theaterführer.
Die Räuber. Schauspiel in fünf Akten
Schillers Erstlingswerk habe ich vorher nie gelesen und wahrscheinlich auch nie im Theater gesehen. Trotzdem war mir die Handlung irgendwie bekannt, nicht nur „Franz heißt die Canaille“ oder „Dem Manne kann geholfen werden“: Ungleiche Brüder, ein guter und ein böser. Franz, am Futtertrog väterlicher Zuneigung zu kurz gekommen und deshalb böse, intrigiert. Der alte Vater, gramgebeugt, lässt sich von ihm täuschen. Karl, der Gute, ebenfalls Opfer der Intrige, meint sich vom Vater verstoßen und wird aus Trotz edler Räuberhauptmann, der ausgleichende Gerechtigkeit auf sein Panier geschrieben hat. Amalia, seine Verlobte, ist trotz widrigster Umstände treu und loyal. Alle sterben am Schluss bis auf Karl, der sich der weltlichen Gerechtigkeit übergibt.
Schubarts Erzählung“Zur Geschichte des menschlichen Herzens“ von 1775 gibt die Anregung zu dem Drama. Seit seinem 18. Lebensjahr hat Schiller das Werk in Arbeit und lässt es 1781 nach seiner Entlassung aus der Karlsschule im Selbstverlag drucken. Der Intendant des Mannheimer Nationaltheaters Dalberg regt eine Bühnenbearbeitung an. Die Uraufführung findet am 13. Januar 1782 in Mannheim in Anwesenheit Schillers statt. Schilderung der Zuschauerreaktionen durch einen Anwesenden :
"Das Theater glich einem Irrenhaus, rollende Augen,geballte Fäuste, stampfende Füße, heisere Aufschreie im Zuschauerraum. Fremde Menschen fielen einander schluchzend in die Arme, Frauen wankten, einer Ohnmacht nahe, zur Thüre.
Es war eine allgemeine Auflösung wie im Chaos, aus deßen Nebel eine neueSchöpfung hervorbricht!"
Kein Wunder, bei der Drastik des Dargebotenen, der fast expressionistischen Überzeichnung, den pathetischen und sarkastischen Tönen und einem Realismus, der auch vor Obszönität nicht halt macht! Die französische Dramendoktrin mit ihrer Forderung nach Mäßigung und Dezens ist außer Kraft. Shakespeares Macbeth und Hamlet stehen Pate. An den Grenzen der Menschheit wird gerüttelt. Das jünste Gericht, die Apokalypse werden beschworen! - Kein Zweifel, das Stück trifft den Nerv der Zeit. Von seinem Landesherrn in Haft gesetzt, folgen weitere Aufführungen in anderen deutschen Städten: Hamburg, Leipzig, Berlin. Und das Stück wird schon bald ins Englische und Französische übersetzt. 1792 wird es im Pariser Theatre du Marais aufgeführt, was den Nationalkonvent dazu veranlasst, den Verfasser der revolutionären „Brigands“ zum citoyen francais zu erklären. Ich kann mir gut vorstellen , dass der genialische Sturm+Drang-Held Karl, leidenschaftlich, kühn und grundgut mit seinen Deklamationen über die Ungerechtigkeiten der Welt und besonders auch über die Heuchelei der Religion die Zuschauer zu Begeisterungsstürmen hingerissen hat. Kostprobe:
"Da donnern sie Sanftmut und Duldung aus ihren Wolken und bringen dem Gott der Liebe Menschenopfer wie einem feuerarmigen Moloch - predigen Liebe des Nächsten… stürmen wider den Geiz und haben Peru um goldner Spangen willen entvölkert und die Heiden wie Zugvieh vor ihre Wagen gespannt…O über euch Pharisäer, euch Falschmünzer der Wahrheit, euch Affen der Gottheit! "
Auch Franz, der Böse, sagt, wenn er nicht gerade in pubertärer Weise rast, viel Wahres und Bedeutendes.
Aber gerade das ist es, was auch die Schwäche des Stücks ausmacht: Keine Person wird durch ihre Sprache charakterisiert, alle reden wie Schiller schreibt..., keine ist je sprachlos. Alles wird bis ins Letzte sprachlich ausgeleuchtet…
Auch dass die Dramatik des ganzen Stückes eigentlich nur von der Intrige Franzens angetrieben wird, empfinde ich als Manko. Carl und der Vater - Amalia ahnt ja zum Glück etwas - dürfen gegen jeden gesunden Menschenverstand nichts merken, was sie leichtgläubig und leicht dämlich aussehen lässt…
Aber Schiller hat das in seiner exzellenten „Selbstbesprechung im "Wirtembergischen Repertorium" von 1782 ja selbst bemerkt:
Schlechter bin ich mit dem Vater zufrieden. Er soll zärtlich und schwach sein, und ist klagend und kindisch. Man sieht es schon daraus, daß er die Erfindungen Franzens, die an sich plump und vermessen genug sind, gar zu einfältig glaubt.
Diese Selbstbesprechung ist überaus differenziert und klug, Ein Glücksfall für den Rezipienten seines Erstlings. Eine weitere Kostprobe:
Die Sprache und der Dialog dörften … im ganzen weniger poetisch sein. Hier ist dem Ausdruck lyrisch und episch, dort gar metaphysisch, an einem dritten Ort biblisch, an einem vierten platt. Franz sollte durchaus anders sprechen. Die blumigte Sprache verzeihen wir nur der erhitzten Phantasie, und Franz sollte schlechterdings kalt sein. Das Mädchen hat mir zuviel im Klopstock gelesen. Wenn man es dem Verfasser nicht an den Schönheiten anmerke, daß er sich in seinen Shakespeare vergafft hat, so merkt man es desto gewisser an den Ausschweifungen. Das Erhabene wird durch poetische Verblümung durchaus nie erhabener, aber die Empfindung wird dadurch verdächtiger. Wo der Dichter am wahrsten fühlte und am durchdringendsten bewegte, sprach er wie unser einer.
Im nächsten Drama erwartet man Besserung…