Titelfortsetzung: Der Ursprung von Recht und Unrecht bei Menschen und anderen Tieren.
Hallo!
Ich habe schon einmal ein Buch von de Waal hier rezensiert (und es damals ich den höchsten Tönen gelobt). Und dieses Lob kann auch für das vorliegende Buch gelten, dass sich insbesondere mit gesellschaftlichen und moralisch-ethischen Aspekten im Zusammenleben unserer Verwandten beschäftigt.
Über all die Jahrhunderte haben Philosophen über das Entstehen von Gruppen, Gemeinschaften, Zivilisationen nachgedacht, es wurden verschiedene "Urzustände" angenommen, die hinwiederum Ausgangspunkt für "Gesellschaftsverträge" und unterschiedliche Menschenbilder wurden. Diese Spekulationen muten dem heutigen Leser oft sonderbar an, allerdings nicht sonderbarer, als die Ergüsse rezenter Soziologen. Denn es ist im Grunde so unverständlich wie ignorant, dass die meisten Ethikprofessoren, Verfassungstheoretiker und Sozialwissenschaftler von der Ethologie (und im besonderen von der Verhaltensforschung bei Primaten) überhaupt keine Notiz nehmen, obschon sich hier Gemeinschaftsbildung in statu nascendi beobachten lässt und man Rückschlüsse auf unsere eigene Vergangenheit zu ziehen berechtigt ist. Für all jene Bereiche, die mit dem Zusammenleben, sozialen Interagieren, mit gesellschaftlichen Hierarchien und dergleichen zu tun haben, ist eine solche Kenntnis unerlässlich. Sie würde so manche hochtrabende Theorie "erden", seltsame Idealvorstellungen (in positiver wie negativer Hinsicht) des Menschseins ad absurdum führen und diesen Disziplinen zu einem viel stärker in der Realität verankerten Dasein verhelfen.
Aber wenn es um gesellschaftliche Konflikte sich handelt, um "Gut und Böse", um unser aller Zusammenleben, werden unzählige "Fachleute" versammelt (nebst Vertretern sämtlicher Glaubensrichtungen), die dann ihre im Elfenbeinturm ersponnenen oder durch Offenbarung übermittelten Moralcodices der Öffentlichkeit präsentieren dürfen. (Noch nie habe ich etwa bei entsprechenden Diskussionen im TV einen Verhaltensforscher gesehen, hingegen stets mindestens einen Moraltheologen, dessen Dummheit in ethischen Fragen schon durch seine Zugehörigkeit zu seiner Kirche evident ist). Gerade in moralphilosophischer Hinsicht bleibt ein unglaubliches Potential ungenutzt, man lernt auswendig, was Aristoteles über das "zoon politikon" zum besten gab, lauscht Diskursen über die Auseinandersetzungen von Dominikanern und Franziskanern im Mittelalter oder analysiert die Konzeption des "Übermenschen"; nirgendwo aber werden die Wurzeln dessen betrachtet, was uns irgendwann in der Geschichte - sukzessive - zu jenem Menschen machte, der gerade im Begriffe ist, seinem Gegenüber bzw. seiner Umwelt den Garaus zu machen. Und das, obwohl ganz offenkundig noch sehr viel tierisches Erbe in uns steckt - im positiven wie im negativen. Denn wir sind keineswegs nur Erben des Aggressionstriebes, sondern auch der altruistischer Neigungen (warum auch sollten nur erstere "tierischen" Ursprungs sein) - und wir werden unsere Probleme (gesellschaftlicher, sozialer Art) nur lösen, wenn wir von einem realistischen, "natürlichen" Menschenbild ausgehen, einem Bild, das sowohl Liebe, Zuneigung und Uneigennützigkeit als auch Mordgier, Intoleranz und Misstrauen beinhaltet.
De Waals Darstellungen verdienen uneingeschränkt das Prädikat großartig: Weder verklären sie den Menschen noch verdammen sie ihn, sondern zeichnen ein ungeschöntes Bild unserer tierischen Vergangenheit, einer Vergangenheit, die uns in den Gemeinschaften von Schimpansen oder Bonobos die eigene Entwicklung (wie von einer Zeitmaschine übermittelt) vor Augen führt. Denn seit wir nur noch in besoffen-illuminiert-religiösem Zustande von uns als Ebenbild Gottes sprechen können, seit wir um unsere Eingebundenheit in die Natur, in die Tierwelt wissen, sollte sich auch die Philosophie - insbesondere die ethisch-gesellschaftlichen Richtungen - mit dieser Vergangenheit beschäftigen. Aber statt sich mit den diesbezüglichen Forschungsergebnissen auseinanderzusetzen, untersucht man ein ums andere Mal Rousseaus "edlen Wilden", die Hobbeschen und Lockeschen Urgesellschaften und füllt sich den Gelehrtenschlund mit unfruchtbarem Bücherstaub von Jahrhunderten.
Wie ich dem Epistemologen das Buch Carnaps empfehle, so - und eigentlich mit noch mehr Nachdruck - möchte ich de Waals Bücher dem Moralphilosophen anraten. Es ist im Grunde eine fast selbstverständliche Forderung, nämlich jene, sich als Philosoph zumindest einigermaßen mit den wichtigsten wissenschaftlichen Erkenntnissen vertraut zu machen. So etwas wurde im Wiener Kreis gefordert, hat aber seither wieder an Bedeutung verloren: Zum Sein des Seienden und dem ens summum ist in den letzten Jahrzehnten einzig die gesellschaftlich-dialektische Methode (nebst Wahrsagefunktion, die einem jeden Astrologen die Schamesröte ins Gesicht treiben würde) und poststrukturalister Nonsens getreten. Das Ganze gut verrührt mit ein wenig Soziologenjargon einer Prise Fremdwörterfetischismus ergibt Abertausende Seiten unverdaulicher Philosophie. Mahlzeit.
lg
orzifar