Author Topic: O. Henry: Kohlköpfe und Könige, Geschichten (Streng geschäftlich)  (Read 7364 times)

Offline orzifar

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Hallo!

O. Henry ist bekannt als Geschichtenerzähler und weniger als Romancier - und daher überrascht es nicht wirklich, wenn dieser Roman eher einer Geschichtensammlung gleicht denn einem großen, zusammenhängenden Ganzen. Der Unterhaltung des Lesers tut dies aber keinen Abbruch: Witzig, einfallsreich und mit viel Ironie erzählt der Autor vom Schicksal der Bananenrepublik Anschuria, irgendwo in der Karibik. Es ist - wie erwähnt - eher eine Anektdotensammlung, vielleicht den Mansurischen Geschichten Lenz' zu vergleichen, mit einem pfiffigen, lebensklugen Personal, das - trotz diverser Rückschläge - nach Möglichkeit sucht, einigermaßen glücklich und zufrieden das Dasein zu fristen.

So wird erzählt von einem großangelegten Schuhdeal für Barfüßige, einer Flaschenpost, die Glück und - beinahe - den Tod bringt, betrogenen Versicherungsgesellschaften, betrügerischen Staatspräsidenten und diversen Abenteurern, die - statt einem geknechteten Volk mit Waffengewalt zur Freiheit zu verhelfen - schon mal statt der Waffen Spitzhacke und Spaten ausgehändigt bekommen, um die Infrastruktur des betreffenden Landes auf Vordermann zu bringen. O. Henry beherrscht diese Kurzform perfekt, er setzt wunderbare Pointen, vermag Spannung zu erzeugen, Interesse zu erwecken. Ich scheine da einen großen Geschichtenerzähler zu wenig Aufmerksamkeit gezollt zu haben.

lg

orzifar
« Last Edit: 05. Januar 2013, 00.32 Uhr by orzifar »
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Offline sandhofer

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Re: O. Henry: Kohlköpfe und Könige
« Reply #1 on: 08. Dezember 2012, 09.55 Uhr »
Ich scheine da einen großen Geschichtenerzähler zu wenig Aufmerksamkeit gezollt zu haben.

Dan sind wir in der Tat zwei. Ich glaube nicht, dass ich überhaupt schon mal was von O. Henry gelesen habe, auch wenn mir der Name bekannt war.
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Offline Gontscharow

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Re: O. Henry: Kohlköpfe und Könige
« Reply #2 on: 08. Dezember 2012, 12.24 Uhr »
Ich scheine da einen großen Geschichtenerzähler zu wenig Aufmerksamkeit gezollt zu haben.

Dan sind wir in der Tat zwei. Ich glaube nicht, dass ich überhaupt schon mal was von O. Henry gelesen habe, auch wenn mir der Name bekannt war.

Waas? :o Ihr kennt oder kanntet die Erzählung Das Geschenk der Weisen nicht? Die rührseligste  aller Lesebuch-Weihnachtsgeschichten ? Ihr ist sogar ein Wikipedia- Artikel gewidmet:
Das Geschenk der Weisen (im Original The Gift of the Magi) ist eine Kurzgeschichte von O. Henry aus dem Jahr 1906 über ein junges Ehepaar mit wenig Geld, das sich gegenseitig mit einem Weihnachtsgeschenk überrascht. Die sentimentale Geschichte mit ihrer Moral über das Beschenken wird gern adaptiert, besonders für Aufführungen während der Weihnachtszeit. Die Handlung und ihre überraschende Wendung sind sehr bekannt und werden gelegentlich parodiert….

Morgen ist der zweite Advent, reichlich Gelegenheit, Versäumtes nachzuholen. :angel:
« Last Edit: 08. Dezember 2012, 12.44 Uhr by Gontscharow »

Offline sandhofer

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Re: O. Henry: Kohlköpfe und Könige
« Reply #3 on: 08. Dezember 2012, 13.07 Uhr »
Morgen ist der zweite Advent, reichlich Gelegenheit, Versäumtes nachzuholen. :angel:

Morgen werde ich den Rausch von der heutigen Weihnachtsfeier ausschlafen (sofern mich unser Hund lässt) und mir dann mit Hamann einen neuen anlesen ...  >:D

Und Dein Hinweis auf diese Geschichte hat mich gerade wieder sehr misstrauisch gegen O. Henry werden lassen ...  ::)
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Offline orzifar

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Re: O. Henry: Kohlköpfe und Könige
« Reply #4 on: 08. Dezember 2012, 19.36 Uhr »
Hallo,

die Geschichte kannte ich, ohne zu wissen, dass sie von O. Henry ist. Hier für den Chef des Hauses nachzulesen. Und sie zeigt durchaus in Ansätzen das, was ich an O. Henry schätze. Bei aller Sentimentalität ist hier einer am Zwinkern.

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orzifar
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Re: O. Henry: Kohlköpfe und Könige
« Reply #5 on: 08. Dezember 2012, 19.46 Uhr »
Hallo!

Bei aller Sentimentalität ist hier einer am Zwinkern.

Hm ... jein. Ich kannte die Geschichte - jedenfalls eine Variation davon - ebenfalls schon lange. Sie könnte im Grunde genommen von Johann Peter Hebel sein. Den ich im übrigen sehr mag. Aber wenn ich Hebel habe - und den habe ich -, brauche ich O. Henry nicht ...  :)
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Offline orzifar

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Re: O. Henry: Kohlköpfe und Könige
« Reply #6 on: 08. Dezember 2012, 20.41 Uhr »
Hallo!

Bei aller Sentimentalität ist hier einer am Zwinkern.

Hm ... jein. Ich kannte die Geschichte - jedenfalls eine Variation davon - ebenfalls schon lange. Sie könnte im Grunde genommen von Johann Peter Hebel sein. Den ich im übrigen sehr mag. Aber wenn ich Hebel habe - und den habe ich -, brauche ich O. Henry nicht ...  :)

Ach, den Hebel mag ich auch. Allerdings meine ich dessen Sentimentalität ernster nehmen zu müssen als die O. Henrys. Ich kann mich - wie schon einmal erwähnt - manchmal des Verdachtes nicht erwehren, dass die Patina des Altehrwürdigen ein wenig mehr an Nachsicht für sich beanspruchen darf (vor allem dann, wenn ich an eine gewissen Burg des englischen 18. Jahrhunderts denke), als ihr meines Erachtens zukommen würde.

Eine Geschichtensammlung ("Streng geschäftlich") habe ich in meinem Regalen noch ausfindig gemacht (es gibt - auf Deutsch - 6 Bände Erzählungen, wie ich in Erfahrung brachte, auf Englisch sind es 18 Bände, die aber schwer zu bekommen sind, wobei eine Auswahl das Schlechteste oft nicht ist): Und ich bin durchaus froh über diese Gutenachtlektüre.

lg

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Re: O. Henry: Kohlköpfe und Könige
« Reply #7 on: 09. Dezember 2012, 06.59 Uhr »
Ach ... jeder Autor hat das Recht auf schwächere Geschichten. Und Weihnachtsgeschichten haben offenbar von Natur aus einen Hang zur Sentimentalität und zum Kitsch. Ich habe den O. Henry ja nicht ganz züruckgestellt.  ;)

(Selbst seine Weihnachtsgeschichte ist ja trotz allem immer noch weniger sentimental als jene noch berühmteresn von einem gewissen Dickens.)
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Offline sandhofer

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Re: O. Henry: Kohlköpfe und Könige
« Reply #8 on: 09. Dezember 2012, 08.48 Uhr »
Im übrigen denke ich eher, dass wir unterschiedliche Einstellung im Sentimentalitätsradar haben. Den Vicar of Wakefield, den ich ob seiner Sentimentalität nicht sehr hoch schätze, fandest Du, orzifar, ja hingegen sehr ironisch angelegt.  >:D
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Offline Gontscharow

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Re: O. Henry: Kohlköpfe und Könige
« Reply #9 on: 09. Dezember 2012, 14.14 Uhr »
Ach, den Hebel mag ich auch. Allerdings meine ich dessen Sentimentalität ernster nehmen zu müssen als die O. Henrys...

Das versteh ich nun gar nicht. Hebels Erzählungen sentimental? Ich kenne keine, die sentimental wäre und bin daher auch nicht mit sandhofer einer Meinung, dass...
 
...die Geschichte... im Grunde genommen von Johann Peter Hebel sein (könnte).

Oder sehr im Grunde genommen. Interessante Kreativaufgabe: Wie  hätte Hebel diese Geschichte erzählt? Etwa so: Junge Frau erwirbt eine Uhrkette, um sie ihrem Mann zum Geschenk zu machen. Sie erfährt, dass ihr Mann die Uhr heimlich verkauft hat, um für sie einen Haarschmuck zu kaufen. Maßlos enttäuscht darüber, dass ihr Geschenk nun sinnlos geworden ist, schneidet sie ihr Haar ab, damit ihm Freude an seinem Geschenk auch nicht vergönnt sei. Selbst-, Neidlosigkeit und andere hehre Regungen sind  kein Thema beim Realisten Hebel. Ich denke an die Geschichte mit dem Wirt, der einen Zechpreller ungeschoren lassen will unter der Bedingung, dass dieser dasselbe bei seinem Konkurrenten abzieht, und erfährt, dass letzterer ihn bereits zu ihm geschickt hat. Oder an die Geschichte mit den drei Wünschen, die einem armen jungen Ehepaar von einer Bergfei  gewährt werden. Die Frau wünscht sich unbedacht ein Würstchen in die Pfanne, der Mann daraufhin wütend ihr die Wurst an die Nase und den dritten Wunsch müssen sie dafür vertun, den bescheidenen status quo vor Erscheinen der Wunschfee wieder herzustellen!

Ach ... jeder Autor hat das Recht auf schwächere Geschichten. Und Weihnachtsgeschichten haben offenbar von Natur aus einen Hang zur Sentimentalität und zum Kitsch.

Das ist wahr.. . Ich kenne nur diese Weihnachtsgeschichte von O’ Henry und bin  nie auf die Idee gekommen, weiteres von ihm zu lesen. Aber er scheint ja ein Altmeister der short-Story zu sein, übrigens u. a. von Böll geschätzt und übersetzt, wie ich gesehen habe. Ich bin daher froh, wenn du uns weiter über den Geschichtenerzähler O’Henry auf dem Laufenden hältst!


Offline orzifar

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Re: O. Henry: Kohlköpfe und Könige, Geschichten (Streng geschäftlich)
« Reply #10 on: 05. Januar 2013, 00.32 Uhr »
Hallo!

Habe nun auch den Band "Streng geschäftlich" (Kurzgeschichten) gelesen, bei denen teilweise das Verdikt "kitschig" angebracht wäre. Zumeist aber mit Vorbehalt, da O. Henry sehr genau weiß, was er da schreibt, immer wieder auktoriale Posen einnimmt, sich direkt an den Leser wendet und aus eine Metaposition heraus die einzelnen Charaktere schilder (wie im übrigen z. T. auch in der Weihnachtsgeschichte). Allerdings sind die Pointen mitunter bescheiden, ich jedenfalls habe den Roman sehr viel lieber gelesen als diese Geschichtensammlung. Aber dennoch ganz unterhaltend und amüsant, wenn auch nicht ein Anlass, mir sämtliche Erzählbände des Autors zuzulegen.

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Offline Gontscharow

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Re: O. Henry: Kohlköpfe und Könige, Geschichten (Streng geschäftlich)
« Reply #11 on: 05. Januar 2013, 11.39 Uhr »


... bei denen teilweise das Verdikt "kitschig" angebracht wäre. Zumeist aber mit Vorbehalt, da O. Henry sehr genau weiß, was er da schreibt, immer wieder auktoriale Posen einnimmt, sich direkt an den Leser wendet und aus eine Metaposition heraus die einzelnen Charaktere schilder (wie im übrigen z. T. auch in der Weihnachtsgeschichte)...

Hallo orzifar!
Bist du mir jetzt böse, wenn ich sage, dass die Gute-Onkel- Erzählhaltung im Geschenk der Weisen keine Gegenindikation gegen Kitsch und Rührseligkeit ist, sondern vielmehr nicht unerheblich dazu beiträgt???

Offline orzifar

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Re: O. Henry: Kohlköpfe und Könige, Geschichten (Streng geschäftlich)
« Reply #12 on: 05. Januar 2013, 12.40 Uhr »
Bist du mir jetzt böse, wenn ich sage, dass die Gute-Onkel- Erzählhaltung im Geschenk der Weisen keine Gegenindikation gegen Kitsch und Rührseligkeit ist, sondern vielmehr nicht unerheblich dazu beiträgt???

Och nein, ich bin nicht böse  :). Vielleicht liegt die unterschiedliche Einschätzung darin, dass ich bei den anderen Geschichten auch immer den Eindruck der Ironie hatte.

lg

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