Hallo!
O. Henry ist bekannt als Geschichtenerzähler und weniger als Romancier - und daher überrascht es nicht wirklich, wenn dieser Roman eher einer Geschichtensammlung gleicht denn einem großen, zusammenhängenden Ganzen. Der Unterhaltung des Lesers tut dies aber keinen Abbruch: Witzig, einfallsreich und mit viel Ironie erzählt der Autor vom Schicksal der Bananenrepublik Anschuria, irgendwo in der Karibik. Es ist - wie erwähnt - eher eine Anektdotensammlung, vielleicht den Mansurischen Geschichten Lenz' zu vergleichen, mit einem pfiffigen, lebensklugen Personal, das - trotz diverser Rückschläge - nach Möglichkeit sucht, einigermaßen glücklich und zufrieden das Dasein zu fristen.
So wird erzählt von einem großangelegten Schuhdeal für Barfüßige, einer Flaschenpost, die Glück und - beinahe - den Tod bringt, betrogenen Versicherungsgesellschaften, betrügerischen Staatspräsidenten und diversen Abenteurern, die - statt einem geknechteten Volk mit Waffengewalt zur Freiheit zu verhelfen - schon mal statt der Waffen Spitzhacke und Spaten ausgehändigt bekommen, um die Infrastruktur des betreffenden Landes auf Vordermann zu bringen. O. Henry beherrscht diese Kurzform perfekt, er setzt wunderbare Pointen, vermag Spannung zu erzeugen, Interesse zu erwecken. Ich scheine da einen großen Geschichtenerzähler zu wenig Aufmerksamkeit gezollt zu haben.
lg
orzifar