Author Topic: Johann Georg Hamann  (Read 6534 times)

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Re: Johann Georg Hamann
« Reply #15 on: 13. Dezember 2012, 16.57 Uhr »
Mit Hamann warm zu werden, ist nur wenigen gelungen. Und falls Du herausfindest, wohin der Zug fährt, sag es mir doch bitte. Nach über drei Jahrzehnten Beschäftigung mit Hamann weiss ich immer noch nicht, was ich von ihm halten soll.

Auch wenn viele Textstellen selbst nach mehrmaligem Lesen unklar bleiben, so meine ich doch folgende Essenzen aus den "Sokratischen Denkwürdigkeiten" und den "Aesthetica" isolieren zu können:

Hamann wendet sich gegen die große geistige Strömung seiner Zeit, gegen die französischen Enzyklopädisten, gegen Voltaire, gegen Moses Mendelssohn und Lessing - und damit so ziemlich gegen alles, was um 1760 unter der Flagge "Aufklärung" unterwegs war. Das damals gängige ästhetische Konzept, wonach die Kunst die Natur nachzuahmen habe, weist er ebenso wie die naturwissenschaftlichen Erkenntnisse Newtons und Buffons als mordlügnerische Philosophie zurück. Auch Winckelmanns Griechenliebe nennt er verächtlich Abgötterey. Seine Rhetorik ist durchgängig rückwärtsgewandt. Wenn ich es nicht besser wüsste, dann hielte ich diese Schriften für Werke des frühen 17. Jahrhunderts.   

Was hält er der Aufklärung entgegen? Man ahnt es bereits: der liebe Gott muss herhalten, um die Tenne der Literatur zu fegen (schönes Bild übrigens). Eigentlich ist damit der Punkt erreicht, an dem man Hamann geistig ungefährdet zur Seite legen könnte, wenn da nicht auch solche Sätze wären: Poesie ist die Muttersprache des menschlichen Geschlechts ... Ein tieferer Schlaf war die Ruhe unserer Urahnen; und ihre Bewegung, ein taumelnder Tanz. Sieben Tage im Stillschweigen des Nachsinns oder Erstaunens saßen sie; –– und thaten ihren Mund auf – zu geflügelten Sprüchen. Sinne und Leidenschaften reden und verstehen nichts als Bilder. In Bildern besteht der ganze Schatz menschlicher Erkenntniß und Glückseligkeit. Der erste Ausbruch der Schöpfung, und der erste Eindruck ihres Geschichtschreibers; –– die erste Erscheinung und der erste Genuß der Natur vereinigen sich in dem Worte: Es werde Licht! hiemit fängt sich die Empfindung von der Gegenwart der Dinge an.

Es müssen diese oder ähnliche Passagen gewesen sein, die Herder und Goethe dazu veranlassten, in Hamann einen ganz Großen ihrer Zeit zu bewundern.

Offline sandhofer

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Re: Johann Georg Hamann
« Reply #16 on: 14. Dezember 2012, 16.40 Uhr »
Ist wohl in nuce unser Hamann, ja.  ;)
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Offline sandhofer

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Re: Johann Georg Hamann
« Reply #17 on: 16. Dezember 2012, 20.59 Uhr »
Die Bände 4 - 6 der HKA sind dann nur noch ungeordnete Notizen in Band 4 (also noch allenfalls zum Nachschlagen gut - so hat Hamann gemäss seinen Notizen offenbar zumindest einen Band des Tableau de Paris von Mercier gelesen), dann Konkordanzen und Personenverzeichnisse. Wie so etwas in den 50er Jahren des letzten Jahrhunderts hat gelobt werden können, entzieht sich meinem philologischen Bewusstsein. Da war bereits 50 Jahre früher die Herder-HKA auf einem ganz andern Niveau ...
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Offline sandhofer

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Re: Johann Georg Hamann
« Reply #18 on: 24. Dezember 2012, 08.40 Uhr »
so meine ich doch folgende Essenzen aus den "Sokratischen Denkwürdigkeiten" und den "Aesthetica" isolieren zu können:

Ich habe - quasi in Ergänzung zu Deinen Ausführungen - im Blog noch etwas zu den Sokratischen Denkwürdigkeiten geschrieben:

http://blog.litteratur.ch/WordPress/?p=2440
« Last Edit: 24. Dezember 2012, 10.13 Uhr by sandhofer »
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Offline Sir Thomas

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Re: Johann Georg Hamann
« Reply #19 on: 27. Dezember 2012, 09.39 Uhr »
so meine ich doch folgende Essenzen aus den "Sokratischen Denkwürdigkeiten" und den "Aesthetica" isolieren zu können:

Ich habe - quasi in Ergänzung zu Deinen Ausführungen - im Blog noch etwas zu den Sokratischen Denkwürdigkeiten geschrieben:

http://blog.litteratur.ch/WordPress/?p=2440

Sehr schön, danke. Bevor ich Hamann endgültig zur Seite lege, bleibt die Frage: Welchem Umstand verdankt dieser obskure "Philosoph" die Tatsache, im 21. Jahrhundert noch zur Kenntnis genommen zu werden? Mein Verdacht: Goethes Verdikt, Hamann sei ein gescheiter Kopf, hat wohl sehr geholfen. Oder gibt es handfestere Gründe? 

Offline sandhofer

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Re: Johann Georg Hamann
« Reply #20 on: 27. Dezember 2012, 10.54 Uhr »
Bevor ich Hamann endgültig zur Seite lege, bleibt die Frage: Welchem Umstand verdankt dieser obskure "Philosoph" die Tatsache, im 21. Jahrhundert noch zur Kenntnis genommen zu werden? Mein Verdacht: Goethes Verdikt, Hamann sei ein gescheiter Kopf, hat wohl sehr geholfen. Oder gibt es handfestere Gründe? 

Doch, ich denke schon. Goethe hielt ja so manchen für einen klugen Kopf. Aber Recht hatte er damit eigentlich nur bei Herder, Hamann und Schiller ...

Hamann nun ist einer der ersten, der die Fallen bemerkt hat, die die Sprache der Philosophie bzw. dem Philosophen stellt. Seine Kritik an Kant beruht dann sehr stark auf sprachphilosophischen Argumenten. Ich hoffe, demnächst mal dazu zu kommen, was zu Hamanns Metakritik schreiben zu können.
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