Mit Hamann warm zu werden, ist nur wenigen gelungen. Und falls Du herausfindest, wohin der Zug fährt, sag es mir doch bitte. Nach über drei Jahrzehnten Beschäftigung mit Hamann weiss ich immer noch nicht, was ich von ihm halten soll.
Auch wenn viele Textstellen selbst nach mehrmaligem Lesen unklar bleiben, so meine ich doch folgende Essenzen aus den "Sokratischen Denkwürdigkeiten" und den "Aesthetica" isolieren zu können:
Hamann wendet sich gegen die große geistige Strömung seiner Zeit, gegen die französischen Enzyklopädisten, gegen Voltaire, gegen Moses Mendelssohn und Lessing - und damit so ziemlich gegen alles, was um 1760 unter der Flagge "Aufklärung" unterwegs war. Das damals gängige ästhetische Konzept, wonach die Kunst die Natur nachzuahmen habe, weist er ebenso wie die naturwissenschaftlichen Erkenntnisse Newtons und Buffons als
mordlügnerische Philosophie zurück. Auch Winckelmanns Griechenliebe nennt er verächtlich
Abgötterey. Seine Rhetorik ist durchgängig rückwärtsgewandt. Wenn ich es nicht besser wüsste, dann hielte ich diese Schriften für Werke des frühen 17. Jahrhunderts.
Was hält er der Aufklärung entgegen? Man ahnt es bereits: der liebe Gott muss herhalten, um die
Tenne der Literatur zu fegen (schönes Bild übrigens). Eigentlich ist damit der Punkt erreicht, an dem man Hamann geistig ungefährdet zur Seite legen könnte, wenn da nicht auch solche Sätze wären:
Poesie ist die Muttersprache des menschlichen Geschlechts ... Ein tieferer Schlaf war die Ruhe unserer Urahnen; und ihre Bewegung, ein taumelnder Tanz. Sieben Tage im Stillschweigen des Nachsinns oder Erstaunens saßen sie; –– und thaten ihren Mund auf – zu geflügelten Sprüchen. Sinne und Leidenschaften reden und verstehen nichts als Bilder. In Bildern besteht der ganze Schatz menschlicher Erkenntniß und Glückseligkeit. Der erste Ausbruch der Schöpfung, und der erste Eindruck ihres Geschichtschreibers; –– die erste Erscheinung und der erste Genuß der Natur vereinigen sich in dem Worte: Es werde Licht! hiemit fängt sich die Empfindung von der Gegenwart der Dinge an. Es müssen diese oder ähnliche Passagen gewesen sein, die Herder und Goethe dazu veranlassten, in Hamann einen ganz Großen ihrer Zeit zu bewundern.